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»Manchen wird geschadet«

Die Schattenseiten der Psychotherapie/von ***
• aus DER SPIEGEL 7/1982
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Am Anfang sah alles eher alltäglich aus, jedenfalls nicht gerade bedrohlich: Anna Heinrichs, damals 31, verheiratet und promovierte Germanistin, kam mit ihrer Habilitationsschrift nicht mehr weiter.

Sie hatte Mühe, sich bei der Arbeit zu konzentrieren. Auch schlief sie schlecht; Freunde diagnostizieren »Arbeitsstörungen« und empfahlen der angehenden Dozentin eine psychoanalytische Behandlung.

Da sich Anna Heinrichs ohnehin für Psychoanalyse interessierte, stimmte sie zu und begann eine Marathon-Therapie, die nahezu neun Jahre dauerte. Oft viermal pro Woche, insgesamt mehr als 800 Stunden, lag sie auf der Couch ihres Analytikers und vertiefte sich angestrengt grübelnd ins Labyrinth ihrer Träume und Kindheitserinnerungen - am Ende vergebens: Im zehnten Jahr der Analyse gab der Seelendoktor auf. Anna Heinrichs aber stand vor einem Trümmerhaufen.

Vom Ehemann und ihren Kindern hatte sie sich in der Zwischenzeit getrennt. Längst waren auch ihre Kontakte zu früheren Freunden und Bekannten abgerissen. Einen Suizidversuch hatte sie überlebt. Doch ihre Gesundheit war angeschlagen, zu oft hatte sie ihre Verzweiflung mit Schnaps und Schlaftabletten bekämpft. Ihr Sohn, mittlerweile halbwüchsig und offenbar verwickelt ins Psycho-Drama der Mutter, war gleichfalls zu Seelenschaden gekommen und drogensüchtig geworden.

Ein besonders krasser Einzelfall, der ein verallgemeinerndes Urteil über Nutzen und Nachteil psychoanalytischer Heilbehandlung schwerlich zuläßt?

Mag sein, doch finden sich, verstreut im fast unüberschaubaren Dickicht psychotherapeutischer Publikationen, in jüngster Zeit immer häufiger kritische Fallstudien, die vermuten lassen, daß erfolglose oder riskante Behandlungsversuche durchaus keine Rarität darstelien - und Anna Heinrichs vielleicht sogar noch glimpflich davongekommen ist.

In eine Katastrophe führte, zum Beispiel, der Entschluß eines Elternpaares, gemeinsam mit den beiden Kindern an familientherapeutischen Sitzungen teilzunehmen. Im Therapiegespräch brachen mit Wucht seit langem schwelende Haßgefühle und Sex-Konflikte zwischen den Eheleuten auf - was den 16jährigen, labilen Sohn derart verstörte, daß er schizophren wurde und jahrelang in psychiatrischen Anstalten verwahrt werden mußte.

Mit dem Tode sogar endete ein Versuch, die angeblich allzu enge Elternbindung einer Zwölfjährigen zu lockern. Auf den Rat eines Therapeuten schickten die Eltern das asthmakranke Kind allein in ein Ferienheim; dort starb es, ein paar Stunden nach der Ankunft, an einem schweren Erstickungsanfall.

In die Depression oder gar zum Selbstmord getrieben werden mitunter selbst psychisch durchaus stabile Mitmenschen, die sich einer Seelen-Analyse nicht aus therapeutischen, sondern aus beruflichen Gründen aussetzen: angehende Tiefenpsychologen also, die zunächst eine sogenannte Ausbildungsanalyse zu absolvieren haben.

Die hatte etwa im Fall des Mediziners Alfred Schneider ruinöse Folgen. Der junge Arzt, hochintelligent und politisch aktiv, empfand die aufgezwungene Seelenzergliederung zunehmend als selbstzerstörerisch. Unsicher geworden, hielt er dann doch auf Drängen seiner Kollegen durch - bis zum bitteren Ende: Er schrieb seinem Lehranalytiker einen Abschiedsbrief und hängte sich auf.

Solche Zwischenfälle, gerade bei den Adepten der Psycho-Technik, sind Kennern seit der Gründerzeit der Psychoanalyse geläufig. Schon im Schülerkreis des Altmeisters Sigmund Freud hatten sich, um die Jahrhundertwende, die Suizid-Fälle gehäuft.

