Lohn der Angst - DER SPIEGEL
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POPMUSIK Lohn der Angst

Die Veröffentlichung einer Kassette mit Live-Aufnahmen des Rock-Superstars Bruce Springsteen entfesselte einen Verkaufsrummel in den USA. *
• aus DER SPIEGEL 47/1986
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Für die US-Presse ist der Arbeitersohn aus New Jersey ein »Nationalheld«, ein »kulturelles Symbol«, ein »Sinnbild für die Energie und den Idealismus Amerikas«, ein »amerikanischer Archetyp«.

Er geht einer Beschäftigung nach, für die solche Attribute üblicherweise nicht reserviert sind: Er ist Rockmusiker, singt, spielt Gitarre und schreibt Songs, in denen er die Schattenseiten von Reagans Schönem Amerika beleuchtet.

Was Bruce Springsteen, 37, auch immer anstellt - in der Sicht seiner Millionen Fans und im Getöse der unisono erklingenden journalistischen Begleitfanfaren wachsen seine Taten stets ins übermenschliche Maß.

Wenn Springsteen Konzerte gibt, strömen seine Anhänger zu Zehntausenden in die Stadien. Seine Auftritte gleichen religiösen Erweckungsveranstaltungen. Wenn er eine neue Platte herausbringt, wird dieser Vorgang in den Medien zu einem Ereignis von nationaler Tragweite hochgespielt.

Am Montag der vergangenen Woche war es wieder einmal so weit, als der Verkauf eines neuen Springsteen-Produkts begann. Vorher schon hatte das »Time«-Magazin in gespielter Ungeduld die Erwartungen angeheizt: »Jetzt dauert es nur noch ein paar Tage.«

Zum erstenmal brachte Springsteen Live-Aufnahmen seiner Konzerte heraus, die, wenn überhaupt, bislang nur in illegalen Mitschnitten existierten. Die Plattenbox »Bruce Springsteen & The E Street Band Live / 1975-85«, die wahlweise mit fünf LPs, drei Compact-Discs oder drei Musik-Cassetten angeboten wird, führt den Edel-Rocker so vor, wie ihn seine Anhänger vor allem lieben - auf einer Bühne schuftend, umtost von der Brandung anbetenden Gebrülls.

Es war, als hätte New York über Nacht die Planwirtschaft eingeführt. Schon im Morgengrauen bildeten sich lange Schlangen vor den Plattenläden;

eine 34jährige Angestellte offenbarte Reportern ihre »Angst, es könnte nicht genug davon dasein«. Eine 30jährige Frau hatte schiere Todesangst zur Schallplatten-Verteilungsstelle getrieben, weil »mein Mann mich sonst erschossen hätte«. Amerika spielte verrückt.

Die glühende Liebe des Massenpublikums zu dem bodenständigen Rock-Entertainer vom flachen Land und seinen desillusionierenden Songs wirkt paradox im gegenwärtigen Amerika des Reaganschen Hurrapatriotismus. In Springsteens Liedern spielen Arbeiter und Arbeitslose die Hauptrolle, die auf den amerikanischen Traum pfeifen müssen.

Nicht einfältige Kraftmeier a la Rambo, die das Vietnam-Trauma mit Macho-Brutalität wegballern wollen, sondern arme Schweine aus den verfallenden US-Kleinstädten, von der Gesellschaft abgeschriebene Kriegsveteranen und amoklaufende Desperados bevölkern die Springsteenschen Song-Szenerien.

»Er zeichnet die Landkarte der allamerikanischen Verzweiflung«, bemerkte die »New York Times«. Springsteen offeriert »einen bespöttelten Glaubensartikel der sechziger Juhre, der sehr aus der Mode gekommen ist: die Kraft und Verheißung der Rockmusik« ("Rolling Stone").

Die 40 Songs der Live-Kassette, darunter auch zwei vorher nie veröffentlichte, summieren sich zu einem großen amerikanischen Epos. Schon jetzt trägt das Springsteensche OEuvre die Patina ewiger amerikanischer Kulturgüter wie etwa die Filme John Fords, die großen Romane John Steinbecks oder die Dramen Tennessee Williams.

Daß nun so viele Konsumenten dieses neue Denkmal der US-Kultur besitzen möchten, ist einer anderen amerikanischen Fähigkeit zuzuschreiben - eine Botschaft, und sei sie noch so düster, gegen Bares im weiten Land zu verbreiten.

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