Der Penisneid, hat Woody Allen mal gesagt, sei ein Problem der Männer, nicht der Frauen. Mit dieser Einsicht, die Freuds fundamentale Entdeckung der täglichen Erfahrung anpaßt, läßt sich vieles logisch erklären: der Konkurrenzkampf am Arbeitsplatz, der Wettstreit auf dem Sportplatz und das Verhalten der Männer im Krieg. Die pure Angst, der andere könnte mehr in der Hose haben als man selber, fördert die Aggression und die Leistungsbereitschaft. Ohne den Penisneid würden die Männer faul und träge in der Gegend herumlümmeln, hätten die Frauen längst die Macht in der Gesellschaft übernommen. Im großen Reich der Komplexe nimmt der Penisneid eine ebenso herausragende wie kulturprägende Position ein.
Außer in Bayern, wo die Uhren anders ticken. Hier wird das Oktoberfest schon im September gefeiert, die Männlichkeit nicht in Zentimetern, sondern in Promille gemessen und ein Großflughafen nach einem Hobby-Flieger benannt. Der Penisneid ist in Bayern eine Randerscheinung, die allenfalls bei Zugereisten zu finden ist. Statt dessen herrscht im Freistaat der »Lockenneid«, ein Phänomen, das sonst nur bei den Rastas auf Jamaika verbreitet ist. In einer Rede im Münchner Hofbräuhaus sagte der Münchner CSU-Chef Peter Gauweiler, die Stadt zahle »Ausländern, die mit ihren Afro-Frisuren mit Zehntausenden von Locken zwei Friseure bis zur Erschöpfung beschäftigen würden, bis zu 300 Mark« für die Haarpflege. Die Stadt München bestreitet, diese Art von Folter zu finanzieren, und hat Gauweiler auf Unterlassung seiner Behauptung verklagt. Der aber will kein Wort zurücknehmen.
So wird es demnächst zu einem Prozeß kommen, in dem Peter Gauweiler als Zeuge in eigener Sache auftreten wird, ein Mann freilich mit spärlichem Haarwuchs und einer Halbglatze, die mehr freilegt als nur die üblichen Geheimratsecken: Hinter dem CSU-Mann stehen Millionen bayerischer Männer, die sich ob ihrer mehr oder weniger kahlen Köpfe nicht genieren wollen. Da hilft, wie andernorts ein Lendenschurz auf dem FKK-Gelände, nur eins: Hut auf!