Doch während in der Organmedizin längst die Frage nach möglichen Therapieschäden, Nebenwirkungen und ärztlichen Kunstfehlern offen diskutiert und wissenschaftlich ergründet wurde, hielten sich die Psycho-Heiler berufliche Selbstzweifel erfolgreich vom Leibe: S.180 Schlimmstenfalls, so lassen sie neugierigen Patienten gegenüber durchblicken, bewirke die Seelen-Behandlung überhaupt nichts, fühle sich der Klient dagegen psychisch aufgerichtet - um so besser.

Diese freundliche Einschätzung änderte sich erst in den letzten Jahren, als die Zahl der Therapeuten und ihrer Kunden beträchtlich wuchs; und nachhaltige Zweifel an der Harmlosigkeit des Analytiker-Treibens regen sich, seit die Seelen-Behandler ihre Dienste auch im Rahmen des Krankenkassen-Angebots offerieren.

In den USA, wo die Psycho-Szene nach Ansicht von Insidern inzwischen »fast außer Kontrolle« ist, verlangte der Kongreß Ende 1979 erst einmal sichere Beweise für die Wirksamkeit der psychotherapeutischen Methoden - was die Seelen-Heilkundigen in ziemliche Verlegenheit brachte.

Denn Schwierigkeiten, so zeigte sich, bereitet den Fachleuten schon der Versuch, auch nur eine grobe Übersicht der wichtigsten Therapieformen zusammenzustellen; sie zählten zwischen 100 und 140 verschiedene Schulen, von der klassischen Psychoanalyse Freuds bis zur Fokaltherapie, der Multimodalen Verhaltenstherapie, der Eklektischen Psychotherapie oder der Transaktionsanalyse.

Doch Existenzanalyse und Logotherapie, Psychodrama oder Katathymes Bilderleben - sie alle haben kaum etwas miteinander gemeinsam. Jede Schule hat ihre höchst individuelle Fachsprache mit einem esoterischen Begriffsfundus, ihre eigenen Praktiken, Theorien, Diagnoseverfahren und Behandlungsmethoden.

Eine heftige Diskussion um die Wirksamkeit der Seelenbehandlung hatte 1952 der britische Verhaltenspsychologe Hans Jürgen Eysenck ausgelöst mit der Behauptung, daß sich der Zustand von mehr als zwei Dritteln aller Neurotiker innerhalb von zwei Jahren so oder so bessere - mit oder ohne Behandlung. Psychotherapie wirkt laut Eysenck also überhaupt nicht.

Obwohl Eysencks Untersuchungen erhebliche methodische Mängel nachgesagt wurden, konnten seine Ergebnisse grundsätzlich bestätigt werden. Spontanbesserung, meinten andere Experten, gebe es immerhin bei fast der Hälfte der Patienten. Die Frage, ob die Psychotherapie insgesamt positiv wirke, wurde noch 1977 von einigen Forschern als »nicht beantwortbar« bezeichnet.

Überwiegend günstig beurteilt wird die Seelentherapie erst in Veröffentlichungen der letzten Jahre. Vergleichende Analysen kamen jedoch zu dem Ergebnis, daß bei den neueren Untersuchungen im Vergleich zu früher erfahrenere und kompetentere Therapeuten ausgewählt wurden.

Bei vielen Erfolgskontrollen urteilten die Therapeuten ausschließlich in eigener Sache - ihr Urteil fällt dabei nachgewiesenermaßen stets erheblich positiver aus als das neutraler Beobachter, meist auch günstiger als die Einschätzung der Patienten.

»Manchen Patienten wird geholfen, anderen nicht, beziehungsweise direkt geschadet«, so heißt es zusammenfassend in einem 1980 erschienenen Lehrbuch der Psychotherapie und Verhaltenstherapie, in dem die etablierten Therapieformen miteinander verglichen werden. »Niemand hat bisher eine wissenschaftlich stichfeste Methode zum Messen der Ergebnisse irgendeiner Form von Psychotherapie erarbeitet.« Fazit der Autoren: »Wie Schönheit liegt der Therapieerfolg im Auge des Betrachters.«

Mittlerweile ist die Liste der Vorwürfe, die gegen die Psychotherapie erhoben werden, immer länger geworden. Die Seelenbehandlung, behaupten die Kritiker, könne durchaus, wie die Körpermedizin, auch bleibende Schäden verursachen; das sei nicht zuletzt schlecht ausgebildeten oder rücksichtslosen Therapeuten zuzuschreiben, die ihre Klienten einschüchtern und mit arroganter Besserwisserei bevormunden.

