Verlagshäuser: DVD gegen Goliath - DER SPIEGEL
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Verlagshäuser DVD gegen Goliath

Kampf dem Untergang: Um neben den großen Verlagen zu bestehen, lässt sich ein Frankfurter Verleger etwas Neues einfallen: Interaktive Verlagsprogramme und Lyrik-Clips.
Von Daniel-Dylan Böhmer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die meisten Besucher der Frankfurter Buchmesse kennen Branchenriesen wie Bertelsmann oder Gralshüter der Hochkultur wie Suhrkamp und Fischer. Aber die meisten der vielen tausend deutschen Verlage, die auf der Messe vertreten sind, sind kleine Häuser. Darunter sind Spezialisten für alles Erdenkliche: Von Ayurveda bis bulgarischer Lyrik des Hochmittelalters und vor allem viele Literaturverlage, die bisweilen nur aus einem Germanistik-Magister und einem Laserdrucker bestehen. Viele davon sieht man nur ein einziges Mal in den Frankfurter Hallen, ihre Lebensdauer liegt knapp unter der von Zierfischen. Es sei denn, sie können mit neuen Namen oder neuen Ideen einen hauchdünnen Vorsprung erzielen.

Ein Verlag, der sich schon seit Jahren hält und sogar vergrößerte, ist der Frankfurter Axel-Dielmann-Verlag. Seine neueste Idee: das interaktive Verlagsprogramm, das er selbst am Stand testet und zugleich anderen Publizisten anbietet. In der konservativen Verlagswelt hält das digitale Zeitalter nur langsam Einzug, Multimedia-Technik wird kaum verwendet. Dielmann hat dagegen mit dem Multimedia-Unternehmer Harald Ortlieb ein Programm entwickelt, das, auf DVD gebrannt, neben den üblichen Informationen zu Biographie und Werk des Autors und dessen Lieferkonditionen Folgendes enthält: Auf dem Computermonitor kann man zusätzlich eine Leseprobe des Dichters selbst abrufen, der in gestochen scharfer Videoqualität Texte liest und Auskunft über sein Leben und Schreiben gibt. Die enthaltenen Standardinformationen sind dabei solide aufrufbar, während die Videos der Autoren bisweilen äußerst avantgardistisch wirken. Scharfe Schnitte, Effekte aus dem Digital-Video-Fundus, bizarre Kulissen.

Das hat durchaus System: "Wir versuchen uns soweit wie möglich den Autoren anzupassen", erklärt Regisseur und Entwickler Ortlieb, der schon seit einigen Jahren Lyrik-Clips dreht, "sie wählen die Drehorte, und mit Schnitt und Effekten versuchen wir den Rhythmus und die Atmosphäre ihrer Texte einzufangen." Die Literatur-Clips sind dabei Grundstoff des interaktiven Verlagsprogramms und zugleich ein Nebenprodukt, das im Internet und Fernsehen vertrieben werden soll. Mehrere Clips, unter anderem von Durs Grünbein, der zwischen den Gämsen des Berliner Naturkundemuseums frei rezitiert, und von Suhrkamp-Autor Franz Hodjak liegen schon vor.

Sponsoren-Etiketten als Buchcover

Verleger Axel Dielmann, der für das literarische und unternehmerische Know-how sorgt, hat mit neuen Ideen Erfahrung. Sein Programm, dass neben avantgardistischer Lyrik und leichter Unterhaltung von unbekannten Autoren immer wieder auch größere Namen enthält, konnte er von Anfang an nur bewerkstelligen, indem er durch originelle Konzepte schwierige Texte subventionierte. Eine der ersten Ideen bestand darin, erst den Text und dann einen Sponsor zu finden, der dazu passt, und dann dessen Etikett als Cover zu nutzen. So prangte auf einer Novelle, die mit einer Bahnfahrt Frankfurt-Paris beginnt, eine Fahrkarte der Deutschen Bahn für ebendiese Strecke. Mittlerweile gibt es Bücher mit Etiketten von Fenster-, Tee- und Software-Firmen.

Für Clips und DVD sieht Dielmann verschiedene Anwendungsmöglichkeiten: Verlage können damit Präsentationen wie auf der Buchmesse gestalten, sich im Web darstellen, aber auch Vertreter in die Buchhandlungen schicken, die, statt Prospekte dazulassen, ihr Laptop aufschlagen. Bis die Buchhäuser aber einfach nur DVDs verschicken können, wird es wohl noch dauern; der Produktionspreis einer einzelnen Scheibe liegt pro Stück noch immer bei fast 40 Mark. Als Präsentationsmittel ist das interaktive Verlagsprogramm aber schon jetzt günstiger als eine marktübliche Auflage von Hochglanzbroschüren, sagt Dielmann.

Der Verleger hat darum Hoffnungen, mit der DVD auf der Messe seinen Verlag bekannter und seine Budgets praller zu machen. Fast zwanzig Verlage, vom anerkannten Literatur-Label bis zum Marktführer, haben sich schon am Stand angekündigt. Sie wollen zugleich über Lizenzen verhandeln und die Neuentwicklung unter die Lupe nehmen. Ob die DVD auf Dauer Gewinn für den Kleinverlag bedeutet, ist allerdings fraglich. Dielmann gibt zu, dass es nicht lange dauern wird, bis die Goliaths des Gewerbes eigene Entwicklungsabteilungen gebildet haben und ihre Leute selbst mit der Kamera losschicken. "Das wird vielleicht ein, zwei Jahre dauern", sagt er, "aber bis dahin können wir Erfahrungen sammeln, und wenn es soweit ist, dann haben wir immer noch die Möglichkeit, individueller und zielsicherer für andere zu produzieren. Auch für Kleinverlage, wenn es bis dahin erschwinglich ist. Das Internet hat im Marketing schon eine gewisse Chancengleichheit hergestellt."