Täglich bei SPIEGEL ONLINE "Tödlicher Ch@t" von Thomas Tuma
Teil 2: ...der Außenwelt
IX. Das Ende
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Im grenzenlosen Kosmos der amerikanischen Science-Fiction-Serie "Deep Space Nine", einer Fortsetzung des TV-Klassikers "Star Trek", taucht erstmals die Spezies der Formwandler auf. Formwandler sind körperlose, letztlich liquide Wesen, die jedoch für einen bestimmten Zeitraum jedwede Gestalt annehmen können, die sie annehmen wollen: die eines Menschen, einer Bodenplatte, eines Baums - völlig egal.
Und auch wenn die Formwandler vom Rest ihrer Art getrennt sind, bleiben sie doch immer Teil des großen Ganzen ihrer Gemeinschaft, die auf einem namenlosen Planeten im Gamma-Quadranten, fernab unserer Galaxis, eine Heimat gefunden hat. Wer überhaupt in jenen - sprachlos weit entfernten - Teil des Universums findet, entdeckt nichts außer einem gigantischen, quecksilbrig glänzenden Meer, das jedoch nicht aus Wasser besteht, sondern aus Millionen und Abermillionen von Formwandlern. Dieses Meer ist ihr Urzustand und Ziel. Keine Form mehr. Nur Inhalt sein. Was der Einzelne denkt, denken alle. So ist der Heimatplanet der Formwandler ein einziges, gigantisches, unsterbliches Gehirn - das vermeintlich friedliche Spiegelbild dessen, was in "Star Wars", der anderen großen Welt der Entertainment-Geschichte, einst der Kampfstern des Imperiums war.
Wogender Geist statt waffenstarrender Hoch-Technologie. Gedanke statt Gewalt. Fiction statt Science. Das war es. Gedanke statt Gewalt. Glaube statt Größenwahn.
Im Sommer 1999 hat die Bundesrepublik Deutschland 82,037 Millionen Einwohner. Und seit Marc vor vier Wochen auf die Spur des Netzkillers gestoßen war, kam er sich mitunter vor, als treibe er über so ein Meer aus Menschen. Unter ihm schwammen millionenfach Schicksale und Geschichten, Gesichter und Lebensläufe und Scherze und Anekdoten und Hoffnungen vorbei - träge wie die Ausflugs-Schaluppen und Schlepper und Frachtschiffe und Kreufahrt-Riesen, deren Motorenlärm durch die Isolierglasfenster nun gedämpft an sein Ohr dringt.
Er sitzt in einem Hotelzimmer über dem Hamburger Hafen. Wieder ein Hotelzimmer. Das vorletzte in dieser Geschichte. Aus dem Fernseher spritzen die bonbonfarbenen Kleckse der Viva-Welt. Der endlose Strom aus Melodien und zahnspangigem Gekicher und Werbe-Jingles nimmt Marc die Angst vor der ohrenbetäubenden Einsamkeit. Vor dem, was auf ihn warten würde an diesem Wochenende.
Zweiundachtzigmillionensiebenunddreißigtausend Menschen. Wieviele davon hatte er in seinem bisherigen Leben kennengelernt? Einmal unternahm er in den vergangenen Wochen nachts den Versuch, sie zu zählen: Vater, Mutter, die Omas und Opas und Tanten und Onkels und Nichten und Neffen, die längst vergessenen Kindergarten-Buddies, die Mitschüler, die Verkäuferin beim Bäcker, im Supermarkt. Da ging es schon los... wen sollte er mitzählen? Alle, denen er je begegnet war? Die er wahrgenommen hatte? Oder nur die, deren Namen er kannte? Eine Handvoll Lehrer, die Bekannten an der Journalistenschule, an der Uni, das Dutzend Frauen, mit denen er geschlafen hatte, die Kollegen, die seinen Weg irgendwann kreuzten.
Weg kreuzen? Als kleiner Junge hatte er sich mal eingebildet, dass jeder Mensch einen Faden hinter sich herzöge, der sich aus ihm herausrollt. So eine Art Lebensfaden. Was man sich eben so alles einbildet, wenn man klein ist. Und damit das Wollknäuel der Milliarden Lebensfäden auf dem Globus nicht noch unentwirrbarer würde, versuchte Marc einen Nachmittag lang, niemandes Weg zu kreuzen. Aber sobald er das Haus verließ und hinter ihm jemand die Straße überqueren wollte, rannte er zurück, um... Gott, am Ende blieb er zu Hause hocken, um sich abends beim Schlafengehen dafür zu entscheiden, dass das ja nun alles völliger Quatsch gewesen sei mit den Lebensfäden.
Also: Wen kannte er noch? Die Prominenten, über die er geschrieben hatte, klar, obwohl... naja, vielen von denen war er nie begegnet. Mit manchen hatte er nicht mal telefoniert. Aber er kannte sie dennoch. Ihre Namen. Ihr Leben. Ihre Geschichten. Second-Hand-Wissen eben. Über Kate Moss wusste er ebenso Bescheid wie über Steven Spielberg, Boris Jelzin oder Che Guevara. Durfte er die mit dazu zählen? Musste er den Schlaks in seiner Bank addieren, der ihn alle paar Wochen anrief, um ihm neue Investmentfonds schmackhaft zu machen? Oder die Maklerin, der er sein völlig überteuertes Apartment verdankte? Oder den Studenten an der Shell-Kasse, der Marc längst erkennt, weil er alle paar Tage nachts um 2 Uhr vorbeischaut und schweigend einen Liter Milch, eine Flasche Multi-Vitamin-Saft, Zigaretten und ein paar Schachteln Bahlsen-Kekse kauft? Was mag der Typ von ihm denken? Sie hatten nie mehr Worte miteinander gewechselt als das Übliche Hallo-n'Abend-macht-zwölf-fuffzich-danke-tschüs.
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