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MEDIZIN / EINFRIEREN Mehr Eis

• aus DER SPIEGEL 6/1967
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alfred Hitchcock, Meister des Leinwand-Schockers, hätte die Szene kaum gruseliger ersinnen können: Ein Noch-nicht-Toter auf dem Totenbett, der Totenschein schon unterfertigt. Drei Unbekannte, Sendboten einer geheimnisvollen »Tiefkühl-Gesellschaft« ("Cryonics Society"), die um den Sterbenden Eisblöcke schichten, sein Herz massieren, sein Blut abzapfen und es durch ·einen ganz besonderen, tiefkühlbaren Saft ersetzen. Zwischendurch schicken sie Norman, den Sohn des soeben -- oder auch nicht -- Verstorbenen, zum Kühlhaus um die Ecke: »Holen Sie noch mehr Eis.«

Am vorletzten Wochenende schockte diese wahre Grusel-Story, die sich im kalifornischen Glendale zutrug, Westdeutschlands Morgenzeitungsleser. Das seltsame Sterben des Dr. James H. Bedford, 73, der seinen lungenkrebskranken Körper, in der Hoffnung auf künftige Wiederbelebung und Heilung, hatte tiefgefrieren lassen, lieferte Schlagzeilen und entfachte Diskussionen.

Ein »Bild«-Leser aus Hannover prophezeite dem »Eismenschen« ("Bild") nichts Gutes: » Der wird sich wundern, wenn er tot bleibt.«

Ein Jungbürger aus Frankfurt, Protestsänger Wilfried Laurig, 25, erwärmte sich für die Eisbombe: Auch er wolle sich »gerne« für einen 50 Jahre währenden Tiefkühlschlaf »zur Verfügung stellen«. Laurig: »Dann wird die Menschheit klüger und die Welt besser sein.

Übereinstimmend bezeichneten amerikanische wie deutsche Fachgelehrte die Aussichten des kalifornischen Kühl-Helden als düster. Sie geben dem Psychologie-Professor aus Glendale, der nun in Phoenix (US-Staat Arizona) in einer (von dem Perückenmacher Edward Hope) eigens konstruierten Tiefkühlhülse wintert, keine Chance, je wiedererweckt zu werden. Dr. John Lyman, Biologe an der Universität von Kalifornien: »Was nach dem Auftauen von seinen Körperzellen übrigbliebe, gliche wohl eher einem nassen Abwaschlappen.«

Aber die Wissenschaftler räumen auch ein, daß die makabre Vision vom Tiefkühl-Tod auf Zeit und Widerruf dereinst Wirklichkeit werden könnte -- wenn die Verfahren des Einfrierens und Wiederauftauens vervollkommnet sein werden.

Bisher haben die Ärzte beim menschlichen Körper die Temperatur allenfalls um einige Celsius-Grade senken mögen -vor allem bei Operationen am Herzen oder am Gefäßsystem.

Zweck solcher Unterkühlung (Fachwort: Hypothermie) ist es, für die Dauer der Operation die Lebensvorgänge im Körper des Patienten zu drosseln. Zumal bei den empfindlichen Hirnzellen wird dadurch der Sauerstoffbedarf merklich herabgesetzt. So bleibt das Gehirn unbeschädigt, auch wenn die Blutzufuhr dorthin für einige Minuten unterbrochen wird.

Die untere Grenze für solche kurzfristige Unterkühlung beim Menschen liegt derzeit bei 21 Grad über Null. Nur im Tierversuch haben sich die Forscher in noch tiefere Kältezonen vorgewagt -- bis auf 2,5 Celsiusgrade unter Null. Bei dieser Temperatur konnten -- in den Londoner »Mill Hill Laboratories« -- Ratten und Goldhamster für maximal eine Stunde in künstlichen Winterschlaf versetzt und danach unbeschadet wieder aufgeweckt werden.

Doch die britischen Wissenschaftler erkannten bei diesen Versuchen auch die enormen Probleme des Einfrierens ganzer Organismen: Nicht nur, daß die Kühlforscher stets Sorge haben mußten, sie könnten den gefrorenen Versuchstieren die Ohren abbrechen. Bedrohlicher war, daß bei dem Experiment mehr als die Hälfte des im Gewebe aufgespeicherten Wassers zu kristallinem Eis gefror. Bei noch weiterem Absenken der Temperatur verursachten die Eiskristalle irreparable Schäden an den Zellen.

