Kino Mars aus Gips
Stalin reinzuwaschen hat Lilija Petrowa, 55, längst aufgegeben. »Die Büsten brauchen wir nur noch ganz selten«, berichtet die Frau vom Fundus der russischen Filmfabrik Mosfilm.
Doch das schwindende Interesse an Gipsköpfen des Diktators ist Lilija Petrowas geringste Sorge. In den Regalen verstauben Millionen Requisiten. Kaum noch ein Regisseur leiht bei ihr aus. Die Petrowa wird ihren Job verlieren.
Nach der Talfahrt des Sozialismus droht nun auch seinem Kintopp das Aus. Einst fürs agitatorische Gesamtwerk mit Lenin- und Oktoberrevolutions-Orden behängt, feiert Mosfilm in diesem Jahr einen traurigen 70. Geburtstag: Im ehemals größten europäischen Filmkonzern ruht weitgehend die Produktion.
Massenpropaganda durch parteifromme Filme war stets nur die eine Passion des Staatsunternehmens. Eisenstein und Pudowkin zählten zu seinen künstlerischen Paten.
In den Zeiten der Regisseure Michail Kalatosow und Andrej Tarkowski wurden jährlich etwa 40 Filme gedreht. Im Vorspann prangte die Monumentalskulptur »Arbeiter und Kolchosbäuerin« wie eine Galionsfigur am Bug stolzer Segelschiffe. Heute bringen es die abgetakelten Studios kaum auf ein Zehntel der früheren Auslastung. 5000 Menschen arbeiteten noch 1988 bei den Moskauer Filmstudios. Geblieben sind gerade 1500 Techniker; 2000 Künstler, ehemals fest angestellt, führt Mosfilm nun als freie Mitarbeiter. Sie warten, meist vergeblich, auf ein neues Engagement.
Der Niedergang des Unternehmens, das 1924, im Todesjahr Lenins ("Kino ist fürs Dorf so wichtig wie das Buch"), als »Goskino« gegründet und später von Stalin zur Propagandamaschine ausgebaut wurde, begann 1989. In die trügerische Freiheit des Marktes entlassen, einigten sich die Filmleute mit der Regierung auf eine halbstaatliche Organisation: Mosfilm war weiter Staatseigentum, sollte aber allein sein Überleben sichern.
Zehn Studios blieben übrig - die werden geleitet von Regiegrößen wie Wladimir Naumow, Sergej Solowjow und Sergej Bondartschuk. Die Regisseure nutzen die Technik des Konzerns zu Vorzugspreisen. Mit dem Gewinn aus ihren Filmen hoffte die Traumfabrik konkurrenzfähig zu werden.
Vergebens. Nur wenige Studiochefs schafften den Neuanfang. Auf der Suche nach Produzenten landeten die meisten wieder beim Staat - doch der hat kein Geld mehr für Rußlands Kultur, am allerwenigsten für Kinofilme.
Nur in einer von insgesamt 13 Hallen wird noch gearbeitet. Zwei alte Frauen in schmutzigen Arbeitsmonturen schleppen Wassereimer auf die Bühne. Eine dritte reißt Gipssack um Gipssack auf, mischt den Staub mit Wasser, klatscht die trübe Masse mit den Händen auf den Boden. Krater und Berge entstehen, der Mars.
Den roten Planeten, 400 Quadratmeter graue Gipswüste, hat eine Werbefirma bestellt. Als Reklame-Hintergrund für einen der vielen neuen Investmentfonds. »So etwas machen wir jetzt ständig«, klagt ein Bühnenbildner. Aber es bringt eben Geld.
Auch der Leiter des Tonstudios hat sich mit den harten Zeiten abgefunden: »An Arbeit mangelt es nicht«, verkündet er tapfer. Sein Bereich sei zu 70 Prozent ausgelastet.
Womit, ist nebenan zu besichtigen: Ein geiler Priester, ein Bauernmädchen mit strammer Brust, Begierde im Beichtstuhl - so lautet das Rezept des billigen Musikfilms, der gerade gemischt wird. Auch das Tonstudio muß fremdgehen: Drei Fünftel seiner Einkünfte schöpft es aus CD-Aufnahmen.
