FILM Medea träumt
Ein Auf und Ab und ein Desaster machen den Anfang. Die Schwarzweißszene wurde im Super-8-Format gedreht und aufgeblasen: Zwei Liebende turteln auf einer Schaukel. Heftig schwingen sie aus einem Fensterrahmen über den Hof, zurück ins Zimmer und wieder auf den Hof hinaus. Das Lachen der Frau ist die helle Freude, die Hände des Mannes sind unmännlich hingegeben, seine Finger gelöst auf ihrer Schulter.
Die Musik, turbulente und drohende Violine, schreit plötzlich auf und bricht ab. Mit einem jähen Clash fällt das Bild in totale Schwärze. Nur eine Millisekunde lang sah es aus, als sei der Kamera schwindlig: Der Liebhaber ist von der Schaukel in den Hof gestürzt.
Beim Zusehen geht ein Ruck durch den ganzen Körper.
Der Riß hat Dea, Ula Stöckls Heldin, geweckt. Scharf wie das Abhacken der Bewegung, des Glücks wird ihr Tag werden, der mit einem Alptraum begonnen hat.
Diesen Tag und die ihm folgende Nacht macht Regisseurin Ula Stöckl, 46, zum Gegenstand ihres Films »Der Schlaf der Vernunft«. Mit einem dramatischen Kunstgriff zurrt sie darin Zeit und Raum unwirklich zusammen: Alles Entscheidende geschieht innerhalb von 36 Stunden.
So wird die Story absichtlich klischeehaft: Der Kampf der Ärztin Dea gegen einen pillenproduzierenden Pharmakonzern und gegen den eigenen Mann, der im Dienst dieses Konzerns steht, sich mit der Firmenerbin liiert und auch Deas Töchter auf seine Seite zieht - diese Geschichte zeichnet einen Mythos nach. Dea ist für Ula Stöckl eine moderne Medea, die Betrogene und Rächerin. Dea heißt aber auch »Göttin«.
Die Welt hat sich gegen die Göttin Dea verschworen, gespielt von der schönen, milvastarken Ida di Benedetto, für die Ula Stöckl das Drehbuch schrieb. Weil sie kein Deutsch kann, hat die Italienerin es auswendig lernen müssen, und ihr fremdes Sprechen erinnert an Straubs Kafka-Inszenierung.
In ihren atelierartig hellen Wohnräumen - Glas, Chrom, weiße Lampenpyramiden - agieren die Personen schutzlos, wie auf dem Theater. Die Familie, sagt Uta Stöckl, ist »ein Ort absoluter, permanenter und grausamer Indiskretion«. Selbst bei der großen Trennungsaussprache zwischen Dea und ihrem Mann ist die ganze Familie anwesend, und, etwas abseits, sogar die neue Geliebte des Mannes.
Nichts und niemand bleibt verborgen. An dieser verzweifelten Stelle bricht die Medea in Dea aus, und Ula Stöckls Mut und Können werden vollends deutlich. Immer wieder, ohne daß man die Schnittstellen bemerkte, verliert sich jetzt die Realität, verwandelt sich in Deas Träume. Sie bebildern zunächst ihr Gefangensein, dann ihre Rache.
Als Dea ihrem Mann, der neben ihr auf dem weißen Laken liegt, die Kehle durchgeschnitten hat, ist nicht klar, ob das Wunsch oder Wirklichkeit ist. Erst als Medea/Dea auf einem Erdhügel - die einzige Außenaufnahme - Töchter und Rivalin beerdigt, erkennt man den »Schlaf der Vernunft«.
Dessen Bedeutung oszilliert zwischen Goyas »Die Vernunft schläft« (und macht Ungeheuer wach) und »Schlaf ist vernünftig« (und macht ungeheuer wach). Der Film zeigt die befreiende Kraft von Deas blutigen Phantasien.
Am Schluß sitzt sie, erneut erwacht, allein in einem Sessel. »Alles ist möglich«, offenbart sie sich selbst im Flüsterton, erstaunt, als habe sie ein Rätsel gelöst. Caroline Fetscher