Zadek-Premiere: Süßstoff saugen - DER SPIEGEL
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Zadek-Premiere Süßstoff saugen

Theater-Grandseigneur Peter Zadek entdeckt gern das Große im kleinen Format. Seine Inszenierung von "Der bittere Honig" sprengt jedoch selten die Enge des lauschigen Hamburger St. Pauli-Theaters. Da half auch keine Oscar-nominierte Julia Jentsch.
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Star-Theater, wie man es in Hamburg liebt: Auf der Bühne des eher kleinen St. Pauli-Theaters an der Reeperbahn, gleich neben der Davidwache, inszeniert Regie-Papst Peter Zadek. Es spielen Eva Mattes und Kino-Jungstar Julia Jentsch ("Sophie Scholl - die letzten Tage"), es geht um einen quälenden Mutter-Tochter-Konflikt, angereichert mit Gesang und leichten Tanzeinlagen, was kann da schon schief gehen.

Beste Voraussetzungen für überschäumendes Schauspielertheater, keine Chance für eitlen Regie-Schnickschnack, wie Peter Zadek ihn hasst. Zuvor betrieb er veritable Grundlagenforschung: Das Stück "Der bittere Honig" der englischen Autorin Shelagh Delaney (uraufgeführt 1958) existierte nur in einer bearbeiteten Fassung, Zadek jedoch fand die Originalversion im Archiv der University of Texas. Somit also die neuerliche "Uraufführung" des Erfolgsstückes, das 1961 bereits vom britischen Filmregisseur Tony Richardson mit Rita Tushingham in die Kinos gebracht wurde.

Zeitlos präsentiert sich der Grundkonflikt des Dramas: Das Leben ist schwer für die allein erziehende und Whisky liebende Mutter Helen (Eva Mattes) und die 18-jährige Tochter Jo, sie ziehen unstet herum, die Mutter wechselt gern Beziehungen und Wohnorte, die Tochter fühlt sich allein, unverstanden und nicht respektiert. Sie leidet an ihrem Leben, während ihre Mutter versucht, zu genießen, was es zu genießen gibt. Beide lieben sich, können aber nicht zueinander finden, Kommunikation ist unmöglich, Gespräche enden in Streit, Schlägen und Schmerz.

Diese wiederkehrenden Auseinandersetzungen bilden die Höhepunkte und Scharniere der Handlung - und unterstreichen stets, dass sich eigentlich nichts getan hat zwischen Mutter und Tochter. Drei Stunden Bühnenzeit also über Stillstand und Verzweiflung: Da blieb dem Regisseur, der ja das "wirkliche" Stück zeigen wollte, nur, alles auf seine Truppe zu setzen.

Gut, dass das Stück mit den beiden weiblichen Stars so kraftvolle Aktivposten hatte - die halfen den teils gestelzten und formelhaften Dialogen kräftig auf die Sprünge. Zwischen den Szenen gab's Songs: Eva Mattes als rot gelockte Ballsaal-Soubrette konterkarierte die eher triste Handlung, als traue Maestro Zadek seinem Stoff dann doch nicht ganz und suche die ironische Brechung als Stützkonstruktion.

Dazu Club-Atmosphäre als zusätzliche Ebene: Ein Pianist und ein Bläser intonieren Jazz. Mal von Horace Silver, mal tönt Bill Ramsey als zeitnahe Schlagerkonserve, mal tanzen Helen und Peter ein wenig Tango, das Publikum darf auch mitsingen, wir sind schließlich auf dem Kiez. Doch die lockere Stimmung währt nicht lang.

Liebe zum falschen Objekt

Während die pragmatische Mutter sich den schrägen, aber zuverlässigen und wohlhabenden Unternehmer Peter Smith (routiniert, als seltsam verfremdeter Wiener: Uwe Bohm) angelt und sogar heiratet, endet Jos One-Night-Stand mit einem nigerianischen Matrosen in einer Schwangerschaft. Sie sieht sich in ähnlichem Schicksal wie ihre Mutter, allerdings ohne deren Lebenstüchtigkeit und Optimismus.

Jo hat jedoch Glück und findet in dem schwulen Kunststudenten Geoffrey (Oliver Urbanski) einen mütterlichen Freund, beide sind anlehnungsbedürftig und machen aus ihrer Einsamkeit das Beste - füreinander geschaffen sind auch sie nicht. Als Jos Kind kommt, nachdem sie nur knapp einem Selbstmordversuch entsagt hat, fährt sie allein in die Klinik, ohne Mutter und Freund. Offenes Ende, vielleicht der Beginn eines neuen, selbstbewussten Lebens.

Peter Zadek, der für seine Präzision gerühmt wird, hat wohl wie seine Hauptfigur Jo die Liebe ans falsche Objekt verschwendet. So brisant und kräftig zupackend die Sozialkritik und Authentizität von Shelagh Delaneys Stück Ende der fünfziger Jahre wirkte, so flach und behauptend kommen ihre Dialoge heute daher. Aus Honig wurde Süßstoff.

Die Gespräche treten auf der Stelle, vieles wiederholt sich, die handgreiflichen Auseinandersetzungen zwischen Helen und Jo brechen beliebig und arg forciert aus. Die Darstellung einer so tragischen Eltern-Kind-Beziehung - wie auch immer sich beide verhalten, es geht alles schief - verlangt, wenn man denn schon auf Heutigkeit abhebt, eine nach vorn weisende Ausformung.

Durch die "historische" Bühnengestaltung und die bloße Ausstellung des Textes wird ein aktueller Bezug eher verschleiert, denn die Dialoge leisten hierzu nichts. Schon in der ersten Szene, als Helen und Jo die neue, winzige Wohnung beziehen und ihre Lebenssituation reflektieren, ist eigentlich schon alles gesagt und gezeigt. Sie sind arm, sie gehen sich gegenseitig auf die Nerven, sie lieben sich verzweifelt, können aber positive Gefühle weder geben noch annehmen.

Julia Jentsch spielt die zerquälte Jo mit uneitler Hingabe und berührender Wehmut. Ihren Kampf um ein eigenes Leben, bei dem sie sich fast selbst zerstört, mitzuerleben, ist das eigentliche Ereignis des Abends. Julia Jentschs Bühnen-Fähigkeit, einen flügellahmen Text abheben zu lassen und dabei eine Figur zu erschaffen, berührt zutiefst. Eva Mattes rühmte in ihrem SPIEGEL-Interview die Kraft und Energie Julia Jentschs. Wie überwältigend könnte es sein, diese Kraft an einem stärkeren Theatertext zu erleben. Jetzt aber müssen erstmal die Daumen für "Sophie Scholl" und den Oscar gedrückt werden.

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