MUSICAL Mann mit Meerwert
Zum Schluß ging er in die Knie - nicht aus Reue über seine Tat; vielmehr nahm er so, in seiner sprichwörtlichen Bescheidenheit, Bravo und Beifall des Publikums entgegen.
Freddy Quinn, der Mann mit dem Meerwert und, seit kurzem, Träger des Bundesverdienstkreuzes, ist eben aus anderem Holz geschnitzt als andere Künstler; er ist überhaupt aus Holz geschnitzt, aus dürrem, und mit dem Material spielt er nun Hans Albers nach.
»Auf der Reeperbahn nachts um halb eins«, singt er, diskret ein Mikrophon im Knopfloch und damit hörbar. Seine Sprechtexte meistert er wie ein Weihnachtsmann, die originale Hans-Albers-Lederjacke ist ihm auch eine Nummer zu groß. Aber den Hamburgern hat es gefallen.
Denn es war wie im Kino - nur nicht so schön. Im Operettenhaus an der Hamburger Reeperbahn ging nämlich, letzten Donnerstag, ein »Hamburger Musical« über die Bühne, das einem berühmten Film nachgestaltet ist: »Große Freiheit Nr. 7«, Helmut Käutners melancholische Kiez-Ballade aus dem Jahre 1943.
Karl Vibach, in breiten Kreisen als »Musical-Spezialist« bekannt, hatte schon seit Jahren den Gedanken gewälzt, das Kinostück auf seine Weise zu verbrettern. Wie der Himmel so spielt, stand plötzlich das für über 20 Millionen Mark renovierte Operettenhaus leer und Freddy parat.
Die greuliche Plüschbude war bis vor kurzem Ausweichquartier des Hamburger Schauspielhauses, dessen Gehäuse ebenfalls, für 60 Millionen Mark, restauriert und umgebaut wurde. Vibach gründete eine GmbH, schnorrte bei Mäzenen und brachte sein Geisteskind (Buch und Regie) zur Welt.
Mitunter, freilich, dient ein leerstehendes Theater den schönen Künsten besser. Stilistisch huldigt Vibach nämlich einer Art Postmoderne, mit starken Rückgriffen auf Operettenkunst und Krippenspiel der Jahrhundertwende, also durch und durch volkstümlich. Und wer ist tümlicher als Freddy, die Stimme der schweigenden Mehrheit?
Schier 30 Jahre schon hält der Waterkantianer aus Wien den Publikumsstürmen stand, hoch auf dem Seil, tief in der See, heimwehleidig, fernwehklagend, ohne Netz und ohne Boden. Nur Heino kann ihm das Wasser reichen; der gräbt es ihm zum Teil auch ab.
Es sind typisch deutsche Tugenden, wie Bescheidenheit, Sauberkeit, Einsamkeit, die den Jungen von St. Pauli immer wieder ankommen lassen, dazu natürlich sein Seetang-Bariton. Keine Skandale, keine Weibergeschichten, auch strikte Abstinenz in Sachen Alkohol und Nikotin - ein Mann zum Verschenken.
Unerbittlich, ein Fort Knox seiner selbst, verschließt er sein Privatleben vor der gierigen Öffentlichkeit, was schon mal den sadistischen Gedanken aufflackern läßt, er habe nichts zu verbergen. Schleier webt er auch, ähnlich einer welkenden Diva, um sein Alter; dabei ist er erst 53.
An den Hans-Albers-Part, den ollen Fahrensmann und Stimmungssänger Johnny, war Freddy mit großen Rosinen herangegangen. Es sei dies seine »erste Charakterrolle«, im Hinblick nämlich auf die tragische Verstrickung des Helden: Der kriegt, wie bekannt, ein junges Ding nicht und verzichtet weise.
Das junge Ding aus dem Käutner-Film, Ilse Werner, saß mit im Parkett, Hans Albers wird sich im Grabe gewunden haben. Was Udo Lindenberg und Rudi Carrell in die Veranstaltung trieb, muß durch höhere Gewalt verursacht worden sein; am rechten Platz waren jedenfalls die vielen weißhaarigen, alten Damen.
Denn angesichts der Vibachschen Darbietung konnte wirklich nur ein altes Herz wieder jung werden - so weit weg begab sich alles. Dabei hatte Vibach den Stoff einer gewissen Aktualisierung unterzogen: Seine Version spielt in der Nachkriegszeit, aus Trümmern wächst Adenauerland, Hamburg erwacht.
Das schuf die Möglichkeit, allerlei bekannte Musikstücke, vor allem aus dem angloamerikanischen Raum, in die Quodlibet-Partitur einzutrüffeln; die Mädels vom Ballett, im Amüsierschuppen »Hippodrom«, konnten dazu die Beine schmeißen, sogar steppen. Sindings »Frühlingsrauschen« dagegen, das beliebte Salonstück, läutete Freddys Tragik ein.
Und der Mann macht, ohne es je zu zeigen, was mit - das enthüllt schon der Titelsong von der »Großen Freiheit": »Glaubst du, / es macht Vergnügen, / tingeln gehn von Tisch zu Tisch?«, fragt Freddy da und beklagt sich als »nicht mehr jung und ganz allein«. Die Melodie dazu komponierte er selbst; einen Teil der Tantieme sollte er ordentlicherweise an Verdi abführen, für Anklänge an den Gefangenenchor aus »Nabucco«.
Immerhin gab es einen tierisch starken Augenblick in dem menschlich schwachen Abend - als nämlich ein Kamel hereingeleitet wurde und das Trampeltier vor all dem Elend die Augen verschloß und herzzerreißend ächzte. _(Links: Freddy Quinn und Angelika ) _(Saremba; rechts: Hans Albers und Ilse ) _(Werner. )
Links: Freddy Quinn und Angelika Saremba; rechts: Hans Albers undIlse Werner.