Luxuriöse Lockrufe - DER SPIEGEL
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KUNSTMARKT Luxuriöse Lockrufe

Mitte Oktober eröffnet die neue Londoner Kunstmesse Frieze - das Spektakel könnte die Konkurrenzveranstaltungen in Köln und Berlin in den Schatten stellen.
• aus DER SPIEGEL 40/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Gourmets und die Partygänger unter den Kunstsammlern dürften angenehm überrascht sein, wenn Mitte Oktober die neue Londoner Kunstmesse Frieze eröffnet wird. Seit Monaten werben die Veranstalter damit, den »Chef Director« eines der exklusivsten Restaurants der Stadt mit der Verpflegung ("köstliche Herbstgerichte") beauftragt zu haben. Für die Abende wollen sie einen Club mieten, in dem sich üblicherweise Armee-Veteranen treffen - und in dem an den Messetagen trendige Popbands auftreten.

Das Kunst-Shopping selbst soll erst recht zum Spektakel werden. Mit ihrer Verkaufsschau quartieren sich die Frieze-Macher im idyllischen Regent's Park ein, natürlich nicht auf der Wiese, sondern in einer eigens in Leichtbauweise errichteten »eleganten Architektur« - einem Messebiotop, zu dem etwa pinkfarbene Gänge gehören. Nach vier Tagen soll der Spuk vorbei, die Pavillon-Halle fast schon wieder abgebaut und der Rest der Welt mal wieder von Cool Britannia beeindruckt sein.

Die Konkurrenz ist jetzt schon alarmiert, vor allem die deutsche. Und das, obwohl (oder gerade weil) es sich bei den Erfindern des Londoner Ereignisses um schillernde, wenn auch szenekundige Quereinsteiger handelt, die ansonsten ein Kunstmagazin ("Frieze") herausgeben. Nun wollen sie, selbstbewusst wie alte Profis, den millionenschweren Markt mit der Kunst erobern.

Bereits die Wahl des Termins wirkt wie eine Kampfansage. Schließlich drängeln sich die Briten mit ihrem Debüt zwischen zwei deutsche Messen für zeitgenössische Kunst: In dieser Woche eröffnet in Berlin das Art Forum, Ende Oktober folgt die rheinische Traditionsmesse Art Cologne.

Daran, dass diese beiden einst renommierten Verkaufsschauen unter Imageproblemen leiden, sind die Briten unschuldig. »Es ist verrückt: Kein Land verkauft mehr Kunst ins Ausland als Deutschland, wir haben die wichtigsten Künstler, aber bestimmt nicht mehr die spannendsten Messen«, ärgert sich der Berliner Galerist Martin Klosterfelde.

Dabei tritt das Art Forum in Berlin seit seiner Gründung 1996 jedes Jahr aufs Neue mit dem Ziel an, sich als quirlige Gegenveranstaltung zur Art Cologne zu etablieren, der ältesten Messe ihrer Art. Heute habe die Kölner Schau tatsächlich »den Ruf einer verschlafenen Urgroßmutter«, lästert der Berliner Galerist Tim Neuger.

Berlin hat sich auch nicht als Sieger erwiesen. Das Art Forum präsentiert sich 2003 mit 100 Galerien kleiner als je zuvor - und war noch nie so umstritten. Selbst ein spezielles VIP-Verwöhnprogramm inklusive kostenloser Übernachtung im Luxushotel, mit dem jedes Jahr 80 bis 100 Sammlerprominente umgarnt werden, vermochte die Attraktivität bislang nicht zu steigern. Und erst recht nicht die Umsätze.

Er habe ein einziges Mal in Berlin teilgenommen »und nichts, aber auch gar nichts verkauft. Das ist mir auf keiner anderen Messe jemals passiert«, schimpft Iwan Wirth, Mitinhaber der so erfolg- wie einflussreichen Zürcher Galerie Hauser & Wirth. Nun investiert er sein Geld in London - in einen Messestand und noch dazu in eine neue Galerie, die er einen Tag vor der Frieze-Premiere einweiht. Die Stadt, schwärmt er, entwickle sich nach New York zur zweitwichtigsten Kunstmetropole der Welt. »Londons Kunstszene vibriert«, trommeln auch die Frieze-Chefs.

Bleibt die Frage, wohin es die Sammler zieht, die, wenn sie ihr Hobby ernst nehmen, im Herbst einen Vielflieger-Club gründen können - am 9. Oktober beginnt auch noch die Pariser Messe Fiac.

Als einziger, wirklich obligatorischer Pflichttermin gilt mittlerweile nur noch die Schweizer Art Basel. Dort trifft sich jedes Jahr im Juni die weltweite Sammlergemeinde und erledigt bei dem ein oder anderen Glas Champagner ihre Kunsteinkäufe. Weil die Umsätze so erfreulich fließen, eröffneten die Basler im Dezember 2002 einen Ableger unter der Sonne Floridas - mit dem klangvollen Namen Art Basel Miami Beach.

Kurioserweise sind es die deutschen Händler, die sich über die wachsende Zahl der Messen beschweren - und jetzt London bevorzugen. Von 124 Frieze-Teilnehmern stammen 25 aus Deutschland. Und das, obwohl die Standmieten in der umfunktionierten Grünanlage mit 259,10 Euro pro Quadratmeter deutlich über denen von Köln (169,95) und Berlin (155) liegen.

Alle Messe-Exilanten scheinen sich einig zu sein, dass in der britischen Hauptstadt (ähnlich wie in Berlin und anders als im Rheinland) nur wenige namhafte Sammler ansässig sind. Aber egal: »London liegt verkehrstechnisch günstig. Da wird sich Gott und die Welt blicken lassen«, glaubt Nicole Hackert, eine der Leiterinnen der Berliner Galerie Contemporary Fine Arts.

Den meisten ihrer Kollegen würde schon das Erscheinen der US-Klientel reichen. Die gilt nach wie vor als kauffreudig. Deutsche Museen, einst spendable Kunden, plagen sich mit schrumpfenden Etats, und die Wirtschaftsflaute lässt auch Privatleute zögerlicher zugreifen. »Wahrscheinlich werden da nicht alle Messen überleben«, glaubt Udo Kittelmann, Direktor des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt.

»Die Deutschen neigen zum Jammern«, sagt Sabrina van der Ley, Leiterin des Berliner Art Forums. »Wir geben aber trotz des ganzen Geredes nicht auf.« In London werde sie auf jeden Fall vorbeischauen. »Mal sehen, was die Konkurrenz so auf die Beine stellt.« ULRIKE KNÖFEL

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