TV-FILM Lodernde Gewalt
Mit dem einarmigen Hauptkommissar Tauber (Edgar Selge) hat der Zuschauer seine Erfahrungen. Immer ist er für eine zynische Bemerkung gut, immer geht er an die Grenze, wo der Wahnsinn anfängt, und immer blitzt aus seinen Augen der Übermut. Was Wunder, dass seine Kollegin Obermaier (Michaela May) gelegentlich verzweifelt - wie unlängst die Redaktion des Bayerischen Rundfunks. Da hatte Selge in einer Szene die Armamputation auf der rechten und nicht wie für die Rolle verabredet auf der linken Seite dargestellt - kein Verantwortlicher hat''s gemerkt, schräger Humor à la Selge.
Doch solche Scherze haben dem Ruhm des Darstellers, der 2003 für diese Rolle den Deutschen Fernsehpreis einheimste, nicht geschadet. Im Gegenteil: Die neue »Polizeiruf«-Folge bietet noch mehr an Grenzüberschreitung, Brutalität und filmischer Präzision: »Der scharlachrote Engel« von Dominik Graf beweist es an diesem Sonntag*. Zur Sendung kommt nämlich ein wahrhaft fulminantes Münchner Jammerspiel.
Dem Regisseur ist im Fernsehen gelungen, was der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in der Literatur geschafft
hat: das Herz des Zuschauers durch die Schilderung der herzlosen Moderne zu rühren. Graf hat die Welt seiner Geschichte in ihre Elementarteilchen zersplittert. In eiskalte, schrecklich elegante Bilder, in chaotische Gefühlskristalle und in Dialogsätze, die verletzend wie Messer aufblitzen.
Die Liebe ist in diesem Film vergiftet, nicht rot, sondern scharlachrot eben. Und das mit dem Engel im Titel - wo soll der eigentlich fliegen, wenn es um eine verbummelte Studentin geht, die für Internet-Kunden strippt, einen Vergewaltiger anlockt und unheilbar an der Liebe zu einem verheirateten Mann erkrankt ist?
Wohl selten gab es einen 20.15-Uhr-Krimi in einem öffentlich-rechtlichen Sender, in dem so obszön, rücksichtslos und eiskalt in Wort und Bild Gefühle seziert wurden. Dass ein Blumenverkäufer zwischen seinen Lokalbesuchen auf seine erschlaffte Ware pinkelt, dass der Vergewaltiger der nichtsahnenden Mutter seines Opfers eine Plastiktüte voll Fleisch auf den Tisch wirft und (wahrheitswidrig) behauptet, es stamme von der Tochter, gehört noch zu den leichteren Tabubrüchen.
Aber Spermaflecken des Täters auf dem Sofa in Großaufnahme, detailverliebte Erörterungen vor Gericht über Penisdurchmesser (normal: 3, trefflich: 4,5 Zentimeter) und der Dialogsatz über eine angeblich lüsterne Frau, sie habe »getropft wie ein Kieslaster« - das ist schon hart. Denn auch sonst wird reichlich geprügelt, vergewaltigt, gewürgt, geschrien, geheult, geblutet, gezittert, gehöhnt und geschmäht.
Doch zur Zensur besteht kein Anlass. Und der Bayerische Rundfunk hat Graf, dessen Film im vergangenen Sommer auf dem Münchner Filmfest unter viel Beifall gezeigt wurde, zum Glück nur wenige Schnitte abverlangt. Denn all die verstörenden Bilder und Worte sind erkennbar kein Selbstzweck, keine billigen Effekte, kein blutgeiles Film-Geklingel.
Graf inszeniert eine bittere Anklage wider die Mediengesellschaft, die dabei ist, die Unterscheidung zwischen Fiktion und Wirklichkeit zu verlernen. Seine Heldin, die Langzeit-Jura-Studentin Flo (aufwühlend, geheimnisvoll und zerbrechlich: Nina Kunzendorf), ist so eine Figur, die zwischen medialem Wahn und unbegriffener Wirklichkeit hoffnungslos eingeklemmt ist. Über ihre Darbietungen vor der heimischen Webcam für zahlende Internet-Kunden ist sie dabei, das Gefühl für die Würde des eigenen Körpers zu verlieren. Zumal sie echte und wahre Gefühle in der Unerreichbarkeit der Liebe zu dem verheirateten Mann versiegelt hat.
Flo ist so das gefundene Fressen für den Vergewaltiger Gérard (Martin Feifel), einen labilen Verlierertyp, den die Internet-Stripperin angeturnt und verwirrt hat, so dass er seinen aus Sexphantasien gespeisten Film im Kopf schreckliche Wirklichkeit werden lassen muss.
Es treffen also zwei Menschen zusammen, die jeder für sich die Wirklichkeit verloren haben. Und so ist der Auftritt der Gewalt unvermeidlich. Zwei Körper, über die die Vernunft die Kontrolle verloren hat, prallen aufeinander. Der Schänder bildet sich ein, der sexuelle Erlöser der Frau zu sein, die Geschändete, die gerechte Strafe für ihre Internet-Prostitution zu empfangen.
Von »magma-artigen« Verwüstungsspuren spricht Graf im Programmheft, ein feuriges Wort, das die Fegefeuer des Films trifft. Denn äußerlich kalt, elegant und mit musikalischem Gespür für Symmetrien beobachtet der Regisseur, wie die Instanzen der Vernunft eine nach der anderen in der lodernden Gewalt der Körper und Gefühle verbrennen.
Zu Asche werden die Vorstellungen von Gerechtigkeit und von der Sicherheit durch die Arbeit der Kommissare. Die Gerichtsverhandlung gegen den Bösewicht erweist sich als lächerliches (und vor allem von Claudia Messner in der Rolle der Verteidigerin grandios gespieltes) Theater. Der Kommissar Tauber verliert im Sturm der Sentiments die Kontrolle über seine eigenen Gefühle. Ihm fällt ein, wie er als Kind ein Karnickel durch festes Ansichdrücken die Liebe lehren wollte und was die Folge des Affektsturmes war: Das gepresste Viech pinkelte ihn vor Angst an. Wie soll er sich mit Gefühlen auskennen?
Es sind viele solcher kleinen Szenen, in denen Graf die Abgründe von Personen mit einem Satz oder einem Bild aufreißt. Manchmal reicht ein Farbtupfer wie das rote Kleid von Flo, in dem das weibliche Elementarteilchen inmitten lauter Graumäuse vor den Schranken des Gerichts erscheint - schneller und präziser lässt sich nicht zeigen, was Einsamkeit ist. NIKOLAUS VON FESTENBERG
* »Polizeiruf 110: Der scharlachrote Engel«, Sonntag, 20.Februar, 20.15 Uhr, ARD.