US-Künstlerin Zum Tod von Lorraine O’Grady
Künstlerin Lorraine O'Grady
Foto:Lelanie Foster / NYT / Redux / laif
Am 18. Juli 1973 gaben in Manhattan die damals eher unbekannten Musiker Bob Marley und Bruce Springsteen ein Konzert. Die hymnische – und prophetische – Kritik einer jungen Rockjournalistin wurde von der »Village Voice« mit der Begründung abgelehnt, es sei wohl noch »zu früh für diese beiden«. Als ihre Rezension 2010 endlich abgedruckt wurde, war Lorraine O’Grady bereits selbst ein Rockstar der US-Kunstwelt – Aktivistin und Avantgardistin, Revolutionärin und Legende. Als Tochter jamaikanischer Einwanderer las sie sich als Kind quer durch die Leihbücherei. Später studierte sie Wirtschaft und spanische Literatur, war Übersetzerin, Journalistin, unterrichtete an einer Kunstschule. Ihre ersten eigenen Arbeiten waren Text-Collagen, die sie 1977 mit Ausschnitten der »New York Times« arrangierte. Die Autodidaktin wollte weder ihre Unterdrückung als schwarze Frau thematisieren noch »street credibility« simulieren. Beides, sagte sie später, bedeutete »Komplizenschaft mit der eigenen Unsichtbarkeit«. Als Kunstfigur namens »Mlle Bourgeoise Noire« platzte sie ab 1980 in Vernissagen und forderte – von schwarzen Künstlern – mehr Mut zum Risiko. O’Grady selbst wollte nie zur Marke werden, wechselte mit ihrer performativen Konzeptkunst permanent das Genre. Sie arbeitete intersektional, bevor es das Wort überhaupt gab. 2016 setzte die Sängerin Anohni dieser Ikone smarter Selbstermächtigung ein Denkmal. Im Video zu »Marrow« bewegt O’Grady zum Gesang nur die Lippen. Eine Performance ganz nach ihrem Geschmack. Lorraine O’Grady starb am 13. Dezember in New York.