"Willenbrock" Aufsteiger am Abgrund
"Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein": Diesen Satz liest Bernd Willenbrock, der Protagonist von Christoph Heins gleichnamigem Roman, in einer Biographie. Er kann als Fazit dieses nüchternen Psychogramms eines deutschen Typus gelten.
Dabei führt der Ostdeutsche Willenbrock zu Beginn alles andere als eine randständige Existenz. Er blickt nicht in Abgründe, sondern hat beste Perspektiven: Sein Gebrauchtwagenhandel im Norden Berlins floriert, seine Frau hat Spaß an ihrer Galerie, die Affäre mit einer Professorin schmeichelt dem männlichen Ego.
Doch ein Leben lässt sich nicht so leicht steuern wie ein Auto, die sorgenfreie Nachwende-Existenz ist nur um den Preis des Selbstbetrugs zu haben. Dass ihm sein Bruder Peter den Lebenstraum vom Segelfliegen durch die Republikflucht vermasselt hat muss ebenso verdrängt werden wie der Verrat des IM Dr. Feuerbach, der verhinderte, dass man ihn zum "Reisekader" machte.
Dieser Willenbrock mag als Geschäftemacher auf der Höhe sein, die Tiefe seiner persönlichen Probleme kann er nicht ermessen, und so trifft ihn der brutale Raubüberfall in seinem Ferienhaus wie ein Faustschlag. Wer starr seinen Lebensplan verfolgt, kann um so heftiger erschüttert werden - und Willenbrock, der sich vorgenommen hatte, mit seinem Leben zufrieden zu sein, blickt plötzlich in einen Abgrund aus Lebenslügen.
Es ist nicht das erste Mal, dass Christoph Hein eine deutsche Vita demontiert: Der 1944 geborene, bei Leipzig aufgewachsene Dramatiker, Essayist und Prosa-Autor hatte schon zu DDR-Zeiten mit der Novelle "Der fremde Freund" (1982; im Westen 1983 als "Drachenblut" erschienen) die Implosion einer bürgerlichen Existenz geschildert, mit den Romanen "Horns Ende" (1985) und "Der Tangospieler" (1989) setzte er die kritische Revision deutscher Lebensverhältnisse fort.
Heute gilt Hein als einer der bedeutendsten Vertreter der Autorengeneration nach Grass und Christa Wolf. Mit "Willenbrock" wechselte er 2000 vom einstigen DDR-Prestigeverlag Aufbau zu Suhrkamp.