Speziell politisch motivierte Ankläger - etwa der schriftstellernde Pater Ivan Illich ("Die Enteignung der Gesundheit") oder der New Yorker Psychiater Thomas S. Szasz - formulierten den Verdacht, daß die Psycho-Heiler vielfach nur ein Anpassungs-Training betreiben, also das Leiden ihrer Patienten an gesellschaftlichen Mißständen dämpfen und abwiegeln, im Dienst des davon profitierenden Establishments.

Indem die Therapeuten ihre Diagnosen zudem immer weiter fassen, vergrößern sie laut Illich ständig die Zahl der angeblich behandlungsbedürftigen Neurotiker und vergiften zugleich mit ihren Analyse-Klischees das Klima der zwischenmenschlichen Beziehungen - Technikern vergleichbar, die mit Fabriken und Straßenbauten das ökologische Gleichgewicht einer Naturlandschaft stören.

Erwiesen ist, daß Psychotherapeuten mit ihren Behandlungsmethoden einen »Verschlechterungseffekt« auslösen können. Bei rund zehn Prozent aller therapierten Patienten, so die Ermittlungen, verschlechterte sich das Befinden, gleichgültig, ob sie in der Einzelanalyse a la Freud oder im Gruppenverfahren ihr Seelenheil suchten.

Vergleichsanalysen haben gezeigt, daß zumindest ein Teil der Verschlechterungsfälle klar auf das Konto der Therapeuten geht: Bei Neurotikern, die auf eine Behandlung verzichteten, verschlimmerte sich der Seelenzustand nur in drei Prozent der untersuchten Fälle.

Zwar können die Therapeuten diesem Ergebnis eine Besserungsquote von immerhin etwa 40 Prozent entgegenhalten; doch das besagt wenig angesichts der Tatsache, daß sich ungefähr derselbe Prozentsatz unbehandelter Neurotiker nach ein, zwei Jahren gleichfalls wohler fühle ("Spontanheilungen").

Allerdings, mit diesen Untersuchungsresultaten, das räumen auch die Kritiker ein, ist nicht allzuviel gewonnen. Bezogen auf bestimmte Krankheitsbilder, etwa Platzangst oder neurotische Impotenz, differieren die Auswertungsergebnisse beträchtlich - und allemal sind sie getrübt durch die höchst subjektiv gefärbten Aussagen der Therapeuten wie Patienten.

Gleichwohl zogen die Autoren einer 1977 in den USA veröffentlichten Studie ein Fazit, das damals in Fachkreisen wie ein Schock wirkte: Die psychotherapeutische Beurteilung, stellen die Verfasser fest, könne »gesund machen, aber auch S.181 eine Rolle spielen im vielschichtigen Vorgang, jemanden verrückt zu machen«.

Die US-Studie, beruhend auf Umfragen bei namhaften amerikanischen Praktikern, enthüllte erstmals im Detail eine Fülle von gefährlichen Zwischenfällen, die bei der Seelen-Therapie beobachtet wurden:

* Bei Patienten mit psychosomatischen Beschwerden wie Asthma oder Magersucht verschlimmerte sich das Leiden oft dramatisch - es kam zu lebensbedrohlichen Krisen, nicht selten zu Todesfällen.

* Patienten, zuvor noch im seelischen Gleichgewicht, brachen während der Therapie zusammen, als ihnen bis dahin verdrängte Aggressionswünsche plötzlich bewußt wurden - manche regierten mit Wahnideen, andere mit kriminellen Aktionen wie Schlägerei, Mord oder Vergewaltigung.

* Eine dritte Gruppe, zermürbt vom Therapie-Streß, suchte Zuflucht im Suff oder Drogenkonsum. Häufige Folge: sozialer Abstieg, Ehescheidung oder Trennung von der Familie.

* Andere, vom Therapeuten zu scharfer Selbstbeobachtung genötigt, büßten ihre frühere Spontaneität ein - sie mißtrauten zunehmend den eigenen wie fremden Gefühlen und verprellten Freunde und Bekannte durch stetes Psychologisieren, bis sie schließlich vereinsamt zurückblieben.

