Meckels Abstecher - DER SPIEGEL
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WALSER-PREMIERE Meckels Abstecher

• aus DER SPIEGEL 50/1961
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Die Katastrophe findet nicht mehr im Saale statt«, avisierte der 34jährige »Halbzeit«-Autor Martin Walser im Programm. Was dagegen im Saale stattfand - im neueröffneten »Werkraum« der Münchner Kammerspiele-, war die erste Aufführung des ersten Stücks, das Walser geschrieben hat: »Der Abstecher«.

Immerhin charakterisierte Walsers Hinweis auf die nicht stattfindende Katastrophe ganz zutreffend im voraus die Reaktion des etwa 300 köpfigen Premierenpublikums, das am vergangenen Dienstag offenbar die Schwächen des Walser-Abstechers in die Dramatik nicht verübeln mochte. Wohlwollend akklamierten Carl Zuckmayer ("Die Uhr schlägt eins") und Bibi Johns ("Es war in der Wüste Sahara"), Hans Christian-Blech ("08/15") und Hans Werner Richter, ("Gruppe 47"), Liselotte Pulver ("Das Wirtshaus im Spessart") und Rudolf Lenz ("Der Förster vom Silberwald"), begrüßten Filmstarlets und Bühnenakteure, Fernseh-Auguren, Schriftsteller und Maler Martin Walsers halb realistische, halb absurde Komödie, deren Thematik sich nicht von Walsers Epos der bundesdeutschen Jahrhundertmitte unterscheidet.

Wie die »Halbzeit« und wie Walsers erster Roman, »Ehen in Philippsburg« (1957), handelt auch »Der Abstecher« von männlicher Infamie und von weiblichen Nöten, von zeitgenössischer Promiskuität, von beruflichen Sorgen und von gesellschaftlichem Ansehen. Ähnlich dem arrivierenden Romanhelden Anselm Kristlein in der 'Halbzeit« ist auch der arrivierte Bühnenheld Hubert Meckel des »Abstechers« ein unheilbarer Liebhaber jener Praktik, die das Gesetz als Ehebruch verwirft.

Hubert, ein Hamburger Direktor und »Herr über 37 Filialen«, ist mit seinem Chauffeur Berthold auf der Autobahn nach München unterwegs und entschließt sich plötzlich zu 'einem Abstecher nach Ulm. Er möchte alte Freunde besuchen, erklärt er seinem Fahrer, und hat alle Mühe, den allzu dienstwilligen Chauffeur endlich über Nacht zu beurlauben.

Statt zu den nicht vorhandenen Freunden geht Familienvater Hubert zu der Cafékellnerin Frieda, seiner einstigen Geliebten, die er vor vier Jahren verlassen hat und mit der er nun das Verhältnis von ehedem wiederherstellen möchte, obgleich er weiß, daß sie mittlerweile den Lokomotivführer Erich geheiratet hat. Doch Frieda ist desillusioniert und tut Huberts Tiraden mit der Bemerkung ab: »Die gleiche Routine.«

Gleichmütig nimmt auch der Lokomotivführer, als er aus dem Dienst nach Hause kommt, von Huberts Anwesenheit Kenntnis: »Freut mich doch auch, wenn Frieda so'n seriösen Freier hat.«

Im Gegenteil: Ehemann Erich reagiert ärgerlich, als ihn der Besucher zu überzeugen versucht, daß ihn Frieda nur noch »als Mensch« interessiere. »Er hat dich beleidigt«, belehrt er seine Frau, und Autor Walser, als ehemaliger Fernsehregisseur mit festen Vorstellungen von Komik versehen, läßt nun eine groteske Gruselszene folgen: Der Besucher Hubert wird vom Hausherrn Erich an einen Stuhl gefesselt, seine nackten Füße werden in eine Waschschüssel gestellt, eine elektrische Leitung ist bedrohlich nahe. Erich: »So 'ne Art elektrischer Stuhl.« Nur eine glaubwürdige Liebeserklärung an Frieda, droht Erich, könne den Filialherrn Hubert vor der Hinrichtung retten.

Am Ende kommt der gefangene Hubert aber doch frei, und Kellnerin Frieda resigniert. Sie kennt die Männer und erwartet sich nichts mehr von ihnen. »Ihr gleicht euch wie zwei Chinesen«, erkennt sie. Und: »Als Frau zahlst du drauf. Es ist ein System zu eurem Vorteil.« Beide Männer gehen für den Rest der Nacht in die Bar, zu Gesprächen über Direktors-Sorgen und Eisenbahner-Verantwortung.

Hubert, zum Abschied: »Bitte grüß Frieda. Sag ihr, wir hätten die ganze Nacht von ihr gesprochen, das wird sie freuen.«

Die Zuschauer honorierten zumindest die Formulierkunst, mit der Walser seine bescheidene Anekdote vorgebracht hat: Es gab langen Applaus, und der Kritiker Joachim Kaiser zensierte zartfühlend das »heitere, oft sehr geistreiche Mißlingen«.

Martin Walser, der seinen »Abstecher« im März dieses Jahres schrieb - »Ich wollt's halt mal probieren« -, hat, dem Trend der Schreibe-Jugend (Böll, Lenz, Andersch, Rehn) zur Bühne folgend, inzwischen noch zwei Stücke zu Papier gebracht: »Eiche und Angora« und »Das Sofa«.

Münchner »Abstecher«-Szene*

»Ihr gleicht euch...

Autor Walser

... wie zwei Chinesen«

* Antje welsgerber als Frieda, Horst Tappert als Hubert.

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