ZENTRALAFRIKA Macbeth im Kral
Auf der improvisierten Freilichtbühne saß vor einer Zuluhütte ein Neger und monologisierte im altertümlichen Englisch des Elisabethanischen Zeitalters:
Wenn der Meuchelmord
Aussperren könnt' aus seinem Netz die Folgen,
Und nur Gelingen aus der Tiefe zöge,
Daß mit dem Stoß, einmal für immer, alles
Sich abgeschlossen hätte - hier, nur hier,
Auf dieser Sandbank einer seichten Zeit -
So setzt' ich weg mich übers künft'ge Leben.
Der mit einem Leopardenfell und allen Zeichen der Häuptlingswürde bekleidete Schwarze war die Hauptfigur des Shakespeare-Dramas »Macbeth«, das in der Bearbeitung des Regisseurs Adrian Stanley vor kurzem in Salisbury, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Föderation, gespielt wurde. Ort der Aufführung war ein Fußballplatz, der die gleiche Bezeichnung trägt wie die Hauptfigur des Shakespeare-Stükkes: das Glamis-Stadion. Than (Lehnsmann) von Glamis ist auch der Adelstitel von Macbeth.
In der Absicht, den europäischen Klassiker einem farbigen Publikum verständlich zu machen, und überzeugt, »daß eine Negerversion sehr erregend sein müßte«, hat der 38jährige Brite Stanley ein Experiment wiederholt, das vor ihm schon der amerikanische Regisseur und Filmschauspieler Orson Welles ("Der dritte Mann") unternommen hatte. 1936 war Shakespeares »Macbeth« von Orson Welles im Stil des Voodoo, eines magisch-religiösen Geheimkults der Neger Westindiens, inszeniert worden.
Stanley wollte nunmehr Shakespeares blutrünstiges Bühnenstück rhodesischen Verhältnissen anpassen. Nach eingehendem Studium afrikanischei Stammesgeschichte versetzte er deshalb die »Macbeth«-Handlung aus dem mittelalterlichen Schottland in das Zululand des frühen 19. Jahrhunderts: In Stanleys Version spielt sie an der Südostküste Afrikas in der Nähe der heutigen Stadt Durban.
Stanley rechtfertigte seine Bearbeitung: »Das Stück mit seiner Haupthandlung von Blutvergießen, Mord und Tyrannentum, vom elisabethanischen Glauben an Zauber und Hexerei:..., steht vielen Erzählungen über hiesige Stammeskämpfe überraschend nahe. Man denke auch an die Hauptperson: Macbeth war ein Krieger ohne Furcht, von außerordentlichem physischen Mut, der Krieg war sein Handwerk, darauf verstand er sich. Dies und seine späteren Exzesse, seine Tyrannei und seine Entartung, scheinen mir eine verblüffende Parallele zu der wilden Größe einiger Negerhäuptlinge zu bilden.«
Shakespeares Drama vom Feldherrn Macbeth, der mit Hilfe seiner ehrgeizigen Frau den Schottenkönig Duncan ermordet, sich an dessen Stelle setzt, ein Schreckensregiment in Schottland ausübt und schließlich, während Lady Macbeth dem Wahnsinn verfällt, in der Schlacht besiegt und getötet wird, geriet in Stanleys Bearbeitung zu einem Schauspiel über den Buschkrieg zweier Negerstämme, der Mtetwa (Schotten) und der Quabe (Engländer). Die schottischen Edelleute verwandelten sich in schwarze Häuptlinge, die Schwerter der Krieger wurden durch Speere ersetzt, aus Schloß Dunsinan, dem Wohnsitz von Macbeth, wurde ein Zulukral.
Anstelle der Hexen, die dem Helden Macbeth künftige Königswürde voraussagen, erschienen in Stanleys Version tanzende Medizinmänner. Die Botschaft, in der Macbeth seiner Frau von der Prophezeiung der Hexen belichtet, kam nicht als Brief, sondern wurde durch einen Boten mündlich überbracht - im 19. Jahrhundert konnten weder die Negerhäuptlinge schreiben noch deren Frauen lesen.
Auch die Personen der Handlung hat Shakespeare-Bearbeiter Stanley mit Namen aus der Zulusprache bezeichnet: Der Titelheld nannte sich Noluju, aus Lady Macbeth wurde Nowawa; der greise Schottenkönig Duncan hieß Mbekwane und war Häuptling des Mtetwa-Stammes.
Shakespeares Text indes ließ Stanley, von geringfügigen Streichungen und Änderungen abgesehen, so gut wie unberührt. Die Laienschauspieler seiner Inszenierung - unter ihnen Journalisten, Rundfunksprecher, Lehrerinnen und Geschäftsleute - unterhielten sich in Shakespeares klassischem Englisch, wirkten freilich auf diese Weise für ihr Publikum nicht allzuüberzeugend. Zumal eine 21jährige Schullehrerin war in ihrer Rolle als dämonische Lady Macbeth nicht recht glaubhaft. Da bei den Zulus die Frau noch heute eine untergeordnete Stellung einnimmt, erschien es wenig einleuchtend, daß die biedere Nowawa ihren Noluju zu Mordtaten anstiftete.
Glaubhaft hingegen agierten die zweihundert Schuljungen, die Regisseur Stanley als Krieger angeworben hatte. Mit Speeren und Buschwerk versehen, lieferten sie sich im nächtlichen Glamis-Stadion von Salisbury eine wilde Schlacht. »Sie hatten ihre Freude daran, herumzuspringen und sich zu erwärmen«, erklärte in einer Pressenotiz das
Ministerium für Innere Angelegenheiten, »denn es war kalt im Stadion, und der moderne Afrikaner ist an die dürftige Bekleidung seiner Vorfahren nicht mehr gewöhnt«.
Trotz aller dramaturgischen Unzulänglichkeiten war das rhodesische Publikum mit Stanleys illustrer Shakespeare-Show durchaus zufrieden. Der »Rhodesia Herald«, die Morgenzeitung der Weißen, begrüßte die Aufführung als ein denkwürdiges Ereignis und hoffte, Stanley habe mit ihr ein Beispiel gegeben, dem andere nun folgen könnten. Die »African Daily News«, ein Blatt der Farbigen, jubelte über den afrikanischen »Macbeth": »Echtes Zululand.«
Afrikanische »Macbeth«-Szene: Shakespeare für Neger