Bei manchen Patienten reichte schon eine Testuntersuchung oder eine psychoanalytische Einwirkung von nur einer Stunde, um eine schwere Irritation auszulösen, etwa eine Psychose wie Schizophrenie oder Suizidgedanken.

Für viele, vor allem Langzeit-Patienten, wird die Therapie offenbar zum Selbstzweck, mitunter sogar zum wichtigsten Lebensinhalt. Vertieft in die »Wunder ihrer Psyche«, so der US-Psychologe Hans H. Strupp, versinken die behandlungssüchtigen Neurotiker in grenzenlose Passivität; manche, so Strupp, »machen eine endlose Therapieerfahrung, verändern sich aber überhaupt nicht dabei«.

Da mag es, andererseits, begreiflich erscheinen, daß etliche der modernen Seelenhirten ihren Schäfchen forciert auf die Sprünge zu helfen versuchen, etwa mit der Aufforderung, sich im Beruf doch mal energischer durchzusetzen - wobei die Therapeuten die eigene Aufsteiger-Mentalität blindlings auch bei ihren Klienten voraussetzen.

Das aber kann ins Auge gehen; denn die oft angstbesetzten Patienten sind leicht überfordert, wenn sie sich, ermuntert von ihrem Analytiker, allzu ehrgeizige Ziele setzen. Scheitern sie, so erleben sie das Versagen als vernichtende Niederlage, die sie in eine unheilbare Psychose treiben kann.

Weshalb und in welchen Fällen es zu solchen Katastrophen kommt, ist kein Geheimnis: Ausschlaggebend ist vor allem die Persönlichkeit des Therapeuten, erst in zweiter Linie die Verfassung des Patienten.

Risikoreich, in jedem Fall, ist die Behandlung schwer gestörter Neurotiker. Patienten, die am Rande der Schizophrenie oder der klinischen Depression leben, sogenannte »Borderline«-Fälle, werden entgegen der üblichen Meinung am ehesten zu Therapie-Opfern und sollten am besten gar nicht erst analytisch behandelt werden.

Doch die »Borderline«-Qualität - die übrigens neuerdings immer häufiger diagnostiziert wird - stellt sich nicht selten erst im Verlauf der Therapie heraus, zu spät also. Kritiker argwöhnen deshalb, daß die Therapeuten mit dem verwaschenen Begriff wohl eher eigene Blößen bedecken wollen, krankmachendes Fehlverhalten, dessen Ursprünge nicht nur in der Methode, sondern auch in der Person des Analytikers zu suchen wären.

»Verschlechterungseffekte« drohen zudem von Therapeuten, die ihre Patienten zu »intensiv« kurieren, sie mit Ratschlägen, Aufgaben und Handlungsanweisungen gewissermaßen niederwalzen. Auch destruktive, abwertende Deutungen des Patienten-Verhaltens können - besonders S.182 bei ich-schwachen Klienten - das ohnehin wankende Selbstbewußtsein der Neurotiker vollends demolieren.

Als Prototyp gilt in Fachkreisen der »verfolgende Therapeut«, der seine Patienten rücksichtslos ausfragt, ihre Gefühle mißachtet und sich selber dabei als »opak«, als undurchschaubar darstellt - als Mann ohne Eigenschaften.

Diese Haltung verursacht bei den Patienten oft schlimme Schuldgefühle und bringt sie in eine »Verfolgungsspirale«, die mit dem Selbstmord des Opfers enden kann. Der Patient wird dann gelegentlich als »inanalysabel« abgebucht.

Derlei wird in Analytiker-Kreisen kaum jemals als Kunstfehler gewertet; klappt es nicht richtig in der Beziehung zwischen dem Patienten und seinem Therapeuten, so hat man es, laut Fachliteratur, mit einer heiklen »Gegenübertragungsproblematik« zu tun. Die Folgen dieser bedauerlichen Erscheinung hat der Patient zu tragen - in Form einer »Interaktionsneurose«, die zusätzlich behandelt werden muß.

Eindeutig als Kunstfehler gelten im Metier allenfalls sexuelle Beziehungen zwischen Therapeuten und Klienten - sie sind trotzdem häufig und führen manchmal zu gefährlichen Komplikationen; so brachte sich eine Patientin um, als der Analytiker das Verhältnis lösen wollte.

