FILM Mann auf Eis
Gut tausend Jahre soll es her sein, seit das freundliche Völkchen der heutigen Eskimos sich über seine Stammheimat Alaska hinaus in die weite Welt verbreitete. Doch man wandte sich damals, weiß der Himmel, warum, nicht der Sonne und wirtlicheren Zonen entgegen, sondern zog mit Hundeschlitten und Kajak am eisigen Rand des Polarmeeres westwärts nach Sibirien und ostwärts über Kanada bis nach Grönland.
Die eigentliche Kulturleistung der Eskimos, die seit Ende der siebziger Jahre als Volk »Inuit« (Menschen, Singular: »Inuk") genannt werden möchten, ist ihre Anpassung an unwirtlichste Verhältnisse - und eben durch diese Verhältnisse ist ihnen der Zugriff von Kolonisatoren erspart geblieben (es gab da ja keine Schätze, die man ihnen hätte wegnehmen können), aber auch die Zuwendung von Missionaren, die ihnen die Ausbeutung als gottgewollt schmackhaft gemacht hätten. So durften die meisten Inuit bis ins 20. Jahrhundert hinein Heiden bleiben, denen die spirituelle Obhut der Schamanen Weltgewissheit gab.
Mittlerweile hat, von Gott abgesehen, mit dem Sonntag, dem Alkohol, dem Schneemobil und der Elektrizität auch das Fernsehen Einzug in ihre Hütten oder Iglus gehalten. Nur ein Kino scheint es in den kleinen Siedlungen und unendlichen Weiten der Inuit-Welt nirgends zu geben, und deshalb ist das Auftauchen eines großen Inuit-Spielfilms - von ihnen in ihrer Sprache geschrieben, produziert, inszeniert und gespielt - ein Paradox, ein wundersames Kuriosum, ein Ereignis.
Natürlich kommt dieser Film »Atanarjuat«, inszeniert von Zacharias Kunuk, nicht aus einem Niemandsland. Vorausgegangen war einerseits Anfang der achtziger Jahre in Kanada die Einrichtung eines subventionierten Inuit-TV-Kanals, wo der Bildschnitzer Kunuk das Filmhandwerk kennen lernte, und andererseits, durch Kunuk und ein paar Verbündete, 1988 die Gründung einer eigenen Produktionsfirma in der Siedlung Igloolik, fast 3000 Kilometer nördlich von Toronto, die für diesen Sender Dokumentationen und Spielserien zu produzieren begann.
Der Sprung zum fast dreistündigen Kino-Epos »Atanarjuat« bleibt enorm, und die Wirkung, die von ihm ausgeht, kommt aus der Gewalt seiner Fremdartigkeit: Der Film erklärt nicht, er hollywoodisiert nicht, er breitet streng und pathetisch vor der immergleichen baumlosen, strauchlosen Einöde zwischen Eis und Tundra eine schwerblütige Heldensaga aus, die sich um das Jahr 1000 ereignet haben soll, eine Mordund-Rache-Fehde zwischen zwei benachbarten Sippen, in Gang gesetzt durch ein ehebrecherisches und intrigantes Weib. Auch der Trojanische Krieg ist aus keinem gewichtigeren Grund ausgebrochen.
Manche bis ins 20. Jahrhundert verbürgte Praktiken - rituellen Frauentausch oder Kannibalismus in Hungersnot - lässt der Film beiseite. Doch Alltagswelt, Brauchtum, Kampfformen und sogar eine archaische Inuit-Sprache wurden, wie es heißt, mit ethnografischem Ehrgeiz rekonstruiert, hart und herb genug, um nie ins Folkloristische abzurutschen; das brutale Finale des alten Stoffs allerdings hat man ins Humanistische gemildert: Verbannung statt Todesurteil. Dem Neugierigen, der sich auf diese Kino-Zeitreise einlässt, bleibt gewiss vieles rätselhaft, doch zu sehen gibt es genug. URS JENNY