Makabre Heimat - DER SPIEGEL
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BÜCHER Makabre Heimat

Ruth Rendell: »Der Herr des Moors«. Aus dem Englischen von Ilse Bezzenberger. Ullstein Verlag, Berlin; 204 Seiten; 6,80 Mark. *
• aus DER SPIEGEL 28/1983
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Für den Naturburschen Stephen Whalby ist das Moor eine riesige, wenn auch leicht versteppte, erotisierende Zone: Auf seinen geheimnisvollen Wanderungen zerbricht sich Stephen den Kopf über das Leben der Schmetterlinge und kann seine Naturstudien für eine Kolumne im Lokalblättchen »Three Towns Echo« verwerten. Vor allem aber verschafft die Einsamkeit dem »Herrn des Moors« die willkommene Gelegenheit, sich seiner ungeliebten Frau Lyn zu entziehen, mit der er auch sonst nur spricht, wenn es sich nicht vermeiden läßt.

Eines Tages wird Stephen in seinen Tagträumen von einem bizarren Fund aufgeweckt: Eine junge Blondine liegt erwürgt in seinem Revier. Stephen weiß nun plötzlich, daß er nicht alleine wandert und sieht seine makabre Herrschaft über die schaurige Idylle bedroht. Für den unbekannten Mörder empfindet er zugleich Respekt und Empörung: weniger wegen dessen Tat, sondern weil der

Fremde gewagt hat, ein geheiligtes Refugium zu verletzen.

Die Engländerin Ruth Rendell, 53, gehört neben Patricia Highsmith und Margaret Millar zu den »Klassikern« ("The Times") des psychologischen Kriminalromans. Sie schreibt seit 20 Jahren, ist in Deutschland aber noch weitgehend unbekannt. Dabei sind ihre Krimis (oft mit Detective Chief Inspector Reginald Wexford) Unterhaltung im besten angelsächsischen Wortsinn - und meist auch sensible Sozialporträts. Auch in »Der Herr des Moors« bebildert sie die Selbstzufriedenheit einer Kleinbürgerprovinz, in der fürsorgliche Nachbarn mit Blockwart-Mentalität für die Anpassung an verkrustete Normen sorgen.

Stephen Whalbys Wahnidee, der Herr des Moors zu sein, ist die Reaktion auf vorenthaltene Liebe: Da sie in der beklemmenden Enge ihrer Familie nicht glücklich sein konnte, brannte Stephens Mutter mit einem Liebhaber durch. Auslöser seiner Flucht vor den Menschen aber ist der ewig mürrisch-depressive Vater. Dieser Bilderbuch-Despot, der seinem Sohn eine panische Angst vor der Berührung mit Frauen vererbte, zwang ihn auch ins Korsett eines vorgezeichneten Lebens: »Fügsam« erlernte Stephen »den traditionellen Whalby-Beruf; er konnte Lieferwagen fahren und Sofas aufpolstern - mehr nicht«.

In der Ersatzheimat des Moors lebt der Versager seine Allmachtsgefühle aus - und entdeckt das Versteck des Frauenmörders schließlich in einem unterirdischen Höhlensystem. Als sich dessen Identität schließlich offenbart, ist die Überraschung des Lesers kleiner als die des Helden - der inzwischen selber zum Mörder wurde. Denn der Leser ahnte schon lange, wer im Labyrinth des Moors den Minotaurus spielt.

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