Auch in den Therapiegruppen müssen - bei großen Unterschieden in den diversen Therapiearten - durchschnittlich sechs Prozent der Teilnehmer befürchten, daß sich ihr Zustand verschlechtert; und dafür sind in erster Linie wiederum ungeeignete Therapeuten verantwortlich.

Als »pathogen« - krankmachend - werden etwa Gruppenleiter beschrieben, die den Typ eines »aggressiven Stimulators« verkörpern. Das sind Dynamiker, die ihre hilfsbedürftige Kundschaft autoritär in explosive, gefühlsbeladene Konfrontationen treiben, auf rasche Ergebnisse drängen und es zulassen, daß schwache Gruppenteilnehmer sozusagen an die Wand gedrückt werden.

Auch die Gruppentherapeuten neigen dazu, unliebsame Problem-Patienten mit dem »Borderline«-Etikett zu markieren; und gelegentlich sprechen sie ein Verdikt gleich über eine ganze Gruppe: Die Kursteilnehmer, rügte einer seine Klientel, seien »widerspenstig, die meisten zu infantil, um Verantwortung für sich selber zu tragen und ein erwachsenes Arbeitsbündnis einzugehen«.

So kaltschnäuzige Therapieleiter lassen in den Augen anderer Fachleute eben jene Eigenschaften vermissen, die nach ihren Erfahrungen für Heilerfolge unbedingt erforderlich sind - Geduld, menschliche Wärme und die Fähigkeit, ein Klima des Vertrauens und wechselseitiger Sympathie herzustellen und den Respekt vor den Ansichten des Patienten zu bewahren.

Ein bißchen anders sehen das speziell die Seelenzergliederer der klassischen S.183 psychoanalytischen Schule; und sie berufen sich dabei auf ein Diktum ihres Vordenkers Sigmund Freud. Der hatte einst »den Kollegen nicht dringend genug empfehlen können, sich während der Psychoanalyse den Chirurgen zum Vorbild zu nehmen, der alle seine Affekte und selbst sein menschliches Mitleid beiseite drängt«.

Was nun tatsächlich nützt und was schädlich ist, darüber wird einigermaßen offen noch am ehesten in den USA gestritten, und zwar mit dem vorläufigen Ergebnis, daß traditionelle Behandlungsmethoden - dank besserer Kontrolle und Therapeuten-Ausbildung - mutmaßlich weniger Unheil anrichten als der jeweils letzte Schrei aus den bunten Kulissen selbsternannter Psycho-Gurus.

Aus deren zum Teil exotischen Tretmühlen wandert inzwischen ein steter Strom schwer ramponierter Neurotiker weiter in die geschlossenen Abteilungen der psychiatrischen Heilanstalten, wo sie dann etwa die Kutte des Bhagwan-Jüngers mit der Zwangsjacke vertauschen.

Eine gedämpfte Diskussion über Therapie-Schäden gibt es aber neuerdings auch in der bundesdeutschen Fachliteratur, allerdings nur in einem stark vernebelnden Spezialisten-Jargon und meist im Zusammenhang mit den ominösen »Borderline«-Fällen. So fragte zum Beispiel die Psychoanalytikerin Christa Rohde-Dachser 1979 in einem Buch über das »Borderline-Syndrom«, ob viele sogenannte »maligne Regressionen nicht iatrogen induziert sind« - was, ins Deutsche übersetzt, den Verdacht ausdrückt, daß es die Seelenbehandler selber sind, die in vielen Fällen ihre Patienten erst verrückt machen.

Immerhin beschäftigte sich, im Oktober 1979 auf einem Kongreß in London, die Europäische Psychoanalytische Föderation erstmals ausführlich mit dem Thema der »negativen therapeutischen Reaktion": Der Begriff, 1923 von Freud geprägt, bezeichnet Verschlechterungen im Befinden von Patienten, die sich aus bestimmten neurotischen Gründen gegen einen Therapie-Erfolg sträuben.

Entgegen den Erwartungen mancher Kongreß-Besucher war jedoch die Mehrheit der Experten in London keineswegs darauf aus, den Freudschen Negativ-Begriff möglichst scharf einzugrenzen, im Gegenteil: Er wurde, wie sich zeigte, so hemmungslos aufgeweicht, daß er letztlich auf alle Fälle von Therapie-Versagern paßt.

