MATTHÄUS-SCHAFFE - DER SPIEGEL
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FERNSEHEN / Telemann MATTHÄUS-SCHAFFE

• aus DER SPIEGEL 17/1961
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Wissen Sie noch? Da war auf der Bundesbildfläche die Conny Froboess erschienen, hatte ihre Arme zwischen Pulli und Jeans gestemmt und lauthals die Leidensgeschichte Christi gekräht. Dadiabalubah... Und nach jedem Kapitel waren weitere Nietenhosenträger über den Schirm getanzt, um etwas Neutestamentliches darzustellen. Einer behauptete, er sei Jesus von Nazareth. Andere verkörperten den Mörder Barabbas oder den Knaben, der das Brot für die »Speisung der Fünftausend« besorgte. Wieder andere gaben vor, die zwölf Apostel zu sein.

Sang der Judas Ischariot, 17; in seinem Moped-Klub unter dem Spitznamen »Spinne« bekannt: »Ich hab' keine Piepen mehr, Puppe - wo krieg' ich bloß Piepen her, Puppe?« Endzeile: »Ich werd' ihn (Christus) verpfeifen!«

Röhrte eine Minderjährige, ihre Unkenntnis vom Wesen christlicher Nächstenliebe enthüllend: »Mensch, ich lieb' meine Mutti, das langt doch!«

Begleiteten Teenager-Misch-Chöre das biblische Geschehen mit der Frage: »Wozu soll'n das gut sein?« oder mit dem konjunktur-heißen Jubelruf: »Eine Schaffe! So prima isses uns noch nie gegangen!«

Und nicht genug, als Jesus, 19, Büroangestellter, vom gleichfalls minorennen Satan »alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit« gezeigt bekam, wurden Wochenschau -Streifen eingeblendet: Hitler auf dem Eiffelturm, marschierende SA, ein brodelndes Fußballstadion. Und bei den Worten »Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!« lehrten geeignete Filmdokumente, daß auch Atombomben und Flüchtlings-Trecks zu den Übeln zählen, die der göttlichen Vergebung bedürfen.

Die Kreuzigung selbst wurde, wie erinnerlich, von einem Exekutionskommando der Bundeswehr vollzogen.

Daraufhin ...

... schrieb die »Bild«-Zeitung:

DAFÜR IST CHRISTUS NICHT GESTORBEN!

... entschuldigte sich der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Rundfunkanstalten, Dr. Bausch, beim Erzbischöflichen Ordinariat in Köln für den »bedauerlichen Mißgriff des Senders Hamburg«.

... nahm die NDR-Sendeleitung fernmündlich die Ausdrücke »Gipfel der Geschmacklosigkeit« (362mal), »heidnisches Pack« (116 mal), »Dreckskerle« (93 mal), »Saubande« (84 mal) und »Pfui Teufel« (61 mal) entgegen.

... schrieb der »St. Willibaldsbote«, Eichstätt: »... wollen wir, die wir vom Matthäus-Evangelium doch wohl eine etwas genauere Vorstellung besitzen, dafür beten, daß den Verantwortlichen ...«

... sagte der NDR-Intendant Dr. Hilpert zu seinem Chefdramaturgen Monk: »Ich verstehe die ganze Aufregung nicht:«

... schrieb das »Sonntagsblatt« des Bischofs Lilje: »Niemand wird im Ernst von uns behaupten wollen, wir seien rückständig, weltfremd oder gar intolerant. Aber wenn das religiöse Empfinden eines ganzen Volkes in einer Weise verletzt wird ...«

... sagte der bayrische Fernsehdirektor Dr. Clemens Münster auf der Ständigen Programmkonferenz: »Ich habe rechtzeitig gewarnt!«

... schrieb der »Rundfunkspiegel des Deutschen Industrieinstituts": »Pankow konnte sich mal wieder ins Fäustchen lachen!«

... reichte das Bundes Verteidigungsministerium Klage wegen »Verächtlichmachung der Bundeswehr« ein.

... erklärte Ministerpräsident Dr. Hans Ehard vor dem Bayrischen Landtag: »... nicht erwarten, daß wir zu einer solchen Kulturschande Ja und Amen sagen. Ich wiederhole mit allem Nachdruck: Wir wollen endlich ein gutes - wir wollen ein bayrisches Fernsehen!« (Anhaltender Beifall von links und rechts.)

Posteingang beim Norddeutschen Rundfunk: 134 Telegramme, 1257 Briefe, 12 345 Postkarten, 1 Päckchen.

Leider wird sich kaum jemand dieser Vorgänge entsinnen können. Schon aus dem einen Grund: Das obgeschilderte Passions-Musical wurde nicht vom deutschen, sondern vom englischen ITA-Fernsehen ausgestrahlt. Die Rock'n'roll-Evangelistin hieß nicht Conny Froboess, sie hieß Valerie Mountain. Und die Soldaten, die auf Golgatha Dienst taten, trugen statt der bundesrepublikanischen die Uniform Ihrer britischen Majestät.

»Ein Mann stirbt« hieß das fromme Singspiel, verfaßt von Ernest Marvin, dem Pfarrer der presbyterianischen Kirche St. James in Bristol, besetzt mit den Angehörigen eines Teenager-Klubs.

Reverend Marvin glaubte entdeckt zu haben, daß die Sprache der Bibel den jungen Menschen vollständig fremd sei, und versuchte deshalb, die Tradition mittelalterlicher Mysterienspiele fortzusetzen, indem er seine Jung-Passionsspieler tun ließ, was sie ohnehin nur ungern lassen: tanzen und Jazz singen. Zur Feier der Osterwoche und zum schockierenden Beweis, daß es »Menschen wie wir« waren, die Christus kreuzigten.

Doch siehe, auch das Nachspiel verlief jenseits des Ärmelkanals ein wenig anders, als es hierzulande verlaufen wäre. Der geistische Verfasser erhielt ein oberhirtliches Lob (Dr. Stockwood, Bischof von Southwark: »Wenn das Stück nur ein paar Menschen aus der Gleichgültigkeit aufgeschreckt hat, hat es mehr bewirkt als alle Gottesdienste der Karwoche.") Und die ITA wurde mit Glückwünschen schier überschüttet. »Nur drei Leute haben sich beschwert«, bekundete die TV-Gesellschaft. »Einer von ihnen war Atheist.«

Merke: »So gibt's verschiedene Naturen« (Tschuang-tse, »Das wahre Buch vom südlichen Blütenland").

telemann
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