Matha Courage - DER SPIEGEL
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THEATER Matha Courage

• aus DER SPIEGEL 22/1961
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zweiundzwanzig Jahre hat die kommunistische

Partei den Schlosser Weiler für die Revolution geschult, und nun, nach Kriegsende, möchte Weiler diese Revolution endlich auch mal machen. Aber er wohnt in der sowjetischen Besatzungszone, und das ändert die Sache gründlich.

»Was war das für eine Revolution!«, so erläutert das Dramaturgen-Team des Ost-»Berliner Ensembles am Schiffbauerdamm« die Verwirrung des Kommunisten Weiler. »Statt Gewehre hielt sie Verfügungen in der Hand, statt eines Patronengurts trug sie einen Stempel. Und das Türschloß der Ausbeuter war fester als jede Barrikade, weil es durch die Revolution selbst geschützt war.«

Wie in fast allen politischen Ostzonen -Stücken wird - weil das Publikum stets seine Sympathien dem Schwächeren zuwendet - auch bei der jüngsten Uraufführung des von Bertolt Brecht begründeten »Berliner Ensembles« die Ostzonen-Wirklichkeit der ersten Jahre nach 1945 auf den Kopf gestellt: Gesättigt und wohlbeleibt herrschen, von rechtsstaatlich gesonnener Volkspolizei beschützt, die Fabrikherren und Großbauern, während einige wenige Parteifunktionäre, unbeholfene Idealisten, frierend und dürr fürs gemeine Wohl kämpfen.

Im Gegensatz zum Schema ostzonaler Theaterstücke aber wirkt diesmal als Motor des Fortschritts weniger das Funktionärskorps als vielmehr eine Frau, die eigentlich dagegen ist, gegen alles Staatliche schlechthin, gegen Braun wie Rot: die Witwe Flinz. Sie ist Titelheldin und Hauptfigur einer Komödie des 34jährigen Helmut Baierl, der vor drei Jahren mit dem Agitationsstück »Die Feststellung« (SPIEGEL 24/1958) beträchtlichen Lokal-Erfolg hatte.

»Frau Flinz«, charakterisiert die Ostberliner »Neue Zeit« Baierls neue Titelheldin, »kann anstellen, was sie will, sie kann sich drehen und wenden, wie sie will, sie kann reden oder schweigen, sich verstecken oder auf Versammlungen gehen - ob sie will oder nicht, immer macht Frau Flinz Politik.« Und: »Immer, wenn Frau Flinz ungewollt Politik macht, macht sie fortschrittliche Politik.« Verantwortlich für diesen Effekt macht das Blatt der Ost-CDU etwas, das es die »List der Vernunft« nennt.

»List der Vernunft« ist auch bei zwei literarischen Figuren am Werke, die beide dem Autor Baierl Vorbild für

seine Frau Flinz gewesen sind: die Mutter Courage und der Soldat Schwejk. Ähnlich wie die Titelheldin von Bertolt Brechts »Mutter Courage«, die als Marketenderin am Krieg profitieren, gleichzeitig aber ihre Kinder vor den Schrecken des Krieges bewahren will, möchte die ehemalige Landarbeiterin Martha Augusta Wilhelmina Flinz ihre fünf Söhne beschützen - diesmal vor den Forderungen des neuen Staates. Frau Flinz, dargestellt von der legitimen Brecht-Witwe Helene Weigel: »Die kriegt keiner, ob er nun Siegheil ruft oder Rotfront. Wer nach ihnen die Hand ausstreckt, dem haue ich sie ab.«

Und wie in dem Buch »Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk« von Jaroslav Hasek, dessen Held dem Militär der österreichischen Donaumonarchie einen naiv-pfiffigen Widerstand entgegensetzt, indem er Parolen und Befehle wortwörtlich nimmt, reagiert auch Frau Flinz auf die Funktionäre der Staatspartei. Sie beruft sich zum Beispiel auf die Buchstaben des Kommunistischen Manifestes aus dem Jahre 1848 zu einem Zeitpunkt, zu dem die Ostzonen-Verwaltung noch auf die Mitarbeit der privaten Wirtschaft angewiesen war, und verwirrt durch ihre Argumentation die Leute und die Funktionäre, vornehmlich den altgedienten Kommunisten Weiler.

