LITERATUR Mamets Hiob
Wenn es einen Gott gibt, so denkt Frank, kann das, was mir zugestoßen ist, kein Zufall sein. Frank denkt zu viel. Und zeugt es nicht von bedenklichem Hochmut, sich selbst zum Angelpunkt eines Gottesbeweises zu machen? Auch das fragt Frank sich selbst. Andererseits kann die Ausrede nicht gelten, Gott habe anderswo alle Hände voll zu tun gehabt, denn Gott ist allmächtig. Frank, der zu skrupulöser Selbsterforschung neigt, hat schon immer wegen seiner Anflüge von Hochmut mit sich gehadert; nun aber, von einem Tag auf den andern, ist er aus den Höhen von Wohlstand, Erfolg und Ansehen hinabgestürzt ins tiefste Elend - aus einem einzigen Grund: weil er Jude ist.
Leo Frank aus Brooklyn, 29, Manager einer Bleistiftfabrik in der alten Südstaaten-Metropole Atlanta, wurde 1913 - nach einem höchst zweifelhaften Prozess, dessen rassistisches Hetzklima die Hearst-Presse und der Ku-Klux-Klan bestimmten - als Mörder einer jungen Fabrikarbeiterin zum Tode verurteilt, jedoch vom Gouverneur von Georgia (der nicht an seine Schuld glaubte und nicht den Pontius Pilatus spielen wollte) begnadigt, worauf Fanatiker Frank mit Gewalt aus dem Gefängnis holten und an einem Baum aufhängten. Das Lynch-Spektakel hatte mehrere tausend Zuschauer; keiner der Rädelsführer kam je vor Gericht.
Der berühmte Kriminalfall hat Bücher, Dramen und Filme inspiriert, zuletzt auch ein Broadway-Musical und einen Roman des Dramatikers und Filmregisseurs David Mamet, 52, »The Old Religion«. Auf Deutsch ist dieser nun in einer haarscharfen Übersetzung, doch unter dem irreführenden Titel »Der Fall Leo Frank« erschienen, der eine dokumentarische Darstellung erwarten lässt. Mamet jedoch setzt das Faktische als bekannt voraus und konzentriert sich mit bohrender Energie ganz auf den inneren Gewissensprozess, den Frank allein gegen sich selbst, seine jüdische Identität und seinen Gott führt. Das ist erzählerisch brillant und für den, der es wissen will, eine dichte, düstere, tief beunruhigende Lektüre.
David Mamet: »Der Fall Leo Frank«. Aus dem Amerikanischen vonBernd Samland. Hoffmann und Campe, Hamburg; 192 Seiten; 29,90 Mark.