POPMUSIK Mabuses Stummköpfe
Der greise Richter stieg herab vom hohen Stuhl und ließ sich zum Tatort fahren - zu einem Schallplatten-Aufnahmestudio der Plattenfirma »Zang Tumb Tuum« (ZTT).
Dort, im Londoner Westen, besichtigte Justice Whitford, 74, am Mittwoch vergangener Woche eine jener modernen Musik-Fabriken, in denen kaum noch angetörnte Pop-Sänger und Heul-Gitarren herumstehen, sondern Batterien von glimmenden Synthesizern und flackernden Computern, bedient von Produzenten-Masterminds, Toningenieuren und Programmierern.
Richter Whitford wollte den Ort inspizieren, wo das entstand, was gegenwärtig sein kniffliger Fall ist - die Millionen-Hits »Relax« und »Two Tribes« der aus Liverpool stammenden Pop-Band »Frankie Goes To Hollywood«; die Hits nämlich sollen, so der Casus, ganz ohne jede Handarbeit der Musikanten entstanden sein.
Vielmehr seien sie, so der Casus weiter, ein Menü aus Konserven, eine Computer-Melange aus eingespeicherten Versatzstücken, zusammengetippt und gemixt von Trevor Horn, dem Produzenten und Mitbesitzer des »Zang Tumb Tuum«-Labels; den »Frankies« sei nur die Rolle zugefallen, zur Musik zu hampeln.
Mit der grassierenden Elektronik-Hexerei »Sampling« (SPIEGEL 50/1987) ist das machbar - durch moderne Maschinerie läßt sich Gespeichertes jedweder Herkunft zu neutönenden Ohrwürmern aufplustern. Erstaunlich an dem Londoner Multimix-Fall ist, daß ZTT den Stein selber ins Rollen und das offene Geheimnis aktenkundig machte.
Die Firmen-Enthüllung ist offenbar als Gegenoffensive geplant, als Vernichtungsfeldzug gegen den Chef von »Frankie Goes To Hollywood«, den Lead-Sänger Holly Johnson, 27. Denn der Mann, der durch »Zang Tumb Tuum« groß geworden war, will den alten Laden verlassen und eine Solo-Karriere ansteuern. Das will ZTT verhindern.
Die ZTT-Chefs Trevor Horn und Paul Morley hatten das »Frankie«-Quintett aus der Düsternis der Liverpooler Rocker-Keller in das Spotlight der Hitparaden geholt, mit ausgefuchster PR, wilden Bühnen- oder Fernsehshows und kalkuliertem Skandal-Effekt: In den Jahren der Wiederauferstehung des Kondoms und der welkenden Sex-Piraterie besang »Frankie«-Chef Holly Johnson die Freuden freischweifender Homosexualität. In einem »Frankie«-Videoclip schlugen sich Reagan- und Tschernenko-Imitatoren blutige Nasen.
Als die Erfolgskurve knickte, kriselte auch die Ehe ZTT/Holly Johnson. Der Sänger fühlte sich plötzlich unter einem Knebel-Vertrag und finanziell über den Tisch gezogen: »Wenn man keine Erfahrung mit Verträgen hat, glaubt man nicht, daß sie schlecht sind. »So gedachte er, zu neuen Ufern aufzubrechen, und das brachte ihn jetzt vor Gericht.
Das enthüllende Gegenargument von »Zang Tumb Tuum« ist für ihn ein Schlag ins Kontor - seine Mannen stehen als blanke Statisten vor der Geräuschkulisse; Holly Johnsons Stimme immerhin, gibt ZTT zu, sei in den Mix elektronisch eingequirlt.
Dem Teenie-Publikum wird es piepegal sein, ob da Stummköpfe in den Fernseh-Hitparaden zappeln oder echte Musikanten. Sensationeller Sound und exzentrische Fummel sind sowieso wichtiger, zuweilen macht es auch ein Donnerbusen.
Denn die neuen High-Tech-Mabuses in den Computer-Labors betrachten Künstler längst bloß noch als Verkäufer ihrer Fließbandware - jüngeres Beispiel: der Briten-Busen Samantha Fox, blankgelegt in Boulevardblättern und dann als Schlagermieze auf den Markt geworfen vom englischen Produzenten-Team Stock/Aitken/Waterman.
Er sei eigentlich nicht »an Models mit dicken Titten interessiert«, erläutert Waterman. »Wir arbeiteten zwei Stunden mit ihr, und das war's.«