Täglich bei SPIEGEL ONLINE "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma
Teil 1: Die Innenwelt
VII. Ein Treffen
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Der Moment ist für Benno günstig. Pohl fühlt sich zu Hause, solange er über seine Branche und die Macht seines Verlages reden kann: "Sie sind kein Internet-Spezialist und kein Polizeireporter, oder?" Er beobachtet den leisen Ruck, der durch sein Gegenüber geht. "Wie kommen Sie also zu dieser Geschichte?" Arschloch, denkt Marc. Du hast dich informiert. Du bist gerissener als ich dachte. Er nickt ernst. "Die Frau des zweiten Opfers war früher Schauspielerin. Das ist alles. Ich kam dazu wie die Jungfrau zum Kind." Und jetzt bin ich mal gespannt, ob du noch weitere Überraschungen auf Lager hast. Wahrscheinlich magst du meine Zeitung auch nicht besonders.
Bennos "Bild"-Bild stammte in weiten Teilen aus Heinrich Bölls "Die verlorene Ehre der Katharina Blum". "Bild" war ein Revolverblatt für Leute mit Faible für Dosenbier, Campingurlaub und die Titten der jungen Nachbarin; Leute eben, die sich auch noch aufgeilten an den großen Lettern über Kinder-Pornos. Aber "Bild" war mächtig. Die Pressestelle hat eine Heidenangst vor denen. Und so fies sah dieser Pohl nun auch nicht aus. Ich muss einlenken. "Glauben Sie, dass hinter den Morden System steckt?"
Melander scheint weniger zu wissen als ich. Oder er versucht, mich auszuhorchen. Na toll. Das lohnt sich hier ja. Aber es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen. Marc greift nach einem "Schoko Leibniz", legt den Keks neben den Kaffeebecher und sagt: "Die Wahrheit ist: Meine Chefredaktion hofft, dass es diesen Mörder gibt. Wir sind mitten im Sommerloch. Wir brauchen Geschichten. Und ich persönlich...", er knabbert an dem Keks, um Zeit zu gewinnen, "ich glaube, dass es ihn gibt, ja. Und dass er weitermachen wird. Ich weiß nicht, was ihn treibt und wie er es macht. Aber ich glaube an ihn. Sie nicht?" Los, jetzt pack mal aus, was du weißt. Quid pro quo. Ob du was weißt. Ehrlicher geht's doch nicht mehr. Hilf mir, bitte!
Okay, ich glaub ihm. Das gerade war echt. Das kann man nicht spielen. Er gibt es ja zu, dass es ihm vor allem um die Geschichte geht. So angreifbar lügt niemand. Benno umgreift mit den Händen seinen Porzellan-Becher. "Wir haben bisher nur Indizien. Aber es sieht wirklich so aus, als gebe es ihn. Ja. Ich glaub das auch."
Na also, und jetzt mal ein Stück voran. Nicht alles auf einmal, aber einen Schritt. "Wie macht er es? Wie stellt er es an? In welchen Chats trifft er seine Opfer?" Damit hab ich gleich mal klar gemacht, dass ich die Sache mit den Chats gar nicht mehr in Frage stelle. Los, schnapp den Köder!
Nicht so schnell. Das geht mir alles zu schnell. "Sie sollten nichts darüber schreiben", sagt Benno. "Bisher fühlt er sich noch sicher, wenn es ihn überhaupt gibt. Was glauben Sie, was los ist, wenn er sich erkannt fühlt? Dann wird er noch vorsichtiger, als er ohnehin schon ist." Scheiße, hoffentlich hat er das jetzt überhört. War vielleicht doch eine Spur zu weit.
Ha ha, du bist ihm schon auf der Spur. Aber gut, ich lass dir den Punkt. "Es ist mein Job", sagt Marc. "Lange kann das BKA den Zusammenhang ohnehin nicht mehr unter der Decke halten." Werd' versöhnlicher, los! "Und vielleicht finden wir ihn gemeinsam schneller, Herr Melander." Ja, nenn seinen Namen. Das schafft Nähe. "Er wird sich nicht mehr sicher fühlen. Er wird Angst bekommen, Fehler zu machen. Genau deshalb wird er Fehler machen." Marc muss sich keine Mühe machen, müde auszusehen.
"Das Problem ist: Es gibt tausende von Chats, Herr Pohl. Allein in Deutschland." Melander denkt jetzt nicht mehr groß nach, was er sagt. Das gegenseitige Belauern ist anstrengend. Pohl wird die Geschichte schreiben. So oder so. Soll er der Erste sein. Er hat so wenig in der Hand wie ich. Und er hat noch nicht einmal eine Ahnung davon, auf was er sich da einlässt. "Allein bei AOL, dem zweitgrößten deutschen Provider, gibt es tausende. Aber nur das Opfer aus Hamburg war bei AOL registriert. Dazu kommen die Internet Relay Chats, die ICQ-Ebene, das World Wide Web und so weiter. Von den anderen Netzen ganz zu schweigen."
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