Die Bildung zerstörerischer Eiskristalle läßt sich jedoch vermeiden: Wird die Zellflüssigkeit -- schockartig -- innerhalb von Sekunden auf Tiefsttemperaturen unter 130 Minusgraden abgekühlt, so läßt sich ihr Bestreben, Kristalle auszubilden, gleichsam überlisten. Unterhalb dieser Temperaturgrenze gefriert das Wasser nicht mehr in Form von Kristallen, sondern als homogene, glasartige Masse, die in den Zellen keinen Schaden anrichtet.

Die Mediziner benutzen dieses Verfahren bereits:

* Gewebekulturen für Forschungszwecke, zum Beispiel bestimmte Krebszellenstämme, werden über Jahre hinweg im Tiefkühlfach gelagert.

* Samenzellen, etwa das Sperma von Zuchtbullen, lassen sich- tief gekühlt -- über große Distanzen hinweg transportieren und lange frischhalten. Auch menschliche Keimzellen überstehen die Kälte: Mehr als 20 Kinder, die mit Tiefkühl-Sperma gezeugt wurden, sind am Leben.

* Konservenblut, besonders von selten benötigten Blutsorten, das bislang maximal drei Wochen lang haltbar war, bleibt nach Tiefkühlung in flüssigem Stickstoff jahrelang verwendungsfähig. Eine erste Tief kühl-Blutbank wurde vor einigen Monaten in New York eröffnet.

Die nahezu unbegrenzte Lagerfähigkeit von lebenden Zellen bei Temperaturen um minus 200 Grad beruht auf der Tatsache, daß in diesem Kältebereich die Stoffwechselvorgänge in den Zellen -- und damit auch alle Zerfallserscheinungen -- annähernd zum Stillstand kommen.

Dieser Umstand war es auch, der 1964 den amerikanischen Physiker und Astronomen Robert C. W. Ettinger zu dem Vorschlag ermutigte, Menschen sollten sich kurz vor ihrem Tode in einen Gefrierschlaf versenken lassen, bis sie dereinst von Wissenschaftlern, die inzwischen Krankheit und Alter be-

* Im Film ("Unser Mann in Rio").

siegt hätten, zu neuem Leben aufgetaut würden.

Nach dem Erscheinen des Ettinger-Buches (Titel: »Die Aussicht auf Unsterblichkeit«; SPIEGEL 22/1964) gründeten sich in den Vereinigten Staaten allenthalben Vereinigungen von Tiefkühlwilligen, mit aufmunternden Verbandszeitschriften ("Freeze, Wait, Reanimate« -- »Einfrieren, Abwarten, Wiederbeleben") und Wartelisten für ernstmeinende Truhen-Anwärter.

Englands Filmkomiker Peter Sehers ließ sich vormerken, ebenso wie die Hollywood-Schauspielerin und Bing-Crosby-Partnerin Dorothy Lamour. Geschätzte Gefrierkosten pro Person, einschließlich Pensionsversicherung für ein späteres Leben: 40 000 Mark.

Frier-Pionier Professor Bedford freilich war, wie es scheint, der Entwicklung erfolgversprechender Frost-Techniken noch allzuweit voraus: Bisher haben die Wissenschaftler das unschädliche Schnellfrier-Verfahren nur bei kleinsten, ungeordneten Zellverbänden mit Erfolg verwendet.

Noch gelang nicht einmal die Tiefkühlung- einzelner Organe wie Leber oder Niere -- geschweige ganzer Organismen. Die ungemein schwierige Aufgabe, die inneren wie die äußeren Zellen eines Menschen- oder Tierkörpers buchstäblich im selben Augenblick auf Tiefstkälte herabzuschocken. konnte bislang nicht gemeistert werden.

Kühl-Propagandist Ettinger indes hat für den Professor in der Eisbombe (Münchner »Abendzeitung": »Dreimal so kalt wie Sibirien an seinen frostigsten Tagen") zumindest gedanklich einige Vorsorge getroffen.

Die Wissenschaftler, meint er, die den kalifornischen Vorkämpfer vielleicht in einigen Jahrzehnten auftauen könnten, wären vermutlich auch imstande, die handwerklichen Schnitzer der Einfrierer von 1967 wieder auszubügeln. Ettinger: »Auch die Gefrierschäden werden sich dann wie alle anderen Krankheiten reparieren lassen.«

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