Vorgelesen: Die wichtigsten Bücher der Woche - DER SPIEGEL
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Vorgelesen Die wichtigsten Bücher der Woche

Verfolger sind sie alle, die Helden der neuen Bücher von Jason Starr, Per Olov Enquist und Fred Vargas. Aber es macht dann doch einen Unterschied, ob einer Stalker, Ermittler oder Selbstsucher ist. Welchen, das verraten Ulrich Baron und Daniel Haas.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Jason Starr: "Stalking"
(Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulla Kösters. Diogenes, 523 Seiten, 11,90 Euro)

Es ist sicher kein Zufall, dass Bret Easton Ellis ("American Psycho") ein Fan von Jason Starrs Romanen ist. Was Ellis mit seinen Horrormärchen aus einer komplett enthemmten Yuppie-Welt anfing, setzt Starr fort - nur dass er kaltschnäuziger ist, distanzierter, letztlich gemeiner.

Der Stalker als Kunstfigur hat Tradition. Und im Film "Kap der Angst" (1991) auch noch Robert De Niros bösen Blick

Der Stalker als Kunstfigur hat Tradition. Und im Film "Kap der Angst" (1991) auch noch Robert De Niros bösen Blick

Foto: Cinetext

Starr zerlegt routiniert Mittelschichtsexistenzen, vor allem der weiße angelsächsische Mann der Metropolen hat es ihm angetan. Dessen Leben zerstört er mit Schulden ("Ein wirklich netter Typ"), Affären ("Twisted City") oder Mobbing ("Top Job"); am Ende bleibt nur die Gewissheit, dass im Kapitalismus jeder des andern Wolf ist und das bürgerliche Milieu eine Pappkulisse, hinter der mörderische Triebe lauern.

Auch in "Stalking" schreibt Starr seine negative Soziologie fort. Diesmal sind es Yuppies Anfang 20, die sich den Weg nach oben durchbeißen und für die nur das Gesetz des Tausches gilt: Was kriege ich auf dem Arbeitsmarkt? Welchen Gegenwert erziele an der Börse der One-Night-Stands und Affären?

Katie, die Heldin des Buches, gerät dann aber an Peter, einen Psychopathen, der seine Vorstellungen von Romantik aus Jane-Austen-Verfilmungen bezieht und Intimität so ganz anders buchstabiert. Was Katies diverse Lover an Kaltherzigkeit auszeichnet, das macht Peter mit fanatischer Hingabe wett. Wer sich mit diesem Mann einlässt, kriegt viel mehr, als er investiert hat - ein letztlich fatales Kalkül.

Mit "Stalking" beweist Starr endgültig: Er ist der coolste Apokalyptiker der amerikanischen Unterhaltungsliteratur. Genüsslich spielt er dabei einen Zug zum Reaktionären aus. Denn es ist immer nur eine Frage der Demütigung, bis aus dem Bürger der Barbar hervorbricht. Erlösung oder Versöhnung gibt es in diesen faschistoiden Verhältnissen nicht - und am Ende kann sogar der Stalker die integerste Figur von allen sein.

Per Olov Enquist: "Ein anderes Leben"
(Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Hanser Verlag, 543 Seiten, 24,90 Euro)

Als Per Olov Enquist 1934 im nordschwedischen Hjoggböle geboren wurde, sei das Land ein "Archipel von Tausenden im Waldmeer verborgenen Dörfern" gewesen. Doch Hjoggböles Fußballfeld war einzigartig: "Ein fast zugeschütteter und einsackender Graben verläuft schräg über den Platz, zur Verwirrung der Gastmannschaften." Für Hjoggböles Mannschaft ein Heimvorteil: "Komet galt als zu Hause schwer schlagbar."

Später wird Per-Ola Hunderte von Karten zeichnen, auf denen Hjoggböle im Zentrum Schwedens liegt. Da hat er schon erfahren, dass man ihn auf den Namen seines zwei Jahre vor seiner Geburt gestorbenen Bruders getauft hat. Schwer zu begreifen, wer da nun wessen Leben lebt.

Hat Max Frisch Biografie einst als Spiel inszeniert, so erscheint sie bei Enquist als Verwirrung. "Ein anderes Leben" zeichnet das eigene Dasein wie das einer Romanfigur nach: Von der Kindheit in der pietistischen Provinz über internationale Erfolge als Autor, die ihn nach Berlin, Kopenhagen, Paris und die USA führten, bis zum Absturz in den Alkoholismus, aus dem er erst 1991 mit seinem Roman "Kapitän Nemos Bibliothek" wieder auftauchte.

Halb Biografie, halb Lebensroman, ist das kein Buch zum schnellen Durchlesen. Sein Titel artikuliert nicht nur Befremden angesichts des eigenen Lebens, sondern verteidigt auch dessen Eigenarten und die seiner Generation gegen die Polemik der Nachgeborenen. Über das in den siebziger Jahren zusammen mit Anders Ehnmark geschriebene Stück "Mannen på trottoaren" etwa schreibt Enquist: "Es gestaltet genau jenen Typ linker Selbstkritik, von der es 15 Jahre später heißt, es habe ihn nie gegeben." Ulrich Baron

Fred Vargas: "Der verbotene Ort"
(Roman. Aus dem Französischen von Waltraud Schwarze. Aufbau Verlag, 423 Seiten, 19,95 Euro)

"Wo ist die Leiche", fragt Lieutenant Retancourt, als sie den bluttriefenden Tatort betreten hat. "Überall", antwortet ihr Kommissar Adamsberg und umschreibt mit einer Bewegung seiner Arme den kompletten Raum: "Zerstückelt, zerrieben, verstreut."

Der Mörder - und die 1957 geborene Archäologin und Krimi-Autorin Fred Vargas - hat ganze Arbeit geleistet. Tatort und Opfer sind als grässliche Kippfigur vereint. Adamsberg beschreibt sie mit schlafwandlerischer Hellsichtigkeit: "Wo man auch hinschaut, sieht man den Körper. Und wenn man alles zusammen betrachtet, sieht man ihn nicht mehr. Es gibt hier nur ihn, und gleichzeitig ist er nicht da."

Für einen klassischen angelsächsischen Kriminalroman wäre Adamsberg schon aufgrund solch tiefschürfender Monologe überqualifiziert. Im Lande der Surrealisten aber geht man mit dem Genre so um wie der bald als "Zerquetscher" gesuchte Mörder. So finden auch die 17 herrenlosen Füße, die jemand vor dem Londoner Friedhof Highgate abgestellt hat, ihren Weg in die Handlung. Die erweist sich im Zuge einer Dienstreise Adamsbergs nach Serbien als Teil einer schon Jahrhunderte währenden Vampirjagd.

Trotz alledem ist dieses Buch auch ein Kriminalroman mit einem Täter, einem Motiv und einem finalen Showdown - so wie Graf Dracula ja auch ein Graf war. Arglose Leser wiegt Fred Vargas erst in Sicherheit, um dann umso ausgiebiger mit ihnen Geisterbahn zu fahren. Nach der Rückkehr in die Realität, meint man, halb bedauernd, halb erleichtert, dass der Spuk nun vorbei sei, doch in Wirklichkeit ist nur der Roman zu Ende.
Ulrich Baron