Vorgelesen: Die wichtigsten Bücher der Woche - DER SPIEGEL
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Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Sie gilt als böseste Schriftstellerin Frankreichs - wer ihre ungewöhnliche "Biografie des Hungers" gelesen hat, versteht, warum Amélie Nothomb ist, wie sie ist. Außerdem in "Vorgelesen": Karibische Dämonen und ein afroamerikanischer Krimi.
Von Ulrich Baron und Jenny Hoch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Amélie Nothomb: "Biografie des Hungers"
(Aus dem Französischen von Brigitte Große, Diogenes, 205 Seiten, 18,90 Euro)

Das Böse ist ihr Thema, in ihren Romanen hat sie schon so viele Figuren gequält, erwürgt oder zum Selbstmord getrieben, dass sie selbst ihre Opfer kaum mehr zählen kann. In Frankreich wird Amélie Nothomb für ihre bösartigen, oft auch zynischen Bücher geliebt, ihre Fans folgen der oft als "gothic girl" schwarz gewandeten und bleich geschminkten Bestsellerautorin wie einer Zeremonienmeisterin. Über 50 Romane soll sie bereits geschrieben haben, die Mehrzahl ruht allerdings in einer Schublade.

Mit "Biografie des Hungers" hat "die gemeinste Schriftstellerin Frankreichs" ("Playboy") aber immerhin ihr 17. Buch zur Veröffentlichung freigegeben. Der schmale Band ist keine Autobiografie im klassischen Sinn, eher der Versuch, dem "Feind in sich selbst", der von frühester Jugend an in ihr wütet, auf die Schliche zu kommen.

Für ihren desolaten Seelenzustand benutzt Nothomb die Metapher des Hungers: Hunger nach Leben, Hunger nach Liebe, Hunger als Mangelzustand, als Sehnsucht und quälende Leere. "Der Hunger bin ich" heißt es einmal.

Materiell gesehen fehlt es der 1967 geborenen belgischen Diplomatentochter an nichts, die Familie zieht von Japan, wo die Autorin ihre glücklichsten Kinderjahre verlebte, ins maoistische China, dann nach New York, Bangladesch und Burma. Das Leben als Stationendrama, ein ständiges Auf und Ab, voller abrupter Übergänge vom Himmel in die Hölle und wieder zurück.

Böse ist das nicht, es ist eher ein nonchalant erzähltes Zeugnis unendlicher Qualen eines extremen Charakters. Ein Buch voller Widersprüche und voller Sehnsucht. Jenny Hoch

David Chariandy: "Der karibische Dämon"
(Aus dem Englischen von Melanie Walz. Suhrkamp, 206 Seiten, 16,80 Euro)

Von einem kleinen Inseldorf in einem großen Meer hat es die Mutter des Erzählers in eine große Stadt an einer steilen Küste verschlagen: "'Das Meer hat keine Hitze mehr', sagt Mutter. 'Die Wellen haben kein Salz und kein Geruch mehr, und die Quallen sind weggeschmelzt.'"

Im Ontariosee gibt es gar keine Quallen und kein Salz. Die Mutter hat das vergessen. Was mit Einkaufslisten und Quittungen begonnen hatte, tilgte bald Namen und Orte aus, ließ Zwecke und Bedeutungen verschwinden: "Sie begann die Gesetze der Sprache zu vergessen und die Wege zum Seelenheil und den richtigen Umgang mit dem eigenen Körper. Sie begann sich aus der Welt, die wir kennen, zu verabschieden."

Die Medizin kennt Namen für solche Prozesse: Amnesie, präsenile Demenz, Alzheimer. Doch der 1969 als Sohn schwarzer und südasiatischer Einwanderer aus Trinidad im kanadischen Toronto geborene David Chariandy erzählt in seinem Debütroman keine klassische Krankheitsgeschichte. Mit dem Schwinden individueller Erinnerung geht auch ein Verlust kultureller Überlieferung einher, der umso schmerzhafter spürbar wird, wo die Einbürgerung in die neue Welt auf die Abwehr der weißen Mehrheit stößt.

Als eine Hochglanzbroschüre dem Bruder des Erzählers Praktika in "lebensnahen Positionen" an der Kasse von Fast-Food-Lokalen anbietet, hat der längst das Interesse an der Schule verloren. Dichter will er werden, doch er wird es nicht. Stattdessen trägt der Jüngere aus den zerfallenden Erinnerungen der Mutter die Geschichte vom vampirischen Geist Soucouyant zusammen und von anderen Dämonen, die sie aus ihrer Heimat verfolgt haben.

Stilsicher, anrührend und taktvoll schafft es David Chariandy, aus Zerfall und Verfall eine Geschichte zu retten, die nicht nur die Literatur Kanadas bereichern wird. Ulrich Baron

Walter Mosley: "Cinnamon Kiss"
(Aus dem Amerikanischen von Uda Strätling. Fischer Taschenbuch Verlag, 320 Seiten, 9,95 Euro)

"Reinster Spaziergang, verstehst du", hat ihm sein Freund Mouse versichert. Easy Rawlins ist da skeptischer. Schließlich wird der Geldtransport von bewaffneten Wachmännern begleitet. Doch was soll ein schwarzer Detektiv und Hausmeister im Los Angeles der sechziger Jahre machen, wenn die Behandlung seiner todkranken Tochter mehr kostet, als er auf legale Weise je verdienen könnte?

Da kommt ihm der lukrative Auftrag gerade recht, nach einem verschwundenen Anwalt und seiner Assistentin, der schönen "Cinnamon" Cargill, zu suchen. Aber das ist dann kein Spaziergang mehr. Während die Hippies in der Stadt der Engel ihren "Summer of Love" feiern, bekommt es Rawlins mit einem teuflischen Gegenspieler zu tun. Denn der verschwundene Anwalt hat eine Geschichte aus der Zeit aufgewühlt, als Rawlins in Uniform gegen Nazis kämpfte, während andere mit ihnen Geschäfte machten.

In seinen Easy-Rawlins-Romanen beschreibt der 1952 in Los Angeles geborene, heute in New York lebende Walter Mosley die andere, die afroamerikanische Seite der glänzenden Medaille der US-Krimitradition. Er erzählt von denen, die bei Chandler immer nur hinter Bar- oder Hoteltresen gestanden haben. Manche seiner Gestalten haben es inzwischen zu etwas gebracht, doch die alten Ängste sind geblieben: "Irgendein Motherfucker würde spitzkriegen, dass ich zehn Dollar in der Tasche hatte und mir den Schädel einschlagen, um sie sich unter den Nagel zu reißen." Ulrich Baron

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