Will Eisners "Komplott": Comics gegen Judenhass - DER SPIEGEL
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Will Eisners "Komplott" Comics gegen Judenhass

Drastische Bilder in Schwarzweiß: Das Vermächtnis des verstorbenen Comiczeichners Will Eisner ("Spirit") ist sein engagiertestes Werk. In "Das Komplott" klärt er die bittere Lügengeschichte hinter der antisemitischen Hetzschrift "Die Protokolle der Weisen von Zion" auf.
Von Alexander Bühler und Mayke Walhorn
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Ein Bündel Dynamitstangen, glimmende Zündschnüre, die von einem Stoffband mit Hakenkreuzsiegel zusammengehalten werden, daneben eine Ausgabe der "Protokolle der Weisen von Zion": So zeigt sich das Titelbild von Will Eisners Buch "Das Komplott. Die wahre Geschichte der Protokolle der Weisen von Zion". Wie das explosive Vermächtnis eines gefeierten Comiczeichners erscheint die in mehr als 100 Buchseiten verpackte Bildergeschichte in diesen Tagen auf dem Markt.

Anfang des Jahres ist Eisner verstorben. Kurz vor seinem Tod hatte es sich der 87-jährige Amerikaner nicht nehmen lassen, die Entstehungsgeschichte eines der hasserfülltesten Dokumente des Antisemitismus zu bebildern. Ein für alle Mal und für jeden verständlich wollte der Zeichner mit einer Lüge aufräumen. Denn kaum eine Hetzschrift hat in der Geschichte der Judenverfolgung so viel Schaden angerichtet wie die im 19. Jahrhundert entstandenen "Protokolle der Weisen von Zion". Immer wieder dienten sie Antisemiten als Argumentationsgrundlage.

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Will Eisner: Auszüge aus "Spirit" und "Das Komplott"

Foto: Will Eisner

Ihr Inhalt war schlicht und für viele leider gerade darum um so bestechender: Ein Journalist belauscht die Vertreter der zwölf jüdischen Stämme bei einem Treffen. Er erfährt, dass sie die Französische Revolution, den Liberalismus, den Sozialismus, den Kommunismus und die Anarchie heraufbeschworen haben, den Goldpreis manipulieren und eine Finanzkrise schüren wollen. Längst hätten sie die Kontrolle über die Medien übernommen und seien dabei, religiöse und ethnische Vorurteile zu nähren. Auch das Ziel der jüdischen Vertreter kann der Journalist heraushören: die Übernahme der Weltherrschaft. Die jüdische Weltverschwörung in Reinkultur - ein Text, der nicht mehr und nicht weniger war als eine Fälschung.

In drastischen schwarz-weiß Zeichnungen erzählt Eisner in seinem Comic die Geburtsstunde der Hetzschrift nach: 1864 hatte der französische Schriftsteller Maurice Joly ein Pamphlet gegen Kaiser Napoleon III. verfasst. Der Titel: "Gespräche in der Unterwelt zwischen Machiavelli und Montesquieu". Mit seinem Buch wollte Joly die Methoden des französischen Herrschers zur Unterdrückung der Gesellschaft aufdecken.

Doch knapp 30 Jahre später wurden seine Gedanken zweckentfremdet: Russische Adelige, die die argumentative Stärke des französischen Schriftstellers erkannten, gaben ihrem Haus- und Hofpublizisten Matwej Golovinski den Auftrag, die Unterweltgespräche in einen Text umzuschreiben, der die Bedrohung durch eine jüdische Weltverschwörung suggeriert. Ein Ablenkungsmanöver, durch das die russischen Adelskreise hofften, der Modernisierung ihres Landes und der damit verbundenen Abschaffung ihrer Privilegien Einhalt zu gebieten. Der Zar sollte glauben, dass er von jüdischen Kräften bedroht würde und jegliche Modernisierungsbestrebungen nichts anderes als ein Teil eines jüdischen Plans zur Übernahme der Weltherrschaft wären. Das Manöver gelang, die Erneuerung Russlands wurde gestoppt. Mit der Verbreitung der Propagandaschrift kam es zu unzähligen Pogromen im Zarenreich. Tausende von Juden kamen um.

