STÄDTEBAU Manhattan im Reich der Mitte
Wenn Fremde diese Stadt im chinesischen Perlfluss-Delta betreten, halten sie wahrscheinlich nach einem Jungbrunnen Ausschau. Denn in Shenzhen laufen auffällig viele Teens und Twens herum: Das Durchschnittsalter der knapp vier Millionen Einwohner liegt bei gerade einmal 25 Jahren.
Auch sonst scheint der Industriemetropole - eine so genannte Sonderwirtschaftszone - jegliche Vergangenheit zu fehlen. Dass sie vor 20 Jahren ein Hafenstädtchen war, ist ihr jedenfalls nicht anzusehen. Stattdessen wuchert die Skyline; ständig werden neue Wolkenkratzer wahllos vor das Bergpanorama geklotzt.
Die Bagger-Mania hat längst auch den Rest des riesigen Landes erfasst. Keine andere Nation stampft so atemberaubend fix Schnellstraßen, Mammutbauten, Stadtteile und ganze Satellitenstädte aus dem Boden wie derzeit China, und nirgendwo sonst toben sich internationale Investoren und Architekten so hemmungslos aus.
Auch wenn der Trend zur Urbanisierung ein weltweiter ist: Die Städte-Schau »Peking, Shanghai, Shenzhen« im Bauhaus Dessau zeigt, dass China dabei eine Schlüsselposition einnimmt - eine, die der Westen gern ignoriert, weil sie alle hiesigen Vorstellungen von Wachstum sprengt*.
Noch lebt zwar die Zwei-Drittel-Mehrheit der 1,2 Milliarden Chinesen auf dem Land. Aber bereits in zehn Jahren soll sich die Zahl der Städter von 400 auf dann 800 Millionen Menschen verdoppelt haben.
Die These der Dessauer Schau: Die neuen chinesischen Super-Citys, ob sie einem gefallen oder nicht, weisen den Weg ins 21. Jahrhundert. Sollte diese Ahnung zutreffen, sieht die Welt bald aus wie ein Kitsch-Mix aus Las Vegas und Manhattan.
Shenzhen immerhin wollte sein Bau-Chaos durchaus in sinnvolle und innovativ organische Formen bringen. Der Japaner Kisho Kurokawa entwarf dazu 1997 ein nachträgliches, von Parks durchzogenes Zentrum. Doch dann ließ die Stadt das Projekt umarbeiten. Nun darf ein deutsches Büro mitten in Kurokawas Stadt-Natur-Symbiose eine Shopping-Mall setzen: Konsumtempel statt Grünfläche, ein ebenfalls aus der westlichen Welt bekanntes Leitmotiv.
Auf einen Riesenteller, der über diesem »Central District« schweben sollte und eindeutig an ein Ufo erinnert hätte, muss allerdings verzichtet werden; er würde, das hatte man zuerst nicht bedacht, bei einem Taifun in die Tiefe plumpsen.
Trotzdem: Genehm ist den kommunistischen Generalplanern, was spacig wirkt. Der Eingangsbereich des künftigen »Palasts der Jugend« in Shenzhen erscheint wie eine futuristische Version des Kolosseums. Für Pekings neues Nationaltheater will der französische Architekt Paul Andreu eine plumpe, aber titanverkleidete Megablase formen, die in einem künstlichen See schwimmt.
Doch da China in seiner zweiten Kulturrevolution steckt - der späten, aber rasanten Metamorphose von der Plan- zur Marktwirtschaft -, müssen vor allem tausende Bürofestungen her. Und zwar möglichst repräsentative, um Städte wie den Wall-Street-Standort New York zu übertrumpfen.
Schanghai schrieb zwar für das Zentrum seiner neuen Wirtschaftszone Pudong 1990 einen internationalen Wettbewerb aus - baute dann aber nach eigenen Plänen drauflos: Favorisiert werden Glitzervarianten vom Empire State Building oder dem Trump Tower, um bald amerikanischer als die USA zu wirken.
So gesehen erfindet China seinen eigenen Exotismus, der an die ebenso künstlichen Chinoiserien denken lässt, mit denen europäische Fürsten der vergangenen Jahrhunderte ihre Schlösser dekorierten.
Noch befindet sich Pudong im Bau; auf der Expo in Hannover präsentiert Schanghai bereits die fertige Business-City via Computeranimation, in Dessau sind dagegen einige der beachtlichen, aber gekappten Wettbewerbsbeiträge zu sehen.
Doch verpasste Chancen und Bausünden, daran erinnert die Ausstellung auch, sind keine speziell asiatische Angelegenheit. Deutschland zog noch vor wenigen Jahrzehnten die Abrissbirne der Stadtsanierung vor. Auch wenn die Bundesrepublik dann ein Faible für Altbauten entwickelte - Neubau-Großprojekte wie das Hochhaus-Gewimmel am Potsdamer Platz in Berlin wirken zwar mickriger, aber kaum weniger steril als Chinas Instant-Citys.
Die Phantasie, die Volksrepublik müsse aus lauter hübschen Pagoden bestehen, ist so alt wie die halbfiktiven Reiseberichte eines Marco Polo. Nur: Soll sich Asien dem Westen zuliebe mit lauter Chinatowns zupflastern?
In Shenzhen, der geschichtslosen Stadt, wird Landeskunde tatsächlich als Entertainmentveranstaltung betrieben: In einem Freizeitpark kann die Verbotene Stadt ebenso wie die Chinesische Mauer en miniature besichtigt werden.
Weil sich die Export-Stadt aber weltoffen gibt, wurden auch ferne Architekturwunder im Kleinformat reproduziert, etwa der Kölner Dom, der Eiffelturm, natürlich Manhattan - und Brasília, die Hauptstadt Brasiliens, die vor 40 Jahren gebaut und sofort von der ganzen Welt als Beton gewordener Inbegriff aller modernistischen Architektur- und Stadtideale gefeiert wurde.
Brasília, kritisierte der Philosoph Vilém Flusser aber schon 1970, habe vergeblich die Hoffnung gehegt, mit einer modernen Stadt einen neuen, rationalen Menschen zu erschaffen.
Die Lieblingsarchitektur der Chinesen mag eher an die Monumentalversion von Disneyland als an Brasília erinnern - die Utopie dahinter ist dieselbe. ULRIKE KNÖFEL
* Bis 23. Juli. Begleitbuch im Campus Verlag, Frankfurt amMain; 608 Seiten; 68 (im Handel 98) Mark.