Tageskarte Buch Verbotene Liebe
Busbekanntschaften taugen selten zu mehr als einer flüchtigen Begegnung. Es sei denn, zwei haben sich gesucht und gefunden wie Monsieur Armand und Pauline, als sie sich in Paris im 82er Bus treffen. Monsieur Armand kommt ins Straucheln, als der Bus mit einem Ruck anhält und sein Stock landet auf dem Schoß von Pauline. Sie hilft ihm auf, begleitet ihn nach Hause und verschwindet dann im Laufschritt. Monsieur Armand beschließt, sie zu suchen.
Pauline ist 20, verwaist, arbeitet in einem Textilgeschäft und hat eine Affäre nach der anderen. Sie sucht nach den perfekten Schwiegereltern, einer harmonischen Ersatzfamilie. Monsieur Armand ist 70, pensionierter Philosophielehrer und nach dem Tod seiner Frau übrig geblieben. Seine beiden Kinder leben nicht in Paris, melden sich ab und an, meist um irgendwelche Ansprüche an ihn zu stellen. Geblieben ist ihm nur ein einziger gesellschaftlicher Kontakt. Jeden Samstag geht er mit einer ehemaligen Kollegin essen, die ihn schon seit jeher langweilt, und er wartet auf den Moment, in dem er mutig genug sein wird, die Schlaftabletten aus der Apotheke seines Sohnes zu nehmen.
Monsieur Armand und Pauline trennen über zwei Generationen, doch einsam zu sein ist keine Frage des Alters und so schließen sich die beiden zusammen, als Monsieur Armand Pauline tatsächlich nach tagelanger Suche wieder trifft. Sie nennt ihn Großvater und nimmt ihn mit an den Strand. Er findet sie inspirierend und verdrängt in ihrer Gegenwart, dass ihn jeden Morgen ein altes Männergesicht aus dem Spiegel anschaut. So sehr die beiden sich mögen, so sehr lehnen die Kinder von Monsieur Armand diese Beziehung ab. Seine Tochter sorgt sich um ihr Erbe, sein Sohn ist eifersüchtig auf die vertrauensvolle Bindung, die er nie zu seinem Vater aufbauen konnte. Keins der Kinder versteht, wie öd und einsam das Leben des Vaters vor Pauline war.
Beim Lesen dieser feinen kurzen Geschichte musste ich an meine Oma denken. Ihr Mann starb vor beinahe dreißig Jahren, und ich kenne sie nur als grauhaarige, übrig gebliebene Frau. Sie ist 97, wohnt noch immer allein, und ich bin sicher, dass sie sich oft einsam fühlt. Genau wie Monsieur Armand, dessen Tage sich seit Jahren so sehr gleichen, dass ein schnell herunter geschlungenes Mittagessen am Nachmittag oder eine Dose Cola auf der Parkbank einer kleinen Rebellion gleich kommt. Alte Menschen werden schnell allein auf ihr Altsein reduziert, als ob die Lebensjahre das Bedürfnis nach Abwechslung und Nähe auslöschen würden.
Wer sich einen freien Tag mit einer rührenden Geschichte vertreiben möchte, wird "Die letzte Liebe des Monsieur Armand" in einem Rutsch lesen und das Buch mit einem kleinen, traurigen Seufzer zur Seite legen.
Françoise Dorner: "Die letzte Liebe des Monsieur Armand". Aus dem Französischen von Christel Gersch. Diogenes Verlag, Zürich; 138 Seiten; 16,90 Euro.