Zum Tode Tschingis Aitmatows: Hellwacher Träumer - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Zum Tode Tschingis Aitmatows Hellwacher Träumer

In mythischen Geschichten beschwor Tschingis Aitmatow die Macht des Schicksals und der Liebe. Als Kulturkritiker stellte sich der große kirgisische Autor hingegen in den Dienst der Perestroika und beleuchtete die Schattenseiten der globalisierten Welt.
Von Carmen Eller
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er hat einen liebeskranken Leoparden zur literarischen Figur erhoben und, glaubt man dem französischen Surrealisten Louis Aragon, auch "die schönste Liebesgeschichte der Welt" verfasst. Zwischen der so gelobten "Dshamilja", Tschingis Aitmatows Abschlussarbeit am Moskauer Literaturinstitut Maxim Gorki, und seinem letzten Werk "Der Schneeleopard" liegt ein weites literarisches Feld, das vom kirgisischen Nomaden bis zum furchtsamen Kosmonauten die gegensätzlichsten Figuren in sich vereint.

"Der Schneeleopard" beginnt mit Sätzen, in denen sich Grundgedanken seines Gesamtwerks spiegeln: "Jeder Kreatur bleibt das eigene Schicksal verschlossen. Niemand weiß, was ihm bevorsteht. Dennoch lebt in uns eine Sehnsucht, die Rätsel zu entschlüsseln, die uns umhüllen." Immer neu stellt sich Aitmatow dieser Aufgabe. In seinem letzten Roman über zwei seelenverwandte Protagonisten, einen altersschwachen Schneeleoparden und einen desillusionierten Schreiberling, bündelt er noch einmal seine großen Themen: Den Kampf zwischen Tradition und Moderne, die Beziehung des Menschen mit der Natur, die Kritik an der konsumorientierten Gesellschaft.

Gefangen zwischen Selbstmitleid und Sehnsucht nach ewigen Werten hadert die Hauptfigur, der Journalist Arsen Samantschin, mit sich und der Welt: "In diesem globalen Karussell geht es nur darum: den grenzenlos wachsenden Gewinn abzusahnen und grenzenlose Betäubung zu erzeugen. Die Welt soll toben und dröhnen wie ein Fußballstadion. Ein globaler Tsunami."

Tiefsinn, Treue und die Heilkraft der Liebe

Wie so oft in seinen Werken verarbeitete Aitmatow auch im "Schneeleoparden" Mythen seiner kirgisischen Heimat, etwa die Geschichte von der "Ewigen Braut". Das Mädchen, das auf der Suche nach ihrem verlorenen Bräutigam durch die Bergwelt streift, ist mehr als ein Sinnbild der Sehnsucht. Sie steht für Tiefsinn, Treue und die Heilkraft der Liebe.

Aitmatow beschreibt den Mythos als Gegenentwurf zur schnöden Wirklichkeit. In einer globalisierten Welt, in der das Streben nach Macht und Mammon hehre Ziele verdrängt hat, erschien ihm die Liebe als letzte Zuflucht. Wenn der kirgisische Autor diesem Gefühl literarische Denkmäler setzte, war ihm kein Wort zu groß, kein Vergleich zu gewagt.

Aitmatows Liebesgeschichte "Dshamilja" aus dem Jahr 1958 begründete nicht nur seinen weltweiten literarischen Ruhm, sondern spiegelte auch seine Skepsis gegenüber Ideologie wieder; die titelgebende Soldatenfrau stellt ihre Liebe zu einem verwundeten Fremden schließlich über alle sozialistischen Ideale.

Aitmatows zentrale literarische Themen waren eng mit seinen biografischen Wurzeln verknüpft. Der Sohn einer Schauspielerin und eines kommunistischen Parteisekretärs erblickte 1928 im kirgisischen Dorf Scheker das Licht der Welt und lernte neben seiner Muttersprache früh Russisch. In beiden Sprachen bewegte er sich später auch literarisch. Seine Großmutter machte Aitmatow mit den kirgisischen Mythen vertraut, sein Vater mit der modernen russischen Literatur. 1935 zog die Familie nach Moskau, wo die große Politik sehr bald auf traurige Weise Aitmatows Kindheit prägte. Nachdem sein Vater 1937 den stalinistischen Säuberungen zum Opfer gefallen war, floh die Familie zurück nach Kirgisien. Das Land blieb der wichtigste Schauplatz seiner literarischen Werke.

Pathos und erhobener Zeigefinger

Aitmatow arbeitete zunächst als Redakteur für Literaturzeitungen und berichtete als Korrespondent der "Prawda" über Zentralasien und Kasachstan. Als literarischer Autor löste er sich jedoch zunehmend vom staatlich verordneten sozialistischen Realismus. Nach dem Machtantritt Michail Gorbatschows, für den er ab 1989 als Berater arbeitete, wurde Aitmatow auch kulturpolitisch aktiv. Als Fachmann für kulturelle Fragen im Präsidialrat rief er die sogenannten "Perestroika-Konferenzen" mit Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern ins Leben.

Sein in diesen Jahren entstandener Roman "Der Richtplatz" gilt als erstes literarisches Signal der Perestroika. Es ist eine dieser für Aitmatow typischen Tiergeschichten, die weder lieblich noch lächerlich wirken, sondern von der Achtung des Autors vor der Natur zeugen und gleichzeitig Fragen zur sowjetischen Gesellschaft aufwerfen. Aitmatow war sich als Schriftsteller seiner sozialen Verantwortung bewusst, wehrte sich gegen einfache Wahrheiten - manchmal freilich mit Pathos oder mit erhobenem Zeigefinger.

Globalisierung und Amerikanisierung

Als Träger des Leninpreises, Vorsitzender des kirgisischen Schriftstellerverbandes oder Botschafter Kirgisiens in Brüssel erlebte Aitmatow große historische Umbrüche. Die Europäische Union bezeichnete der zeitweise zum Diplomaten gewordene Dichter einmal als "unglaubliche Errungenschaft in der Geschichte der Menschheit". Aitmatow glaubte zu wissen, dass die Schönheit der Welt in ihrer Vielfalt besteht, und sah sie durch Globalisierung und Amerikanisierung bedroht.

Der vierfache Vater, der stets die Verantwortung des Einzelnen herausstrich, beschwor in seinem literarischen Werk immer auch die Macht des Schicksals. Die altgriechischen Aufforderung "Erkenne dich selbst!" am Apollontempel in Delphi wandelte sich bei Aitmatow zu einem "Erkenne dein Schicksal". Genau diese Worte spricht eine Zigeunerin im Roman "Der Schneeleopard", und fügt hinzu: "Das Schicksal steht über dem Tod." Es ist dieser Drang nach existenzieller Erkenntnis und zugleich tatkräftigem Einsatz, den Aitmatow der Welt weitergab.