Lost Weekend - DER SPIEGEL
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Lost Weekend

• aus DER SPIEGEL 35/1961
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Am Samstagabend vorletzter Woche flog der amerikanische Filmregisseur Billy Wilder von München nach Berlin, um am Brandenburger Tor Außenaufnahmen für ein politisches Lustspiel zu drehen. Als Wilder am Sonntagmorgen im Hotel Kempinski aufwachte, war das Tor zu.

Damit hatte das jüngste Filmvorhaben des zur Zeit erfolgreichsten Lustspielregisseurs der Welt ("Manche mögens heiß") eine widersinnige Aktualität erlangt: Wilder dreht unter dem Titel »Eins, zwei, drei« eine west-östliche Kino-Farce à la »Ninotschka«.

Der Plan war in Wilder herangereift, als sich die Eisenhower-Ära ihrem Ende zuneigte. Für »tierisch-ernste Flucht - und Spionage-Geschichten«, so fand der Regisseur damals, sei nun nicht mehr die rechte Zeit; »schöne Persiflagen« seien angemessen. Und nachdem John F. Kennedy das Präsidentenamt übernommen hatte, frohlockte Wilder: »U 2 ist vergessen, jetzt haben wir die Atmosphäre für so einen Film.«

Als Vorlage für die Farce diente dem renommierten Regisseur ("The Lost Weekend«, »Sunset Boulevard") Franz Molnárs Pariser Gesellschaftsposse »Eins, zwei, drei«, die Anfang der dreißiger Jahre (mit Max Pallenberg und Victor de Kowa in den Hauptrollen) auf Berliner Bühnen reüssiert hatte. Wilder verlegte den Schauplatz nach Berlin und richtete die Handlung entsprechend ein: Die Tochter eines amerikanischen Coca-Cola-Milliardärs läßt sich während eines Westberlin-Abstechers mit einem kommunistischen Studenten aus Ostberlin ein, sieht Mutterfreuden entgegen und konfrontiert ihre eilends anreisenden Eltern mit einer heimlich eingegangenen Ehe.

Um dieses Sujet möglichst wirklichkeitsnah ins Bild setzen zu können, betrieb Wilder frühzeitig Milieustudien in West- und Ostberlin. So besichtigte er auch das Ostsektor-Hotel Newa - was die sozialistische Hotel-Kapelle beflügelte, ihm zu Ehren Irving Berlins »Alexander's Ragtime Band« zu spielen. Wilder über die fade Darbietung: »Das ist wohl von Irving East Berlin.«

Auch nach dem Wiener Gipfeltreffen hielt Wilder seinen Film noch für zeitgemäß. »Kennedy und Chruschtschow haben versucht, den Kalten Krieg ein bißchen weniger ungemütlich zu machen«, sprach er, »und wir werden versuchen, in unserem Film die ideologische Verkrampfung ein bißchen zu lokkern.«

Acht Tage später sah sich Wilder in seinen Lockerungsübungen bereits behindert. Er hatte geglaubt, seinen Hauptdarsteller Horst Buchholz auf einem Motorrad durch das Brandenburger Tor brausen lassen zu können, wobei im Beiwagen des klapprigen Vehikels ein großer gelber Luftballon mit knalliger Aufschrift flattern sollte: »Russki go home«.

Die Vopo verbat sich solche Scherze, und Wilder mußte die Szene in München drehen: Für 200 000 Dollar wurde die Ostfront des Brandenburger Tors auf dem Filmgelände von Geiselgasteig aus Beton und Pappe rekonstruiert.

Aber auch noch nach Wilders letztem verlorenen Wochenende, als die neue Berlin-Krise den Plan zunichte machte, Original-Aufnahmen am Brandenburger Tor zu kurbeln, zeigte sich der Regisseur gänzlich unbekümmert. Er will nun einen dokumentarischen Vorspann-fabrizieren, der dem Film Würze verleihen soll. Wilder: »Als wir den Film begannen, hatten wir ein aktuelles Lustspiel. Jetzt, da wir ihn beenden, ist er ein historisches Dokument.«

Nachdem ihm die »New York Herald Tribune« bescheinigt hatte, wie erfrischend es sei, »daß wenigstens ein Mann aus der Filmbranche nicht den Sinn für Humor verloren« habe, ließ sich Wilder von der Berlin-Situation gleich zu neuen filmischen Möglichkeiten inspirieren:

- »Stellen Sie sich vor - eine Ostberliner Schwiegermutter bleibt durch die Grenzschließung bei einem Westberliner Ehepaar hängen ... Was für ein Filmstoff! Alle Schwiegermütter-Witze in einem aktuellen Mantel.«

- Oder: »Ein Westberliner heiratet

am 12. August eine Ostberlinerin. Und weil er geizig ist, feiert er zum Wechselkurs von 1 : 4 die Hochzeit in Ostberlin ... Im Morgengrauen darf er zwar nach Westberlin zurück - aber nicht mehr seine Braut. Eine Hochzeit ohne Hochzeitsnacht!«

Der Witzbold fand auch einen Dreh, um seinen nahezu fertiggestellten Film »Eins, zwei, drei« den Ereignissen anzupassen: »Wir verlegen die Handlung einfach aus der Zeit Juni/ September in die Zeit Mai/August vor und haben so einen Film über die gute alte Zeit - da man noch durchs Tor durfte.«

»Eins, zwei, drei«-Regisseur Wilder Ein Coca-Cola-Lustspiel ...

... am Brandenburger Tor: »Eins, zwei drei«-Darsteller Liselotte Pulver, Buchholz (2.v.l.)

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