Im Endeffekt aber handelt Frau Flinz, wenn sie mit den Funktionären herumstreitet, ganz und gar unfreiwillig immer im Sinne der Partei. Als der Altkommunist Weiler, begierig auf seinen Klassenkampf, eine Werkshalle des örtlichen Fabrikanten Neumann zu einem Flüchtlingslager ausbauen will - Weiler: »Faschist! Jetzt wird die Rechnung beglichen!« -, macht Frau Flinz darauf aufmerksam, daß dann die halbe Stadt brotlos sei. Wirklich liegt es zu jener Zeit auf der Parteilinie, zumindest kleine Privatbetriebe in Gang zu bringen oder in Gang zu halten, und Weiler muß auf seinen Plan verzichten.

Mehr noch: Die Stadt hilft, Neumanns Fabrik, in der Möbel hergestellt werden, zu vergrößern. Der Fabrikant scheint sich allerdings über den zweifelhaften Wert des Geschenks, das ihm gemacht wird, im klaren zu sein. Er stöhnt: »Wir haben hier in Ruhe und Frieden gelebt. Der Neumann, haben sie gesagt, der ist ein kleinerVerrecker. Der kommt nicht über 99 Arbeiter. Da legt man sich nun abends ahnungslos ins Bett und erwacht am nächsten Morgen als Rockefeller.«

Neumann versucht jedoch, sich zu helfen. Um der Aktivität der SED in seinem Betrieb zuvorzukommen, beschließt er, mit Hilfe der Flinz-Söhne »ein reges politisches Leben zu entfalten«. Er macht zwei von ihnen zu Vorarbeitern, bezahlt ihnen den Beitrag für die SED, delegiert den dritten in die Gewerkschaft - Begründung, zum Jubel des Publikums: »Du bist der langsamste« -, gibt ihnen das Kommunistische Manifest zur Lektüre ("Mein Großvater hat es unter Bismarck einem Arbeiter abgenommen") und fragt das Pensum ab: »Die wesentlichste Bedingung für die Existenz und für die Herrschaft der Bourgeoisklasse«, sagt ein Flinz-Sohn auf, »ist die Anhäufung des Reichtums in den Händen von Privaten.«

Neumann ist mit der Leistung des jungen Flinz nicht recht zufrieden: »Der Tonfall ist noch nicht ganz richtig. Du mußt am Satzende etwas ins Singen kommen.« Für das Vorsprechen des Satzes bekommt Fabrikant Neumann stürmischen Beifall; das Publikum sah wohl in dem singenden Tonfall eine milde Parodie auf Ulbrichts Redeweise.

Wiederum im Sinne der Partei handelt Frau Flinz, als sie Jahre später dem Funktionär Weiler die entscheidende Niederlage bereiten möchte. Auf einer Versammlung will sie den Funktionär Weiler und seine Genossen - im wohlverstandenen Interesse des Fabrikherrn Neumann - öffentlich blamieren, indem sie auf die Diskrepanz zwischen kommunistischer Theorie und Ostzonen -Praxis aufmerksam macht. Martha Flinz: »Das sind Kommunisten! Nur merken soll es keiner!« Sie zieht ihr »rotes Büchel« aus der Tasche, das Marxsche Manifest, und deklamiert: »Ich sage jetzt ganz laut: Herr Neumann ist ein Leuteschinder und ein Ausbeuter, der den ganzen Mehrwert wegnimmt.« Und: »Steht da drin, der Herr Neumann ist ein Klassenfeind.«

Die örtlichen Parteifunktionäre, noch immer von der Partei auf das aktuell für nützlich gehaltene Arrangement mit der Privat-Industrie eingeschworen - »Wir haben die antifaschistisch-demokratische Ordnung, daran müssen wir uns gewöhnen« -, wollen von dem Radikalismus der Frau Flinz nichts hören. »Sind Sie doch still«, bittet einer, »sonst haben wir Schwierigkeiten mit der Kreisleitung.« Und Weiler jammert: »Das wäre aber ein schwerer Schlag für die Partei, wenn sich der Marx geirrt hätte.«

Aber wiederum führt die »List der Vernunft«, wenngleich unfreiwillig, auf die neueste Parteilinie, von der freilich die kleinstädtischen Funktionäre noch nichts ahnen. Einen Tag nach Martha Flinzens vorgetäuschter ideologischer Entrüstung ist Neumann enteignet; seine Fabrik wird zum »Volkseigenen Betrieb«.

