MUSIK Marke Eigenbau
Mit Ingmar Bergman studierte er in Stockholm Strawinskis »The Rake"s Progress« ein. Mit Götz Friedrich führte er in Holland Mozarts »Figaro« und Verdis »Falstaff« auf. Mit Jean-Marie Straub produzierte er in Italien Schönbergs »Moses und Aron« als Fernseh-Oper. »Das waren Arbeiten«, schwärmt der Dirigent Michael Gielen, 47, »wovon ein Musiker nur träumen kann.«
In Deutschland indes waren Gielen-Auftritte, traumhaft oder nicht, bislang kaum gefragt. Vor sechs Jahren hat der geistvolle Präzisions-Fanatiker zum letztenmal in einem deutschen Opernhaus gestanden. Bei städtischen Abonnements-Konzerten schien er unerwünscht, die Platten-Produzenten schnitten ihn.
»Ich habe mir«, gesteht Gielen, »vielleicht durch meine Aggressivität lange selbst den Weg blockiert, aber allmählich wird mein Ruf es Unbequemen wohl in Kauf genommeen.«
Tatsächlich scheint nun auch der deutsche Musikbetrieb, dieses Gemisch aus Star-Rummel und Repertoire-Geschluder, aufzuhorchen. Auf der Plattenmarke »Philips« erschien die erste Stereo-Aufnahme von »Moses und Aron«, die dank Gielens orchestralem Schliff und zupackender Dramatik die Strukturen und Emotionen dieses Werkes endlich einmal völlig offenlegt.
Orchester- und Chorpart dieser Muster-Aufnahme wurden überdies zur TV-Aufzeichnung des Schönberg-Stückes verwendet. Doch um nicht ganz auf das sterile Playback-Verfahren angewiesen zu sein, ließ Regisseur Straub die acht Solisten aus sieben Ländern bei der Filmaufzeichnung noch einmal live unter Gielens Führung in der Abruzzen-Arena von Alba Fucense singen. Der knapp zweistündige Film, eine teure internationale Koproduktion, wird in der Woche vor Ostern (mit Ausnahme von Südwest 3) von allen dritten ARD-Programmen und in Österreichs zweitem Kanal ausgestrahlt.
Noch deutlicher als im jungen TV- und Plattenruhm zeigt sich Gielens späte Aufwertung allerdings in den Angeboten, mit denen renommierte Bühnen um ihn buhlen. Noch bevor sich der designierte Intendant der Deutschen Oper Berlin, der Kölner Cello-Professor Siegfried Palm, seines Freundes versichern konnte, lockten die Frankfurter Stadtväter Gielen an den Main: Vermutlich wird er mit Beginn der Saison 1977/78 als Nachfolger des an die Hamburgische Staatsoper wechselnden Kollegen Christoph von Dohnanyi die Leitung der Frankfurter Oper übernehmen.
Dann muß das Frankfurter Publikum auf Unerhörtes gefaßt sein, denn Gielen dirigiert gern gegen den Strich lieber und übler Gewohnheiten. In jeder »heroischen Musik« beispielsweise will er »auch die Niederlage hörbar machen, die immer drinsteckt«. Die Erwartungen, die »man so an die hehren Meisterwerke stellt«, sagt Gielen, »die will ich enttäuschen«. Wenn er dirigiert, »sollen die Leute spüren: da stimmt was nicht«.
Dieses durch extreme Tempi und scharfe Themenprägung gekennzeichnete Kontrastprogramm zum Klangbalsam à la Karajan hat Gielen seinem großen Vorbild Erich Kleiber abgelauscht. Obwohl Gielen, dessen Eltern (die Mutter Jüdin) in der Nazi-Zeit von Dresden nach Argentinien ausgewandert waren, bei deutschen Emigranten Klavier, Komposition und Philosophie studiert hat, verdankt er »die wichtigsten musikalischen Erfahrungen« den Kleiber-Abenden am Teatro Colón in Buenos Aires.
Lange Zeit schwankte der junge Musiker zwischen Piano und Pult. 1949 spielte er in Buenos Aires öffentlich das gesamte Klavierwerk Schönbergs, trainierte sich aber gleichzeitig zum Kapellmeister »Marke Eigenbau«. Bei seinem ersten Wiener Auftritt 1951 machte er halbe-halbe: Im ersten Teil des Konzerts spielte er am Flügel Schönberg, nach der Pause dirigierte er Strawinski.
Dann dirigierte er nur noch. Doch bald fühlte er sich zu Unrecht in die einseitige Rolle eines Spezialisten für Zeitgenössisches gedrängt. Bei Premieren in Nachtprogrammen oder Avantgarde-Zirkeln war er als Geburtshelfer begehrt. So leitete er Uraufführungen von Berio, Ligeti, Stockhausen, Kagel und Bernd Alois Zimmermann. Zimmermanns schwieriges »Requiem« hat nach ihm noch kein Kapellmeister wieder angerührt.
Auch seine eigenen respektablen Kompositionen festigten den Ruf des Avantgarde-Apostels, dem zumindest die deutschen Konzertmakler das klassische Tongut nicht anvertrauen wollten. So brachte Gielen seine geschliffen-unpathetischen Aufführungen von Mozart, Beethoven, Schubert oder Mahler vor allem bei Tourneen in USA und Fernost, in Stockholm, Amsterdam und Brüssel zu Gehör, wo er jahrelang als Musikdirektor wirkte.
Daß die beamteten Musikanten in Deutschlands Funkhäusern anspruchsvolle Dirigenten aus Angst vor allzuviel Drill vor den Kopf stoßen, mußte Gielen am eigenen Leibe erfahren. Als er 1971 in Frankfurt und, fast gleichzeitig, in Stuttgart als Chef der Rundfunksymphoniker zur Debatte stand, wurde über seine Berufung abgestimmt. Die Mehrheit der Orchestermitglieder in beiden Anstalten votierte gegen ihn.
Dieses Veto wird nun ein Nachspiel finden. In einem tönenden »Mitbestimmungsmodell für Orchester, Musiker und Dirigenten«, dessen Premiere Anfang Juni in Saarbrücken stattfinden soll, will Gielen den »Reflex eines 20 Jahre langen Kampfes mit Orchestermusikern, die gegen Neue Musik opponieren«, zum Klingen bringen -- oder auch nicht:
Bei seinem jüngsten Stück stellt Gielen die Ausführenden nämlich »ständig vor die Wahl, entweder die Noten samt Angaben auszuführen, sich durch Nichtstun neutral zu verhalten, oder zu opponieren«. Eine konstruktive Opposition könnte auf diese Weise, so glaubt Gielen, »Teil der Komposition« werden.