Manche Klage - DER SPIEGEL
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MAINZ Manche Klage

• aus DER SPIEGEL 15/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf der Mattscheibe erschien das gütige Antlitz des Fernseh-Professors Karl Johannes Holzamer. »Mit Dankbarkeit und Freude« kündete er seiner TV-Gemeinde vom ersten Geburtstag des Zweiten Deutschen Fernsehens. Die Feiergemeinde war klein: Knapp sechs Prozent des bundesdeutschen Fernsehvolks sahen und hörten dem Mainzer Intendanten zu.

Was sich am vergangenen Mittwoch bei Holzamers Festrede besonders drastisch offenbarte, bedrückt Mainzer TVObere seit nunmehr einem Jahr fast an jedem Abend: Zuschauermangel.

Politiker und Schauspieler posieren vor den Kameras des Zweiten Deutschen Fernsehens (ZDF), Reporter sammeln Bildberichte in aller Welt, Publizisten kommentieren das Tagesgeschehen - aber nur zu einem geringen Bruchteil erreichen die Mainzer TV-Mühen die Empfänger. Das ZDF-Programm gleicht einer aufwendigen illustrierten Tageszeitung, die Tag für Tag in Millionen von Exemplaren gedruckt und versandt, aber von kaum jemandem gelesen wird:

- Nur durchschnittlich 520 000 von den insgesamt neun Millionen Bildschirm-Besitzern verfolgen beispielsweise die Mainzer Aktualitäten-Schau »Heute«; rund zehnmal so viele (5,3 Millionen) sehen die »Tagesschau« des konkurrierenden ARDProgramms.

- Bei den Sportsendungen am Wochenende waren in den ersten Monaten dieses Jahres durchschnittlich 47 Prozent aller TV-Geräte in Westdeutschland auf das Erste Programm eingestellt, auf den Mainzer Kanal dagegen weniger als fünf Prozent - obwohl die Fernseher bei Repräsentativ-Umfragen beide Sendereihen mit nahezu gleich hohen Qualitätsnoten bewerteten.

Auch wenn ARD und ZDF unter absolut gleichen Programm-Bedingungen an den Start gehen, bleiben die Mainzer um Längen zurück: Als Bundespräsident Lübke am Silvesterabend 1963 gleichzeitig über beide Kanäle seine Neujahrsansprache hielt, lauschten ihm im Ersten Programm 60 Prozent, im Zweiten Programm nur fünf Prozent der Fernsehteilnehmer.

Und selbst in seinen Sternstunden, bei so attraktiven Sendungen wie dem Albers-Rühmann-Thriller »Der Mann, der Sherlock Holmes war« oder dem französischen Episoden-Film »Dürfen Frauen so sein?«, konnte das ZDF allenfalls 36 Prozent der deutschen Fernseher als Zuschauer verbuchen.

Eine der Ursachen für diese Mainzer Mattscheiben-Misere deutete ZDF-Intendant Holzamer in seiner Festtagsrede an: »Wir hören manche Klage, auch bei denen, die uns gerne sehen möchten, daß es noch nicht gelingt.«

In der Tat sind ein Jahr nach dem offiziellen Start des Zweiten Deutschen Fernsehens die technischen Sende- und Empfangsbedingungen für das Mainzer Programm noch immer dürftig:

- Weniger als die Hälfte der westdeutschen Fernsehteilnehmer kann es überhaupt empfangen.

- In weiten Gebieten der Bundesrepublik ist die Bildqualität des ZDFProgramms mangelhaft.

Zwar behauptet die Bundespost, die den Aufbau einer Senderkette für die Mainzer Anstalt übernommen hat, es würden derzeit »über 70 Prozent der Bevölkerung in der Bundesrepublik einschließlich Westberlins mit dem Zweiten Programm versorgt«. Aber abgesehen davon, daß allenfalls sechs von zehn Fernsehern schon ein Gerät besitzen, mit dem sich auch das Mainzer Programm einfangen läßt, sind Sendemasten, die deutsche Länder mit ZDFWellen überstrahlen, nur vergleichsweise weitläufig verteilt.

Die ARD-Anstalten, die ihre Senderkette in eigener Regie installieren, haben mittlerweile nahezu 500 Fernsehsender und -hilfssender (Umsetzer). errichtet. Dagegen verfügt das Zweite Fernsehen bislang nur über 89 Sender und Umsetzer.

Die Folgen dieses Sendermangels sind um so spürbarer, als das Mainzer Fernsehen mit einer Art von Übertragungswellen vorliebnehmen mußte, deren Verbreitung besonders leicht gehemmt werden kann. Während die ARD-Sender ihr Programm über UKW-Wellen ausstrahlen, deren Wellenlänge im Meterbereich liegt, können sich die sehr viel kürzeren Dezimeterwellen des Zweiten Programms in weitaus geringerem Maße in Tälern oder Häuserschluchten ausbreiten.

Vor allem in gebirgigen Gegenden haben die Funkmeßtrupps der Post denn auch ganze Landstriche ausmachen müssen, die von den Mainzer Dezimeter: wellen nicht erreicht werden. Die ARDTechniker können heute schon fast 95 Prozent aller Bundesbürger mit Bild- und Tonwellen versorgen; wollte die Mainzer Anstalt mit der Konkurrenz annähernd gleichziehen, müßte die Bundespost nach Ansicht von Fachleuten noch mindestens tausend neue Umsetzer errichten.

Erst 34 solcher Umsetzer sind bislang für das Zweite Programm in Betrieb. Und nur 16 weitere sollen bis Ende 1964 fertiggestellt werden. Zwar suchte Oberpostrat Maximilian Gertler vom Bundespostministerium die hauseigenen Techniker-Teams zu entlasten: »Schließlich hat ja auch nicht jedes Dorf einen Bahnhof und nicht jedes Haus einen Wasseranschluß.« Aber der 66köpfige Mainzer Fernsehrat forderte Mitte März abermals mit Nachdruck: »Der Herr Bundespostminister wird gebeten, die technischen Voraussetzungen zu schaffen, damit die Bildqualität beschleunigt wesentlich verbessert wird.«

Bekümmert hatten Holzamers Mainzel-Mannen feststellen müssen, daß selbst jene TV-Konsumenten, die in postalisch längst »versorgten« Gebieten das Mainzer Bildgeschehen verfolgen, bittere Klage führen. 25 bis 35 Prozent der in Mainz einlaufenden Seher-Post und mehr als die Hälfte der allabendlichen Anrufe im Sender sind Beschwerden über die mangelnde Empfangsqualität.

Selbst ZDF-eigene Dienstempfänger leiden am Sendermangel der Anstalt. Klagte Wolf Dietrich, Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens: »Ich wohne in Wiesbaden und sehe mein eigenes Programm nur verschwommen.«

ZDF-Intendant Holzamer*

Am Geburtstag wenig Gäste

* SPIEGEL-Titel 8/1963.

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