Bekümmert über den unerwünschten Erfolg ihrer Aktivität, zieht Martha Flinz aufs Land, aber nun verlassen sie auch ihre Söhne, zu deren Gunsten sie ihre List aufgewendet hatte. Sie laufen alle davon, weil ihnen, Baierl zufolge, der Staat alle Wünsche zu erfüllen vermag: Studium, freie Berufswahl und ein gutes Einkommen.

Martha Flinz, allein gelassen und verbittert, muß dem Fortschritt noch ein letztes Mal unfreiwillig dienen. Sie merkt, daß die Arbeit der Einzelbauern, denen die Bodenreform im Osten nur kleinere Betriebe ließ, nicht lohnt, und verlangt die Gründung einer Genossenschaft. Aber noch hält die Partei nichts von Kollektivierung, und Martha Flinz streitet schon wieder mit dem örtlichen Funktionär. Frau Flinz: »Mir paßt das nicht.« Der Funktionär: »Du bist also gegen unseren Staat?« Die Flinz: »Wenn er so aussieht wie in unserem Dorf, ja.« Martha Flinz gründet eine landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft - und sieht sich plötzlich zum Vorbild für jene Kollektivierung gemacht, die in der DDR später überall propagiert wird

Die listige Martha Flinz kann, so beruhigt das Programmheft, »höchstens den einzelnen Funktionär des Unsinns überführen« (und sie macht von dieser Fähigkeit zum Entzücken des Publikums reichlich Gebrauch), aber sie findet sich dennoch »zu ihrem Erstaunen und zu ihrem Zorn auf der Seite der Partei«. Aus diesem Sachverhalt zieht sie endlich die Konsequenzen: »Man kann als armer Mensch nicht ungestraft seine eigenen Interessen bekämpfen.«

Auch der im Grunde gutwillige Funktionär Weiler kommt zu seinem Frieden. Er geht zu Martha Flinz beichten - Kommentar des Programmheftes: »Die Beichte Friedrich Weilers vor Frau Flinz... ist eine Beichte, die der katholischen in einem Punkt überlegen ist: Sie nützt dem Menschen. Sie richtet ihn nicht auf das Jenseits ab, sondern bereitet ihn vor auf das neue Diesseits.« Die beiden versöhnen sich, zumal ihrer beider Ziele von Anfang an miteinander verwandt waren: Frau Flinz wollte für ihre kleine Familie sorgen, Weiler für die größere, für die Gesamtheit aller Werktätigen.

Das Stück endet mit Weilers Triumph: Eine Filmprojektion zeigt eine Menge Menschen, die rhythmisch klatschend ihre Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Soeben hat Walter Ulbricht auf der Zweiten Parteikonferenz der SED den Aufbau des Sozialismus proklamiert, auf den Weiler so lange vergebens gewartet hatte. Eine Lautsprecher-Stimme verkündet: »Es spricht jetzt die Vorsitzende der ersten Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in der DDR, die Gastdelegierte Martha Flinz.«

Erst nachdem der Schlußvorhang bereits gefallen war, kam Autor Baierl noch einmal auf den enteigneten Fabrikanten zurück. Vor der Bühne entlang bewegen sich auf einem Fließband der Fabrikant Neumann, dessen Frau und zwei zwielichtige Figuren - sie tragen ein Schild mit der Aufschrift: »Nach Hannover.«

Baierl auf Befragen: »Ich bin über diesen Gag auch nicht ganz glücklich; ich werde ihn künftig weglassen.«

Szenenbild »Frau Flinz"': Beifall für Ulbricht-Parodie

Komödien-Autor Baierl

List der Vernunft

* Helene Weigel als Martha Flinz, Martin Flörchinger als Fabrikant Neumann.

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