Tobias Rüther: Männerfreundschaft - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Fotostrecke

Männerfreundschaft: Zwei Bier, zwei Jungs

Männerfreundschaft Da passt keine Frau zwischen

Best friends forever: In seinem Buch "Männerfreundschaft" leuchtet Tobias Rüther die enge Verbindung zwischen Jungs aller Altersklassen aus. Eine Hymne auf Bubenbündnisse jenseits neumodischer Netzwerkerei.
Von Thomas Andre
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Gemeinsam einen Kasten Bier leeren, dieselben Bands und Bücher mögen, vielleicht sogar heimlich auf ein und dieselbe Frau stehen und unbedingt unrealistische Pläne schmieden, wie man zusammen die Welt aus den Angeln heben könnte: So sieht sie aus, die Männerfreundschaft, die bestenfalls in der Jugend mit der Blutsbrüderschaft beginnt und Lebensabschnitte überdauert.

Klingt kitschig? Ist es auch. Tobias Rüther hat trotzdem ein Buch darüber geschrieben: "Männerfreundschaft. Ein Abenteuer".

Eine kulturhistorische und persönliche Zusammenschau eines Phänomens, in der irgendwann alle paradiesischen Zustände enden: "And then girls come and fuck it up" - Frauen versauen am Ende alles, sagt Michael Kimmel. Der amerikanische Soziologe hat sich als Männerforscher einen Namen gemacht, er muss es also wissen. Allein schon deswegen, weil er selbst den einen, besten Freund hat.

Außer mit Kimmel beschäftigt sich Rüther in seinem Buch unter anderem mit den Romanfiguren Tom Sawyer und Huck Finn, aber auch mit den US-amerikanischen Literaturstars Jonathan Franzen und David Foster Wallace sowie ihren deutschen Vorgängern Goethe und Schiller: allesamt einträchtige Gespanne mit der Kraft der zwei Herzen. Wer bei Männerfreundschaft an alberne Buddy-Filme wie "Hangover" denkt oder an schwülstig-halbseidene Verbrüderungen der Mächtigen zum beidseitigen Vorteil, der wird zumindest bei Rüther fast gar nicht fündig.

Freundschaft als Familienersatz

Als soziale Praxis mögen Männerfreundschaften alltäglich sein. In der Forschung sind sie bislang eher ein Randthema. In der Soziologie gilt, dass Freundschaft als Ministruktur der Gesellschaft über Schichten, Klassen und ökonomische Gruppen wenig aussagt. In der Psychologie oder der Kulturwissenschaft ist sie dagegen öfter Gegenstand von Untersuchungen. Und als Identifikationsmodell ist gerade die Männerfreundschaft derzeit stark repräsentiert: mit den pubertierenden Jungs in Wolfgang Herrndorfs Buchhit "Tschick" und den erwachsenen Helden des französischen Erfolgsfilms "Ziemlich beste Freunde", die zuletzt Musterbeispiele für durchaus rührende zwischenmenschliche Allianzen wurden.

Auf gewisse Weise ist Rüthers Studie der Sekundärtext zu "Tschick": eine nachgereichte Erklärung dafür, warum sich Erwachsene mit bittersüßer Melancholie an frühe Freundschaften erinnern. Ohne Frage ist die Freundschaftserzählung derzeit in Mode - ein starkes Indiz für die These des Soziologen Kimmel, wonach moderne ungebundene Individuen in der Risikogesellschaft Freundschaft oft auch als Familienersatz brauchen.

Rüther, Jahrgang 1973 und im Hauptberuf Journalist bei der "FAZ", hat einen hehren, ja pathetischen Begriff von Freundschaft. Sie interessiert ihn als Leitmotiv. Rüther schreibt seine Kulturgeschichte der Männerfreundschaft explizit unter sentimentalen Gesichtspunkten: als gemeinsam unternommenes Lebensabenteuer mit gleicher Weltsicht und fortwährendem Austausch. Er bedient sich in seiner Phänomenologie dabei der literarischen und popkulturellen Vorlagen, die den ewigen (oder auch nicht) Bubenbund beurkunden.

Der Feind steht im Reich der Netzwerker

Dazu gehören auch die Männerfiguren aus den Liedtexten Bruce Springsteens, deren Seelenverwandtschaft der "Boss" in seinen Songs beschreibt: Irritierend nur, dass Rüther lediglich Springsteens Song "No Surrender" in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen stellt und nicht "Bobby Jean". Dort geht es den Bruce-Exegeten zufolge um Springsteens reale Freundschaft mit seinem Gitarristen Steve Van Zandt.

Rüther erzählt von den Bedingungen und Voraussetzungen von Männerfreundschaften, seien sie außergewöhnlich (Franzen/Foster Wallace) oder so alltäglich wie die zweier älterer Herren, die er im eigenen Bekanntenkreis findet. Er sucht seine Studienobjekte in der gebildeten Mittelschicht, wo Freundschaften mitunter auch intellektuell unterfüttert sind und nicht nur aus gemeinsamen Fußballabenden bestehen. Trotzdem wird er bei seinen Recherchen immer wieder mit dem konfrontiert, was man den Maskulinitätskomplex nennen könnte: der Angst, homoerotischer Antriebe verdächtigt zu werden.

Weil man sich Freunde anders als Familie aussuchen kann, begreift der Freundschaftsekstatiker Rüther die Wahlverwandtschaft zweier Individuen zu Recht vor allem als Akt der Selbstbestimmung und Freiheit. Seine Fallbeispiele und Freundschaftserzählungen handeln alle implizit von der Freiwilligkeit, die sich von den determinierten Beziehungsmerkmalen familiärer oder institutioneller Bindungen unterscheidet.

Fragt sich natürlich, warum Rüther seiner Zweierbund-Apotheose kein weibliches Pendant entgegensetzt. Die Frauen hätten, mutmaßt er, aufgrund der Jahrhunderte vorhaltenden Umstände eben nie über ihre Freundschaften Zeugnis abgelegt wie die Männer (Goethe an Zelter: "Ich verstehe mich selbst erst in Dir") - es gibt also schlicht nicht genug historisches Untersuchungsmaterial.

Nur ab und an beschleicht einen bei der Lektüre dieses leidenschaftlichen Plädoyers das Gefühl, es bei "Männerfreundschaft. Ein Abenteuer" mit genau dem Grad von emotionaler Emphase zu tun zu haben, mit der sich Männer sonst nur besoffen ihre gegenseitigen Zuneigung versichern. Im Hinblick darauf ist Rüthers stellenweise angenehm ironisches Buch sogar mutig. Es weiß, wo der Feind steht: Im Reich der Netzwerker, die die Sozialtechnik der Männerfreundschaft nur nach ihrem Nutzen für das eigene Fortkommen berechnen.

So wie der Unternehmer Carsten Maschmeyer mit seiner Autobiografie "Selfmade", der von der Empfindungstiefe interesseloser Verbindungen wohl wirklich nichts weiß. Womit Freundschaft am Ende auch das ewige Gegenprinzip zum kalten Effizienzdenken der kapitalistischen Welt wäre.