Das Wertvollste an der untergehenden Filmfabrik ist ihre Immobilie. Mosfilm-Präsident Wladimir Dostal, 51, liebäugelt bereits mit Bauplänen für ein Hotel, ein Restaurant, einen Nachtklub. Die Oscars, Bären und Löwen in seinen Vitrinen helfen ihm wenig, wenn es um die Bezahlung gewaltiger Strom- und Wasserrechnungen geht.
Verständlich, daß der Mosfilm-Boß nach Subventionen ruft. Auch Nachlässe bei Steuern und Zöllen müßten her. Vor allem aber: Der Staat müsse wieder mehr Filme drehen lassen.
Am besten solche wie Sergej Bondartschuks Mammutwerk »Krieg und Frieden« in den sechziger Jahren, das größte und teuerste Opus, welches je die Mosfilm-Studios verließ. Dostal war Assistent, als Bondartschuk mit 20 000 Soldaten, 160 Waggons für Requisiten und 23 Tonnen Schießpulver im Gepäck nach Borodino aufbrach, um noch einmal gegen Napoleon anzutreten.
Für die Partei war dies vor allem eine Schlacht gegen den Westen, gegen Hollywood. Geld spielte keine Rolle. Es durfte geklotzt werden im kalten Kino-Krieg. Die Amerikaner revanchierten sich 1969 mit einem Oscar für das opulente Werk.
Ideologisch wurde Mosfilm stets am kurzen Zügel geführt: Nur was den KPdSU-Kulturbürokraten genehm war, durfte in die Kinos. Entweder orderten sie Filme über die staatliche Produktions- und Zensurbehörde Goskino, die dann ihre Günstlings-Regisseure drehen ließ, oder sie prüften hochnotpeinlich Anträge anderer, weniger angepaßter Filmemacher.
Goskino sorgte für Finanzierung und Verleih. Zentrale Anweisungen regelten, was in den fast 70 000 Kinosälen der Sowjetunion gezeigt werden durfte - und wie lange. Verdächtiges wanderte in Giftschränke, die erst während der Perestroika der achtziger Jahre geöffnet wurden. Doch trotz der politischen Gängelung ihrer Filmproduktion galt die Sowjetunion als große Kinonation. Noch in den siebziger Jahren ging jeder Russe im Durchschnitt alle zwei Wochen ins Kino.
Nun sind die Eintrittskarten für viele unerschwinglich geworden. 1000 Rubel (etwa eine Mark) für einen Kinobesuch, der früher nur Kopeken kostete, können nur noch wenige Cineasten anlegen. Zudem beherrscht amerikanischer Sex-und-Crime-Ramsch das Kinoprogramm.
Gerade fünf Prozent der Herstellungskosten spielt ein russischer Film derzeit noch auf dem heimischen Markt ein; profitabel sind allein ins Ausland verkaufte Filme oder Koproduktionen.
Bondartschuks letzte Regiearbeit »Stiller Don« ging an die Italiener: Produzent Enzo Rispoli schrieb die Besetzung vor, gedreht wurde in der römischen Traumfabrik Cinecitta. Nur die Kosaken-Idyllen in Südrußland nahm der Altmeister mit Mosfilm-Gerät auf.
Ginge es nach Bondartschuk, so würde der Staat bei seinen Moskauer Illusionsschmieden mindestens zehn Spielfilme pro Jahr in Auftrag geben. Zugleich solle für US-Billigware der Eiserne Vorhang wieder fallen. »Der Staat muß einspringen, sonst erwürgt der Markt das Kino«, zürnt der 73jährige.
Tatsächlich glaubt auch Bondartschuk nicht mehr an die Genesung des Unternehmens. Seinen nächsten 17-Millionen-Mark-Film will der Regisseur ganz ohne Mosfilm drehen, vermutlich in den Filmstudios von Alma-Ata: Die asiatischen Dienstleistungen seien »besser und billiger«. Y