Täglich bei SPIEGEL ONLINE: "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma - DER SPIEGEL
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Täglich bei SPIEGEL ONLINE "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Teil 2: ...der Außenwelt…


I. Der Anfang

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The Cold Song (Klaus Nomi)

Manchmal beginnen Sommergewitter mit einem lauten, krachenden Schlag, der aus dem wolkenlosen Nichts über die Felder rollt. Großstadt-Kinder denken dann allenfalls an einen Phantom-Jet der Bundeswehr, der gerade die Schallmauer durchbricht. Sie kennen das Wort "natürlich" nur noch von den Etiketten ihrer Joghurts und Bio-Müslis. Sie kennen die Stille nicht, die sich nach diesem ersten fernen Donner wie ein Gaze-Schleier über das Land legt und Pferde und Vögel und Hunde und Grillen verstummen lässt.

Die Ruhe ist das eigentliche Vorspiel, die unerhörte Begleitmusik zu den dunklen Regenwolken, die sich in düsterer Schlachtordnung am Himmel formieren, während die ersten Windböen durch die Bäume streichen.

Buchen sollst du suchen! Vor Eichen sollst du weichen!

Marc kennt den Spruch aus seiner Jugend auf dem Land. Er ist sich nicht sicher, ob Kinder den Satz heute überhaupt noch verstehen - oder verstehen müssen, weil im Umkreis einer kurzen Atemlosigkeit doch immer schon das nächste Haus, ein schützender U-Bahn-Schacht oder eine Einkaufspassage warten. Marc ist sich nicht einmal sicher, ob die alte Bauernregel überhaupt irgendeinen Sinn macht, weil er sich zu erinnern glaubt, irgendwann gelesen zu haben, dass das ziemlicher Quatsch sei mit den Buchen und den Eichen. Eichen entwickelten in der Regel lediglich höhere Baumkronen als Buchen und zögen deshalb Blitze eher an.

Gott, er braucht dringend Diazepam. Marc schließt die Augen und sieht riesige Wolkenformationen, die funkenschlagend gegeneinanderprallen. Er hört das Grollen, das noch Mühe hat, dem Zucken der Blitze zu folgen. Früher liebte er das. Dann setzte er sich still auf eine hügelige Anhöhe, zog die Beine an, legte das Kinn auf die angewinkelten Knie und erwartete das Unvermeidliche, das als große, schwere Dunkelheit über das Land kroch. Die Stille, die in seinen Ohren zu dröhnen begann, bis der Donner greller und die Blitze lauter wurden. Solche Sommer-Gewitter endeten nie auf halbem Weg. Sie verkrochen sich nicht einfach. Sie ließen ihn nicht links liegen. Sie schienen ihn zu suchen, um sich über ihm zu entladen, ihn ihre satte monströse Kraft spüren zu lassen, sich in Sekundenschnelle aufbauen und erst viel später auflösen zu können.

Manchmal begann es mit einem vorsichtigen Nieselregen. Manchmal wurde er sofort begraben unter den fett auf seinem Kopf und seinen Schultern zerplatzenden Wassertropfen. Der Regen kam immer. Marc liebte ihn. Und seit er in Hamburg wohnt, kennt er jede seiner Schattierungen: Er mochte den dicken Nebel, der sich mitunter wie eine nasse Maske auf sein Gesicht legte, sobald er morgens das Haus verließ. Er hatte sich an den leisen Niesel gewöhnt, der hier oben schon als Schönwetter durchging. Und er liebte den plötzlichen Platzregen, der den Asphalt in Sekundenschnelle schwarz färbte und blasentreibend herniederplatschte, bis am nächsten Morgen der Lokalteil wieder meldete, wieviele Bäume entwurzelt und Keller überschwemmt wurden. In der Großstadt nahm Marc das Schauspiel nicht mehr wahr. Nicht mehr so, wie er die Gewitter früher erlebte, als er die Haare noch lang trug. Als er noch Peace-Zeichen auf seine Jeans malte, gegen Atomkraft war und Freundinnnen Gedichte schrieb, die sich nicht reimten.

Damals lag er allein auf feuchten Weiden, und das Wasser bearbeitete ihn wie tausend Brauseköpfe, während in der Wolkenkulisse über ihm ein Blitzlichtgewitter tobte und der Donnerhall ihm in Dolby Surround THX Sound die Magengrube zum Vibrieren brachte. Marc fand das merkwürdig, manchmal, dass man das wenige, was einem heute noch an Naturspektakeln blieb, gleich mit der Unnatürlichkeit technischer Errungenschaften verglich, aber so war es nun mal, weil einem die Technik einfach näher war und überhaupt.

Wenn der Regen langsam abebbte, wenn die letzten Tropfen von seinen Lippen, seiner Stirn perlten, wenn sich die schwarzen Wolkentürme langsam verflüchtigten und das Sonnenlicht sich wieder Bahn brach, war nichts mehr, wie es vorher war. Die Gewitter seiner Jugend wuschen ab, reinigten, klärten auf und schärften seinen Blick und sein Gefühl, das er dann offen in sich liegen fühlte wie - ja, scheiße - das Fleisch einer Auster, die er damals nicht einmal aus Zeitschriften kannte.

Der erste Schlag ist erst ein paar Stunden alt. Er kam rechtzeitig zum Wochenendgeschäft und ließ alle Kioske und Bahnhofsbuchhandlungen und Zeitungsverkäufer erbeben. Hofft Marc. Seine Geschichte über den "Netzkiller" liegt nun überall: In St. Peter Ording wie in Garmisch-Partenkirchen, in Zwickau und Köln, München und Saarbrücken.


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