Löwe oder Lamm - DER SPIEGEL
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SCHNEIDER-PREMIERE Löwe oder Lamm

• aus DER SPIEGEL 52/1959
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es begann wie im Kino. Quer über die Bühne des Celler Schloßtheaters war eine Leinwand gespannt, auf die ein Text projiziert wurde wie - der Vorspann eines Kulturfilms.

»Am Ende des 13. Jahrhunderts«, konnten die Premierengäste lesen, »geriet die römische Kurie in dem Bestreben, ihre Macht auf den Trümmern des Hohenstaufenreiches neu aufzurichten, in eine ihrer schwersten Krisen ... Schließlich stellte sich die Frage in aller Grundsätzlichkeit: Würde in dem so bedrohlich heraufziehenden neuen Jahrhundert ein Papst der Macht

oder ein Papst der Gnade der Kirche zum Heil gereichen? Die Entscheidung ging um Löwe oder Lamm.«

Um diese Entscheidung zwischen Löwe und Lamm - der sich nach dem Tode des Papstes Pius XII. im vergangenen Jahr auch das Kardinalskollegium in seinem Konklave konfrontiert sah; es wählte diplomatisch den hochbetagten Johannes XXIII.

- geht es in Reinhold Schneiders umfangreichem

Schauspiel »Der große Verzicht«, das nun in Celle zum ersten Male in Deutschland aufgeführt wurde. Die Handlung des frommen Historiendramas spielt im 13. Jahrhundert - in den neun Jahren zwischen 1294, der Wahl Papst Cölestins V., und 1303, dem Tode seines Nachfolgers Bonifaz VIII. Aktuelles Thema ist, ob und wie sich das Christentum in einer unchristlichen Umgebung behaupten kann.

Der katholische Autor, mehrfacher Ehrendoktor, Friedens-Pour-le-Mérite-Träger und, Buchhandels-Friedenspreisträger Schneider

- er starb 54jährig, 1958, an den Folgen

eines Unfalls -, hatte seit je historische Stoffe gewählt, um in der Form von Lehrstücken

das einzige Problem darzustellen, das ihn ernstlich interessierte: die Frage, ob ein gläubiger Christ weltliche Macht ausüben solle oder nicht.

Mit seinen Antworten hat Schneider seine konservativen Glaubensfreunde allerdings mehr als einmal schockiert. In den Prosawerken »Philipp II.« und »Das Inselreich, Gesetz und Größe der britischen Macht« verurteilte er ganz allgemein nahezu jegliches politische Machtstreben - erst recht dann, wenn es sich als religiöse Missionstat deklarierte. Zu Tagesfragen bezog Schneider eine Stellung fernab von der Meinung der christlichen Staatspartei - zuletzt, indem er in einer Denkschrift an den Bonner Bundestag aus »christlichen und politischen Gründen« die Wiederbewaffnung Deutschlands ablehnte.

Ein pazifistischer Aspekt bildet auch den Hintergrund seines letzten Dramas »Der große Verzicht«, das 1957 unter 478 Einsendungen den ersten Preis des Bregenzer internationalen Schauspielwettbewerbs bekam. Der Katholik Schneider konfrontiert die Gewalttätigkeiten und Intrigen der Päpste, Kardinäle und Könige im ausgehenden Mittelalter der vagen Hoffnung auf das »lang ersehnte Zeitalter der Gewaltlosen«, um zu zeigen, was der Christ, der es mit seinem Glauben ernst meint, in dieser Welt zu erwarten habe. Schneider kommt zu dem Ergebnis: Der Christ muß verzichten.

Nach zweijährigem Interregnum wählen im Jahre 1294 die Kardinäle in ihrem Konklave einen Außenstehenden, den frommen Eremiten Petrus von Murrhone, zum neuen Oberhaupt der Kirche, der sich als Papst den Namen Cölestin zulegt. Cölestin V., den seine Verehrer noch heute »Papa Angelicus« ("Engelspapst") nennen, möchte zunächst auf das hohe Amt verzichten (obwohl er es insgeheim ersehnte) - nicht weil er die Absicht der Kardinäle durchschaute, ihn zum Werkzeug ihrer Interessen zu machen, sondern weil er sich fürchtet, seine Einsiedelei zu verlassen und nach Rom zu gehen. Er begründet sein Zögern durchaus plausibel: Seine Kenntnisse in der lateinischen Sprache seien mangelhaft, und er habe keinerlei Erfahrung in Verwaltungsgeschäften.

Schließlich unterwirft er sich der Wahl doch, weil er glaubt, der heilige Geist habe sie getroffen. Er lehnt es aber entschieden ab, seine Einsiedlergewohnheiten zu ändern: Auch als Papst ernährt er sich nur von trockenem Brot und Früchten.

Weltfremd, wie er ist, weigert er sich, die Schiffe zu segnen, mit denen König Karl II. von Neapel Sizilien erobern will. Der König revanchiert sich auf seine Weise: Er nimmt den Papst gefangen und kerkert ihn ein. Fünf Monate nach seiner Wahl dankt Cölestin V. ab. »Ihr habt einen Schwachen gewählt, . . . der allein darum beten kann, daß er die Kirche Gottes Wege führe«, erklärt er den Kardinälen.

Nicht minder katastrophal endet es, als das Kardinal-Konklave nach diesem Verzicht einen Antipoden Cölestins zum neuen Oberhirten wählt: den Papst Bonifaz VIII., der mit aller Energie Anspruch auf weltliche Macht erhebt und das Amt des katholischen Oberhirten als Herrschaftsanspruch über die Könige auffaßt.

Mit seiner Bulle »Unam Sanctam«, die kirchliche Allgewalt über Kronen und Völker verkündete, brachte Bonifaz es fertig, daß sich die rivalisierenden weltlichen Herren Europas für eine Weile einig wurden - freilich nur, um sich gegen den Papst zu wenden. Der Papst wurde Gefangener der französischen Krone, und für etwa achtzig Jahre mußten seine Nachfolger im Exil von Avignon tun, was ihnen die französischen Regenten vorschrieben.

Autor Schneider interpretiert - bei aller Sympathie für den »Papa Angelicus« -

die beiden Antipoden, Papst Cölestin V. wie Bonifaz VIII., als treue Diener der Kirche. Er läßt aber keinen Zweifel daran, daß nach seiner Ansicht Machtansprüche und Machtausübung im christlichen Sinne Schuld bedeuten; diese Schuld arbeite »wie ein Wurm im Gebäude der Macht«.

Das Scheitern beider Päpste hat nach Schneider seine Ursache darin, daß die christliche Kirche als Institution auf Machtentfaltung angewiesen ist, damit aber gleichzeitig ihrer eigenen Lehre der Gewaltlosigkeit widerspricht. Am Modellfall dieser Päpste exemplifiziert Schneider, was nach seiner strengen Forderung Christenpflicht der Gegenwart wäre: »Es ist nicht die Zeit der Herrschaft mehr . . . Es ist die Zeit der Sühne.«

»Verzicht«-Szene in Celle*

Macht ist Schuld

* Egon Schäfer als Papst Cölestin V. Hans Pabst als Kardinal.

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