Film Mannomann
Im weiten All der Fernsehserien ist der irische Schauspieler Colm Meaney seit langem im »Raumschiff Enterprise« unterwegs, erst mit der »Next Generation« und nun im »Deep Space Nine«. Auf Erden hingegen, in seiner Heimatstadt Dublin, hat Meaney als Kinofigur seinen festen Platz in der Arbeitersiedlung Barrytown alias Kilbarrack.
Da steht er als vierschrötiger, rotschöpfiger und rotgesichtiger Prolo-Patriarch seinen Mann, immer mit einem Glas Guinness im Kampf gegen die Langzeitarbeitslosigkeit und die Überforderung durch eine irisch-katholischvielköpfige Familie: ein Rüpel mit Herz, der gern herumalbert und unter Streß in Selbstmitleid überfließt.
In Alan Parkers Film »The Commitments« mußte er miterleben, wie sein ältester Sohn die gute Stube zum Probenraum für eine Möchtegern-Rockband umfunktionierte, in »The Snapper« von Stephen Frears brachte die größte Tochter durch ein uneheliches Kind Schande ins Haus. Und nun, im Schlepptau seines alten Kumpels Bimbo, den das Geschiebe der Geschichte endlich ebenfalls in die Arbeitslosigkeit gestoßen hat, steigt Larry mit einer mobilen Imbißbude noch einmal zum Erwerbstätigen auf.
Man schreibt das Jahr 1990, als sich die beiden zu diesem Abenteuer zusammentun, wobei Bimbo allein (der Laurel zu Larrys Hardy) von seiner Abfindung den zum »Frittenmobil« umgerüsteten Kleinbus finanziert, und alle Vorzeichen stehen auf Erfolg. Die Fußball-Weltmeisterschaft setzt ganz Barrytown, wenn nicht ganz Dublin, ganz Irland und ganz Europa in TV-Taumel: Fisch & Chips werden zum Renner, weil auch die Frauen nicht mehr am Herd stehen wollen, und Irlands Weg vom heroischen Unentschieden gegen England bis zum siegreichen Elfmeterschießen gegen Rumänien läßt Schweiß- und Bierströme fließen.
Es gibt wohl weit herum sonst keinen Roman und keinen Film, der so nah, so genau und so witzig diese kollektive selbstbesoffene Sportbegeisterung als ein Stückchen exemplarischer Sozialgeschichte beschreibt: die Nationalmannschaft als Garant der eigenen Größe und Identität.
Den Roman hat Roddy Doyle geschrieben, der im proletarischen Kilbarrack alias Barrytown aufgewachsen ist und dann auch dort als Lehrer Auge und Ohr für die Tonfälle seiner Maulhelden geschärft hat. Die Veröffentlichung seines ersten Romans »The Commitments« mußte er 1987 noch selber mitfinanzieren; sechs Jahre später war er Irlands erfolgreichster Bestsellerautor und mit dem begehrtesten britischen Literaturpreis gekrönt.
Während er weiterhin seinen Lehrberuf ausübte, hat Doyle auch gelernt, sich ums Kino zu kümmern: Bei der Verfilmung von »The Commitments«, dem ersten Teil der Barrytown-Familientrilogie, fühlte er sich noch aus Ahnungslosigkeit überrumpelt; beim Schluß-Stück nun, bei »Fisch & Chips« (Originaltitel: »The Van«, deutsche Buchausgabe: »Das Frittenmobil"), war er nicht nur Drehbuchautor, sondern auch Koproduzent und hatte insofern alles im Griff.
Regie führt wieder Stephen Frears, der »The Snapper« mit so leichtem, frechem Schmiß hingekriegt hatte, und vielleicht haben die beiden sich nun schon zu flink auf Raffung und Pointierung des Romanstoffs verständigt: Nur zwei von Larrys sechs Kindern läßt der Film übrig, allzu rührselig dürfen Larry und Bimbo ihre durch den Erfolg aufs Zerreißen gefährdete Männerfreundschaft wieder heilsaufen, und am Ende wartet auf jeden eine grundgütige, alles verzeihende Ehefrau, an deren Busen er seinen Rausch ausschnarchen kann.
Nicht, daß irgendwas davon zum Heulen wäre, doch für Typen mit der Spielstärke von Doyle & Frears & Meaney ist es eben doch nur ein Heimspiel, ein allzu leichter Sieg.
Urs Jenny