Platz 5 der SPIEGEL-Bestsellerliste "Ich erinnere mich gut an das Urmel"
Romanfigur Urmel: Das erste Mal "Mama"
Foto:HR Schulz / imago images
An dieser Stelle nehmen wir uns den wichtigsten Neueinsteiger, Aufsteiger oder den höchstplatzierten Titel der SPIEGEL-Bestsellerliste vor - im Literatur-Pingpong zwischen Maren Keller und Sebastian Hammelehle.
Keller: "Herzfaden" kann man nicht lesen, ohne sich alte Szenen der Augsburger Puppenkiste auf YouTube anzuschauen. Zum Beispiel, wie das Urmel zum ersten Mal "Mama" sagt. Was hast du alles geguckt?
Hammelehle: Gar nichts. Ich erinnere mich gut an das Urmel. An Jim Knopf auch. Habe ich jemanden vergessen?
Keller: Den kleinen König Kalle Wirsch und den kleinen Prinzen. Noch wichtiger für das Buch sind die ganz frühen Marionetten: Hänsel und Gretel und die Heiligen Drei Könige und der Kasper. Thomas Hettche hat sich offenbar vorgenommen, die Entstehungsgeschichte der Augsburger Puppenkiste selbst als eine Art Märchen zu erzählen. Findest du, er wird der Puppenkiste damit gerecht?
Hammelehle: Das ist ja kaum möglich. Die Augsburger Puppenkiste ist Teil meiner Kindheit. Hettche müsste schon Marcel Proust sein, um diesen Zauber hinzubekommen. "Herzfaden" ist ein ziemlich gewöhnliches Buch. Allerdings zweifarbig gedruckt, um zwei Zeitebenen zu markieren – was ich ein bisschen albern finde. Es geht um ein Mädchen in der Nazi- und Nachkriegszeit und um ein Mädchen von heute. Dort Hitler, hier das iPhone.
Keller: Die Kapitel aus der Vergangenheit über Hannelore Oehmichen, die Tochter des Puppenkistengründers, die von allen Hatü genannt wird, fand ich von Anfang an toll. Mit dem Teil, der in der Gegenwart spielt, habe ich mich zuerst etwas schwergetan, weil auch er so offensichtlich märchenhaft geschrieben ist. Die Hauptfigur dieses Teils heißt nur "das Mädchen". Dieses Mädchen besucht mit seinem Vater die Augsburger Puppenkiste, obwohl es – worauf es großen Wert legt – kein Kind mehr ist, und gerät auf dem Dachboden in eine Welt, in der die Puppen lebendig sind.
Hammelehle: Eine Parallelhandlung. Ich finde das ein bisschen arg pseudoliterarisch, zumal Hettche die beiden Stränge fast gar nicht verknüpft. Aber ich hatte auch an der eigentlichen Romanhandlung wenig Freude. Es gibt kaum Psychologie und auch keine wirklichen Konflikte. Das ist alles ziemlich eindimensional und bieder. Dabei geht es hier doch eigentlich um Magie, um das Unbelebte, das lebendig wird. Bei Hettche ist es eher umgekehrt. Und dann immer diese bemüht eingearbeiteten historischen Ereignisse. Der Kriegsausbruch, der Holocaust. Ein Judenstern hier, ein Hakenkreuz da. Die amerikanische Besatzung, auf dem Plattenteller läuft Swing. Die deutsche Geschichte ist doch kein Eventmovie im ZDF. Ich finde das allzu hölzern.
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Keller: Das hat mich gar nicht so sehr gestört. Im Gegenteil – ich fand es stellenweise sogar interessant, die Puppenkiste so im historischen Kontext zu sehen. Und mir hat es gefallen, dass man nebenbei auch Dinge über das Puppenspiel lernt – zum Beispiel, dass man die Köpfe am besten aus Lindenholz schnitzt. Wenn schon hölzern, dann also bitte lindenhölzern.
Hammelehle: Stimmt, das ist ein schönes Detail. Es gibt ja diesen herrlichen und sehr wahren Satz von Kant: Der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt. In diesem Buch ist mir das Holz ein bisschen zu gerade.
Herzfaden: Roman der Augsburger Puppenkiste
Hettche, ThomasPreisabfragezeitpunkt
17.10.2026 09.36 Uhr
Keine Gewähr
Keller: Man lernt ja noch etwas übers Puppenspiel: dass diese Kunstform so uneitel ist, weil die Puppenspieler nicht in Erscheinung treten. So gesehen hätte der Roman mehr wie ein Puppenspiel sein dürfen.
Maren Keller hätte sich gefreut, wenn sie bei ihrem Besuch des Puppenkisten-Museums vor einigen Jahren ein zum Leben erwachtes Urmel getroffen hätte. Sie ist Redakteurin im Ressort Leben. Sebastian Hammelehle würde wiedergeborene Dinosaurier, Drachen und Urmel gerne Steven Spielberg überlassen. Er leitet das SPIEGEL-Kulturressort.