Taschenbuch-Bestseller Showdown des Schicksals
Schon als Kind verspürte Edwards den Wunsch, später einmal Schriftstellerin zu werden. Immer wieder musste die Mutter ihr vorlesen, um die Neugier ihrer Tochter auf abenteuerliche Geschichten zu befriedigen. Abenteuerlich und vor allem auch eigenwillig ist das Debüt, mit dem die 1958 in Texas geborene und in New York aufgewachsene Autorin international bekannt geworden ist.
"Die Tochter des Fotografen" (im US-Original "The Memory Keepers Daughter") öffnet mit einer Szene, die dem Leben aller Beteiligten plötzlich eine neue Richtung gibt: Der Arzt Dr. David Henry hilft seiner Frau bei der Geburt von Zwillingen. Der Sohn ist offensichtlich kerngesund, doch die Tochter hat Down-Syndrom.
Er bittet die Krankenschwester Caroline, den Säugling stillschweigend in ein Heim zu bringen, um der Mutter und sich selbst? die Bürde abzunehmen, ein behindertes Kind zu versorgen. Aber Caroline flieht mit dem Mädchen in der Hoffnung, es alleine aufziehen zu können. Ein Vierteljahrhundert später kommt es zu einem unerwarteten Showdown.
Wegen Behinderung verstoßen
Durch Zufall fand Edwards zu ihrem Stoff, der ganz ohne biblische Codes, Serienkiller und süffigen Sex auskommt: Ein Pfarrer erzählte ihr die Geschichte eines 40-Jährigen aus der Gemeinde, der entdeckte, dass er einen Bruder mit Down-Syndrom hatte. Der Mann konnte seinen Bruder jedoch nicht mehr kennenlernen, weil der kurz zuvor in einem Behindertenheim gestorben war.
Jahre später kam Edwards durch einen Schreibkurs, in dem sie geistig Behinderte betreute, auf die Idee, über dieses Thema einen Roman zu schreiben: "Ich hatte einen wunderbaren Tag mit dieser Gruppe, die Behinderten haben mich tief beeindruckt", erzählt sie über ihre Erfahrungen von damals. Irgendwann war das erste Kapitel fertig, und Edwards fühlte sich von ihren Figuren regelrecht in den Bann gezogen.
"Ich wollte herausfinden, wohin sie die Erfahrungen dieser Nacht im Jahr 1964 in ihrem Leben führen würden", erklärt sie ihre Motivation. Intensive Recherche folgte: Edwards befasste sich mit Fotografiegeschichte, der Geografie von Kentucky, natürlich mit dem Down-Syndrom und mit unzähligen weiteren kleineren Themen. Insgesamt drei Jahre sollte es dauern, bis das Manuskript abgeschlossen war.
Weltenbummlerin mit Schaffensdrang
Für den großen Wurf geübt hatte sie zuvor fünf Jahre lang in Malaysia, Japan und Kambodscha, wo sie zusammen mit ihrem Mann Englisch unterrichtete. "Weil dort die Ablenkungen des westlichen Alltags wegfielen, konnte ich mich intensiver auf die Geschichten konzentrieren, die ich erzählen wollte", erinnert sie sich.
"Das ungeheure Maß an Freiheit ermöglichte mir, so zu schreiben, wie ich es wollte." Der Kurzgeschichtenband "The Secrets of a Fire King" (erscheint im August unter dem Titel "Der Hibiskushimmel" beim Gustav Kiepenheuer Verlag) ist das Produkt dieser Zeit. Das 1997 auf den Markt gebrachte Büchlein beeindruckte die Kritiker: Es wurde für den PEN/Hemingway-Award nominiert.
2003 kam dann der Durchbruch für "Die Tochter des Fotografen": Trotz des zuerst nur mäßigen Erfolgs der Hardcover-Version stand das Taschenbuch mehr als 60 Wochen auf der "New York Times"-Bestsellerliste, davon sieben Wochen auf Platz eins. Edwards ist von ihrem Erfolg selber überrascht: "Lizenzen sind in 40 Länder verkauft", berichtet sie ehrfürchtig.
Helke Rehbein,Buchreport
Kim Edwards: Die Tochter des Fotografen, Aufbau, 9,95 Euro