Master & Blaster
Von seinen Feinden bleibt meistens nicht viel übrig. Wer ihn zum Kampf herausfordert, wird von ihm überfahren, aufgespießt oder verbrannt. Mit regloser Miene verbreitet der Schöne in der Ledermontur den Tod, der nur die trifft, die ihn verdient haben. Er spricht kaum und tötet, weil das so sein muß - nicht, weil es ihm gefällt.
So war es bisher. Doch im dritten Teil der »Mad Max«-Reihe des australischen Regisseurs George Miller, 40, beginnt der Charakter des Endzeit-Westerners Mad Max (Mel Gibson) Brüche zu zeigen. Unter Druck verzieht er nun schon mal das Gesicht. Einen Gegner, den er überwunden hat, läßt er am Leben. Und er spricht und denkt mehr, als es vielen seiner intellektuellen und proletarischen Bewunderer lieb sein wird. Mad Max ist nicht mehr nur eine zynische Killer-Maschine.
Die Absicht ist klar. Die beiden ersten »Mad Max«-Filme waren reine Gewalt-Action gewesen. Gut und Böse hatten lediglich die Aufgabe, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen, waren aber moralisch völlig austauschbar. Nicht umsonst siedelte George Miller von Anbeginn - als er von dem riesigen Erfolg von »Mad Max« noch nichts ahnte - das australische Blut- und Faustspiel in einer Zeit an, in der Gesetze nichts mehr gelten und eine totale Entwertung der Werte herrscht. So wimmelte es in »Mad Max« und in »Mad Max II - Der Vollstrecker« von grandios-brutalen Actionszenen und Stunts, Dutzende von Autos und Motorrädern wurden bei aufwendigen Verfolgungsjagden zertrümmert, Blut floß und Fleischfetzen flogen.
Jetzt soll »Mad Max« mehr sein: ein postapokalyptischer Mythos vom zweiten Erwachen menschlicher Zivilisation. Anarchie und Chaos, Fatalismus und Destruktivität sollen dem Aufbau einer neuen und besseren Welt weichen. Am Ende von »Mad Max - Jenseits der Donnerkuppel« brennt in vielen Fenstern einer atomar verwüsteten Stadt wieder Licht. Die Neusiedler hätten ohne Mad Max nie in diese Stadt gefunden. Sie feiern ihn als ihren Erretter.
Der Anfang ist finster: Aunty Entity (Tina Turner), die allmächtige Negerin mit dem silbernen Haar und einer fügsamen, gewalttätigen Gefolgschaft aus Debilen und Punk-Brutalos, regiert fast uneingeschränkt die Wüstenstadt Bartertown, die nach dem großen Knall entstand. Das Wasser ist radioaktiv verseucht; Energie wird aus Schweinekot gewonnen. Chef des unterirdischen Schweinereaktors ist der genialische Zwerg Master. Wenn es ihm paßt, stoppt er die Energiezufuhr - deshalb heuert Aunty Entity Mad Max an: Er soll die Macht des Zwergs brechen. In einem fulminanten Kampf besiegt er den Riesen Blaster, den Leibwächter des Schweine-Masters. Natürlich hält Aunty Entity nicht Wort - statt Mad Max zu belohnen, jagt sie ihn in die Wüste.
Solange Mad Max sich unter der Donnerkuppel, einem postnuklearen Circus Maximus, mit dem Riesen mißt, dessen schwachsinniges Milchgesicht unter einer Eisenmaske verborgen ist, hat der Film als grausame Erwachsenen-Unterhaltung seine Wirkung, nicht unintelligent, perfekt gemacht und spannend.
Dann allerdings wird dem adrenalingeschüttelten Zuschauer ein romantischverklärendes Intermezzo beschert: In der Wüste wird Mad Max von einem Kinderstamm, der ihm das Leben rettet, als lang erwarteter Messias betrachtet. Er soll den Kindern, die in der pastoralen Idylle einer Oase vom Rest der übriggebliebenen Menschheit völlig abgeschnitten leben, den Weg heim in die Stadt weisen. Er schafft es, natürlich, und am Ende einer rasanten, für viele Teilnehmer tödlichen Verfolgungsjagd mit Eisenbahn, posthistorischen Jeeps und Rennwagen nehmen die Kinder in einem klapprigen Flugzeug Kurs auf die von ihnen ersehnte Stadt.
Mad Max aber verschwindet, von einer untergehenden Sonne umrahmt, wie Lucky Luke am Horizont. In den beiden vorangegangenen »Mad Max«-Filmen machte sich George Miller nicht viel Mühe mit der Legitimierung seines Horror-Action-Konzepts. Jetzt jedoch versucht er die Menschen-Zukunft aus dem phantastischen Kaffeesatz des Skeptizismus herauszulesen; die mythologische Verbrämung der auf Jagen und Gejagtwerden beschränkten Handlung soll dem Film zum Status eines seriösen Kunstwerks verhelfen.
Mad Max scheint sich glatt in die Galerie filmischer Macho-Archetypen einzureihen: Wie alle klugen Samurais, Sheriffs und Agenten dieser Welt kämpft auch er, allein im Tohuwabohu endzeitlicher Anarchie, für sich und für Menschen, die das Glück haben, seine Freunde geworden zu sein.
Einen Unterschied aber gibt es: George Millers harter Heroe heißt nicht umsonst Mad Max - der irre Max. Er ist ein moralisierender Psychopath. Daran hat sich auch im dritten Teil nichts geändert. Gegen Ian Flemings 007 und Clint Eastwoods namenlose Reiter läßt sich vieles sagen - verrückt sind sie mit Gewißheit nicht. Sie agieren oft spektakulär und brutal, aber immer mit Vernunft. Mad Max dagegen reagiert nur, er ißt Hundefleisch und durchforscht mit wirrem Blick seine Umgebung, bevor er losschlägt. Wirklich souverän ist er nie: Im Endzeit-Krieg eines jeden gegen jeden wird auch der stärkste Charakter paranoid.
Was ist also los mit Mad Max und seinen Zeitgenossen - den Kindern, Master, Blaster, Aunty Enity und ihrer Bande? Ihre Lebenskoordinaten sind die nukleare Verwüstung, die Wiederkehr des Chaos und der schwache Glaube an eine bessere Zukunft. Daraus entsteht jener individuelle und gemeinschaftliche Wahnsinn, von dem George Millers atomverseuchte Typen getrieben werden.
So liegt der Erfolg der »Mad Max«-Filme - über ihre Genre-Qualität hinaus - darin, daß unser psychischer Zustand sich dem ihrer Figuren zusehends angleicht. Und in einer Zeit, in der die teils begründete, überwiegend aber irrationale Angst vor dem Atomkrieg jeden ein wenig irre macht, ist Mad Max, der ultimative Cowboy, ein willkommener Hoffnungsträger. Maxim Biller _(Mit Angelo Rossitto. )
Mit Angelo Rossitto.