Die dunkle Geschichte der "Protokolle der Weisen von Zion" war damit aber noch längst nicht zu Ende. In seinem Comic führt Eisner vor, wie auch die deutschen Nationalsozialisten und der amerikanische Autofabrikant Henry Ford die Hetzschrift mit Freuden weiter verbreiteten und wie die Schauermärchen nach und nach quer über den Globus wanderten. Von Antisemiten wird das Schriftstück in vielen Teilen der Welt bis heute als realer Erlebnisbericht und damit als Beleg für eine jüdische Weltverschwörung fehlinterpretiert. Gegenbeweise, wie der Vergleich von Jolys und Golovinskis Version des Textes, den Historiker und Zeitungen wie die Londoner "Times" vorgelegt haben, sind immer wieder ignoriert worden.

Selbst in der arabischen Welt haben die Protokolle Anhänger gefunden, erklärt der Berliner Antisemitismusforscher Werner Bergmann: "Die Niederlagen gegen das kleine Israel waren für die arabischen Armeen so etwas wie eine Kränkung. Um das zu verarbeiten, brauchte man einfache Erklärungen. Und die werden in den Protokollen suggeriert. Das ist die Vorstellung, dass eine weltweite Macht dahinter steht, die alles lenkt und die auch für die von vielen als schädlich angesehene Modernisierung verantwortlich ist."

Auch Eisners Comic könne daran nichts ändern, befürchtet der Wissenschaftler. Und doch war gerade das eines der Ziele, die der Zeichner mit seinem Buch verfolgen wollte. "Will hielt es für seine Pflicht, mit seinen Mitteln auf diesen Schwindel hinzuweisen", erklärt sein amerikanischer Biograf Bob Andelmann. "Es war immer seine große Hoffnung, dass dieser Comic auch in arabischen Zeitungen abgedruckt wird. Er wollte, dass die Menschen die Wahrheit erfahren - und dann auch akzeptieren." Die Kombination von Text und Bild habe er dabei für unschlagbar gehalten.

Nicht zuletzt setzte Eisner auch auf seine Popularität: In den vierziger und fünfziger Jahren wurde er durch seinen wöchentlichen "Spirit"-Comic über einen Superhelden ohne Superkräfte bei einem Millionenpublikum bekannt. Später ritt er als Comiczeichner für die amerikanische Armee, die Schallplattenfirma RCA und andere große Firmen auf einer nicht abbrechenden Erfolgswelle. "Irgendwann entstand in Will der Wunsch, lange und wichtige Geschichten zu erzählen - Geschichten für Erwachsene", erinnert sich sein Biograf. "Natürlich wollte er dabei weiter zeichnen. Und so kam er auf die 'Graphic Novel', den gezeichneten Roman."

Eisners erste Graphic Novel erschien 1978 unter dem Titel "Ein Vertrag mit Gott". Auf über hundert Seiten wird in ihr das Leben der Bewohner eines Mietshauses in Brooklyn beschrieben. Alltägliche Geschichten vom Schicksal und den Schwierigkeiten einer Gruppe von jüdischen Immigranten in Amerika, die dem Zeichner - selbst Sohn österreichischer Juden - nahe gingen. "Die Frage, warum Juden von so vielen Menschen nicht akzeptiert, sondern gehasst werden, hat Will hat sein ganzes Leben lang nicht losgelassen", erklärt Andelmann. "Als er dann irgendwann von den Protokollen, ihrer hasserfüllten Geschichte und den tatsächlichen Umständen ihrer Entstehung hörte, war für ihn klar: Das würde sein nächster Comic werden."

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