Damit haftet für Unfälle auf der Analyse-Couch in aller Regel der Patient, nicht der Therapeut - der Londoner Kongreß, so urteilte später ein Kritiker, habe im Grunde nur »der Abwehr einer längst überfälligen Kunstfehler-Diskussion« gedient.

Und das sei kein Wunder bei einem Berufsstand, der - organisiert nach dem Vorbild mittelalterlicher Zünfte - die Fähigkeit zu Kritik und Selbstkritik eher unterdrücke als fördere.

Besonders in Deutschland ist der harte Kern der Seelenbehandler, die Gruppe der orthodoxen Freudianer, fest im Griff einer straff geführten Berufsgenossenschaft: Die Funktionäre der Deutschen Psychoanalytischen Vereinigung, zusammen mit den Kollegen von der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft, regeln Zulassung und Ausbildung zur Analytiker-Profession; gemeinsam mit den Kassenärztlichen Vereinigungen erteilen sie die Erlaubnis zur Berufsausübung unter dem geschützten Titel »Psychotherapie«, seit etwa zwei Jahren auch unter dem neuen Titel »Psychoanalyse«.

Dabei lassen sie die Adepten durch Aus- und Fortbildungs-Phasen zum Kandidaten, zum außerordentlichen und ordentlichen Mitglied, dann zum Beauftragten für Lehranalysen und schließlich, letzte Weihe, zum Lehranalytiker aufsteigen - und gegebenenfalls auch wieder absteigen. Und sie wachen obendrein auch noch über die Reinheit der Lehre Freuds.

Nichts deutet darauf hin, daß die Zunftgenossen - selber jahrelang bis auf den Seelengrund »durchanalysiert« - mehrheitlich Freuds oberstes Therapie-Ziel erreichen: eine befreite »Liebes- und Arbeitsfähigkeit«, die sie mutiger, S.184 origineller, kreativer und produktiver sein ließe als Durchschnittsmenschen.

In Wahrheit, berichten Insider, laste ein starker Anpassungsdruck auf der geschlossenen und hierarchischen Analytiker-Gesellschaft, in der jedes Aufmucken die Karriere gefährdet. Ihre Mitglieder haben bei der Bewältigung der üblichen Lebensprobleme offenbar ebensoviel Mühe wie Herr und Frau Jedermann, vielleicht sogar oft mehr: Es sei beispielsweise erwiesen, so der Psychotherapeut Horst Eberhard Richter, daß »Psychoanalytiker, wie auch Lehrer und Pfarrer, besonders häufig sogenannte Problemkinder hervorbringen«.

Und das, wissen Kenner, ist womöglich noch eine freundliche Verharmlosung; nicht wenige Lehranalytiker haben sogar psychotische Kinder - was ihnen gleichwohl keine Zweifel an ihrer beruflichen Kompetenz einträgt.

Doch Ketzer wie der Gießener Richter sind Ausnahmen, die obendrein meist lieber anonym bleiben möchten. Geschult in der Behandlung seelischer Konflikte, sind Analytiker ansonsten eher konfliktscheu; sie meiden nicht nur berufsinterne, sondern auch politische und gesellschaftliche Auseinandersetzungen.

Weder in der Nazi-Zeit noch später verbündete sich die Zunft der Seelenforscher mit Widerständlern oder Reformern, schon gar nicht mit Revolutionären. Den Anführern etwa der Studenten-Rebellion, Ende der sechziger Jahre, attestierten die Psycho-Diagnostiker fast einstimmig gestörte Vater-Sohn-Beziehungen oder andere ungelöste Seelen-Knoten aus der frühen Kindheit - die politischen Forderungen blieben dabei außen vor.

Auch zu aktuellen Zeiterscheinungen - wie Terrorismus, Tunix-Bewegung, Arbeitslosigkeit oder Schülerselbstmorden - fällt den Analytikern wenig ein. Unverdrossen laborieren sie an den Folgen gesellschaftlicher Mißstände, für deren Ursachen sie sich nicht zuständig fühlen.

Und wenn sie schon mal Farbe bekennen, dann klingt es so staatstragend und von oben herab wie das Statement des Hamburger Analytikers Dr. Ulrich Ehebald zum Thema »Atomkraft, nein danke«.

