Walter Moers Humorige Huldigung
Walter Moers ist lustig, hat Phantasie, zeichnet große Nasen und Bücher schreiben kann er auch. Bis zu seinem ersten Roman "Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär' stand der Name Moers für Pinguine, Arschlöcher, Bären, die einem denselben aufbinden und gewisse historische Größen ("Adolf. Äch bin wieder da..."). In seinem dritten Buch "Wilde Reise durch die Nacht" hat sich der 44-jährige Erfolgszeichner einen persönlichen Wunsch erfüllt: den fast in Vergessenheit geratenen Illustrator Gustave Doré (1832 bis 1883) wieder in Erinnerung zu rufen.
Moers, der findet, dass "das Ausmaß der Vergessenheit, welches Doré erreicht hat, im Vergleich zu der Aufmerksamkeit, die man deutlich bedeutungsloseren Künstlern schenkt, sehr ungerecht ist", hat Doré ein doppeltes Denkmal gesetzt: Entlang an einundzwanzig Xylografien (Holzschnitten) des alten Meisters erzählt Moers das nächtliche Abenteuer des 12-Jährigen Gustave. Was Moers besonders gut an der Idee gefällt, ist die Tatsache, sich dadurch die "Illustrationsarbeit gespart" zu haben, und den größten Illustrator aller Zeiten noch "nicht einmal bezahlen" zu müssen: "Das war die schamloseste Aneignung künstlerischen Eigentums, skrupellose Ausnutzung des internationalen Urheberrechts."
Aber wie es so schön heißt: Auch Gutes muss nicht teuer sein. Die Geschichte für den guten Zweck besticht nicht nur durch ihre Einfachheit, sie mutet in groben Zügen auch vertraut an: Gustave gerät mit seinem Schiff in einen siamesischen Zwillingstornado, und prompt erscheinen an Bord der Tod und seine bekloppte Schwester Dementia. Für Gustave gilt es nun, sechs Aufgaben zu erfüllen, um dem Sensenmann zu entrinnen. So weit, so gut. Wie schon in den zwei vorhergehenden Romanen wirft die "Wilde Reise durch die Nacht" beim Bildungsbürger zwei Fragen auf: Lese ich etwa ein Kinderbuch? Kenne ich das Motiv nicht irgendwo her? Ein klares Jein: Märchen meets Faust, Moers Miguel de Cervantes. Nicht umsonst heißt das sprechende Pferd, welches die Romanfigur Gustave begleitet, Pancho Sansa. Der gebildete Leser freut sich, denn den Namen kann er verorten, dem Kind ist es egal, denn das Pferd ist mächtig lustig.
Wieder einmal beweist Moers: Schön, wenn man etwas kennt, aber nichts macht mehr Spaß, als Erwartungshaltungen zu brechen. So muss Gustave eine schöne Jungfrau aus den Klauen eines Drachen befreien - doch ganz moersmäßig entpuppt sich das Eiland der hilflosen Maiden als Insel der Lindwurm verarbeitenden Amazonenindustrie. Aus Lindwurm-Tran wird Sonnenschutzcreme hergestellt, aus den Schuppen Kämme. Höhepunkt der Wechselbalgerei: Als die leicht geschürzte Holde das erste Mal den Mund auftut und über den Kopf des frisch verliebten Gustave hinweg die Worte schnauzt: "Ich dachte, der Knirps sollte draufgehen?"
Mit gebrochenem Herzen gilt es dann für Gustave, sich möglichst auffällig in einem Wald voller richtig mieser Gespenster zu benehmen, die Namen von sechs Riesen zu erraten und dem Tod einen Zahn des schrecklichsten aller Ungeheuer mitbringen - trotz der schwarz-weißen Abbildung übrigens eine ziemlich blutige Sequenz, aber das haben klassische Illustrationen manchmal so an sich.
Insgesamt also eine Mischung aus guter alter Abenteuer-Kost à la Jules Vernes und "Peterchens Mondfahrt", durchsetzt mit dem Humor eines fiesen Stollentrolls und umweht von einem leisen Bildungsecho. Und wie auch zu den "13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär" findet sich im Netz eine bemerkenswerte Seite zum Buch. Neben zahlreichen Illustrationen Gustave Dorés findet sich hier alles, was es über den Künstler zu wissen gibt - Doré, nicht Moers, wohlgemerkt, denn Letzterer hält sein Privatleben so geheim wie kein anderer. Natürlich abgesehen von den Tatsachen, dass er beim Schreiben wirklich einen Sturzhelm trägt und noch immer das Supermann-Logo mit verbundenen Augen in den Schnee pinkeln kann.
Wer wirklich etwas über die Person Moers erfahren möchte, dem sei empfohlen, dessen Essay über die Einflüsse Dorés auf das Kino zu lesen. Spätestens hier werden in den Zeilen zwei Dinge klar. Der Mann ist nicht nur ein manischer Cineast, er kann sich auch auf lustvoll-wissenschaftliche Weise über Doré und Walt Disney auslassen. Große Namen der Kunst-Vermarktung, von und mit der ja auch Moers gut lebt: "Ich fürchte, ich könnte mit kommerziellem Misserfolg weniger gut leben als mit mangelnder Anerkennung. Schlechte Kritiken braucht man nicht mal zu lesen, aber miese Verlagsabrechnungen darf man nicht ignorieren." Gegen die Einreihung seines Namens in die illustre Runde der Cartoon-Legenden verwehrt er sich jedoch: "In diese Liga gehöre ich leider nicht. Ich werde weder an Königshöfe eingeladen, noch besitze ich einen eigenen Vergnügungspark." Schade, verdient hätte er es.
Walter Moers: "Wilde Reise durch die Nacht" mit 21 Illustrationen von Gustave Doré . Eichborn Verlag , Frankfurt am Main; 208 Seiten, 39,80 Mark/20,35 Euro