Ehebald, Direktor des »Michael-Baleint-Instituts für Psychoanalyse und Psychotherapie«, charakterisierte die Bedenken der Kernkraftgegner als »paranoische Verkennungen der überaus schwierigen politischen Situation« - so in einem Schreiben, in dem er seinen Standeskollegen die Legitimation abspricht, sich gegen Atomkraftwerke zu engagieren.

So aber hatte sich Gründervater Freud die Zukunft der Psychoanalyse nicht vorgestellt. Er hatte, nicht nur im Kampf gegen die verlogene Sexualmoral seiner Zeit, ausdrücklich die »Entschlossenheit« bekundet, auch »gesellschaftliche Faktoren zu ändern, damit Männer und Frauen nicht länger in hoffnungslose Situationen gedrängt werden«.

Daß dieser Ansatz verkümmerte, ist vermutlich auch jenem Zulassungsfilter zuzuschreiben, der inzwischen nur noch fertig ausgebildete Mediziner und Psychologen in den Analytiker-Beruf gelangen läßt; Juristen und Soziologen, Politologen und Pädagogen ist der Zutritt verwehrt.

Wohl erst unter der Regie überwiegend medizinisch vorbelasteter Analytiker konnte die Psychoanalyse zu einer Behandlungs-Technik werden, die weniger auf Emanzipation als vielmehr auf Anpassung aus ist - so jedenfalls sah es der 1980 verstorbene Psychoanalytiker und Kulturkritiker Erich Fromm.

Freud selber hatte sich beizeiten gegen ein Monopol der Ärzte in der Psychotherapie ausgesprochen: »Wir halten es nämlich gar nicht für wünschenswert«, schrieb er, »daß die Psychoanalyse von der Medizin verschluckt werde und dann ihre endgültige Ablagerung im Lehrbuch der Psychiatrie finde, im Kapitel Therapie.«

Der notorische Pessimist Freud war nicht einmal davon überzeugt, daß der von ihm entwickelten Behandlung als Heilmethode ein besonders hoher Rang zustehe. »Nicht als Therapie«, meinte er, sei die Psychoanalyse bemerkenswert, »sondern wegen ihres Wahrheitsgehaltes - als Therapie ist sie eine unter vielen.«

Eine unter vielen - das ist sie mittlerweile vor allem in den USA, wo Psycho-Techniker aller Schattierungen ein Massenpublikum nicht nur im Sprechzimmer, sondern via Fernsehen, mit Videokassetten, Tonbandprogrammen und einer Flut von gedruckten Trainingsanleitungen bearbeiten.

Und in manchen Regionen üben die Seelen-Therapeuten bereits eine gefährlich dichte soziale Kontrolle aus. Kein Schüler, der ausflippt, keine Hausfrau, die durchdreht, kommt an der Seelen-Massage vorbei, und oft bestellt der Analytiker gleich die ganze Familie.

Doch in Amerika wächst auch die Skepsis gegen die Seelen-Behandler. So ist eine Gruppe besorgter Therapeuten dabei, das Konsumentenbewußtsein zu schärfen; sie hat, zum Beispiel, einen Richtlinien-Katalog für den Erstbesuch beim Analytiker herausgegeben.

Darin werden behandlungswillige Neurotiker ermuntert, den Therapeuten zu Beginn erst einmal kritisch zu mustern: Freundlich und höflich soll er sein, nicht zu eitel und anspruchsvoll, außerdem bereit zur Auskunft über die Behandlungsziele und Heilungsaussichten.

Überdies sei darauf zu achten, daß der Therapeut den Patienten - wie vor einer Operation - über mögliche Risiken oder Nebenwirkungen der geplanten Behandlung aufklärt. Immerhin liege die Gefahr von Therapieschäden durch eine Psychoanalyse höher als bei einer Vollnarkose.

Der Appell an Amerikas Neurotiker, den Praktikern hinter der Couch mehr Mißtrauen entgegenzubringen, hat schon Wirkung erzielt. Immer mehr US-Richter müssen sich in eine für sie bislang ungewohnte Materie vertiefen - Kunstfehler-Klagen gegen Psychotherapeuten.

S.180SPIEGEL-Titel 51/1959.*

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