KINO Mein Freund, der Baum
Es waren einmal vier Gefährten, die in den Besitz eines magischen Rings gelangt waren. Doch der brachte ihnen kein Glück. Sie wurden von den Mächten des Bösen verfolgt und gejagt. Bald wollten sie den Ring, hinter dem alle her waren, nur noch loswerden. Das ging leider nicht. Denn einer von ihnen hatte ihn auf seinen Finger gestreift und bekam ihn nicht mehr ab. Sein Name war Ringo, und seine Mitstreiter hießen Paul, John und George.
Als Ende letzten Jahres vier pilzköpfige Hobbits in »Der Herr der Ringe - Die Gefährten«, dem ersten Teil der Verfilmung von J. R. R. Tolkiens Roman-Trilogie, ihren Siegeszug über die Leinwände antraten, folgten sie den Spuren der Fab Four: Denn seit der Beatles-Komödie »Help!« (1965) hatte es keinen Film mehr gegeben, in dem ein Ring für derartige Turbulenzen sorgte.
Als Paul, John und George in »Help!« die Hatz leid waren, fragten sie sich: Braucht Ringo wirklich alle Finger, um Schlagzeug zu spielen? Warum schneiden wir den einen nicht einfach ab? Nur den Finger? Das waren noch Zeiten!
Über 30 Jahre später rollen in »Die Gefährten« Köpfe, werden Gliedmaßen abgetrennt und fliegen durch die Gegend. Wohl dem, der sein Schlachtzeug stets griffbereit hat. Wegen eines kleinen Stückchens Edelmetall treten Heerscharen des Guten und des Bösen gegeneinander an, und der Regisseur Peter Jackson erzählt in eindringlichen und sehr düsteren Bildern, wie das massenhafte Sterben dem Ring mehr und mehr Eigenleben zu verleihen scheint.
So brechen die gutmütigen Hobbits ins Reich des Bösen auf, um den Ring, der die Seele der Menschen vergiftet, in einen Vulkan zu werfen und seine Macht zu zerstören. Der Zwerg Gimli (John Rhys-Davies), der Bogenschütze Legolas (Orlando Bloom) und der Schwertkämpfer Aragorn (Viggo Mortensen) leisten den kleinwüchsigen Hobbits um ihren Helden Frodo Beutlin (Elijah Wood) im Kampf gegen übellaunige Fabelwesen wie den Orcs und den Uruk-hais Beistand.
860 Millionen Dollar spielte »Die Gefährten« weltweit an den Kinokassen ein. Damit waren die Kosten für alle drei Teile, die Jackson in einem 15-monatigen Drehmarathon gleich in einem Stück auf Zelluloid gebannt hatte, bereits amortisiert.
Selbst wenn der Regisseur das Material für die beiden Fortsetzungen komplett in den Müll geschmissen hätte, wäre das gesamte Unternehmen noch ein Erfolg gewesen. In einer so komfortablen Situation kann man schon mal was riskieren.
So ist »Der Herr der Ringe - Die zwei Türme« eine 100-Millionen-Dollar-Produktion geworden, in die normalerweise kein Hollywood-Produzent auch nur ein Zehntel dieser Summe stecken würde - so sehr ignoriert sie die Gesetze des amerikanischen Erzählkinos. Die Wege der Gefährten, die sich im letzten Drittel des ersten Teils trennen, verlaufen im neuen Film drei Stunden lang parallel: In einem Gewirr zahlloser Handlungsstränge sucht der Zuschauer verzweifelt nach einem dramatischen und emotionalen Zentrum.
Eine Zusammenfassung der Geschichte dieses Films könnte mühelos den Umfang eines Dostojewski-Romans erreichen, und das Personal ist so unübersichtlich, dass sich mancher Zuschauer wünscht, die Figuren trügen Namensschilder. Man ist sogar froh, wenn einer der Sympathieträger den Kopf verliert, weil sich das Feld dann etwas lichtet und der eigene Kopf weniger brummt. »Die zwei Türme« ist ein Passagenfilm: Seine Hauptaufgabe besteht darin, den ersten Teil mit dem dritten zu verbinden, der im Dezember nächsten Jahres gestartet werden soll.
In den ersten Minuten lässt eine Kamera, die sich ohne Unterlass bewegt, den Zuschauer die Nervosität eines Films spüren, der unruhig nach seiner Hauptfigur Ausschau hält. Ist es nicht Frodo, dessen blaue Augen jeden Bergkristall neidisch machen? Er hat den Ring und damit die Macht - aber warum ist er so weit weg, als sich der Belagerungsring um die Festung Helms Klamm, in der sich die Guten, Menschen und Elben, gegen eine Übermacht von Uruk-hais verteidigen, immer enger schließt? Der Film verliert seinen Helden aus dem Blick.
Dafür kehrt der gute Zauberer Gandalf (Ian McKellen), der im ersten Teil in den Schlund der Hölle stürzte, aus dem Reich der Toten zurück. Damit auch der letzte Zuschauer begreift, dass Tolkien Geschichten von biblischem Ausmaß erzählt, wird dieser Moment als Wiedergeburt einer Lichtgestalt inszeniert und das Publikum von grellen Strahlen fast geblendet. Doch bald darauf verschwindet Gandalf aus dem Film, wirkt wie weggezaubert und taucht erst in letzter Sekunde - Deus ex Machina - wieder auf.
Jackson musste seine wild wuchernden Handlungsstränge manchmal wohl wie mit einem Schwerthieb durchtrennen, um nicht selbst vor lauter Bäumen den Wald zu übersehen. Keiner der drei Teile sei so mühsam zu adaptieren gewesen wie dieser, räumt der Regisseur ein.
Beharrlich hatte der 41-jährige Neuseeländer sein lang gehegtes Traumprojekt in die Tat umgesetzt. Bei dem teuersten Filmvorhaben aller Zeiten, das er mit amerikanischem Geld in seiner Heimat realisierte, befehligte er mehrere Teams mit verschiedenen Regisseuren und gewaltigen Statistenheeren. Einen vergleichbaren Aufwand hatte es zuletzt wohl bei dem Kriegsfilm »Der längste Tag« gegeben, der 1962 die Landung der Alliierten in der Normandie rekonstruierte.
Beim Dreh der »Herr der Ringe«-Trilogie war Jackson ein barfüßiger Feldherr mit Vollbart und Schlabber-T-Shirt, der seine Produktion gleichwohl generalstabsmäßig durchzog. Die erste Schlacht gewann er glorreich. Jetzt hat er einen Film abgeliefert, der sich an Nebenkriegsschauplätzen zu verlieren droht.
Als gäbe es nicht genug Konfliktpotenzial zwischen den Menschen und all den verschiedenen Fabelwesen, wird mehr noch als im Buch auch die pflanzliche Natur bei der totalen Mobilmachung eingezogen. Einige der Bäume, die der böse Zauberer Saruman (Christopher Lee) verheizen lässt, um seine Waffenschmiede anzufeuern, sind - fast wie in Shakespeares Wald von Birnam - beseelte Wesen: so genannte Ents. Sie können denken, reden und trauern. Meist jedoch zaudern sie: »Ist doch nicht unser Krieg«, sagen sie mit hölzerner Einfalt. In einem Film, der »Die zwei Türme« heißt (in denen allerdings die Mächte des Bösen hausen), wirkt ein solcher Satz heutzutage recht unsolidarisch.
Doch dann kommen die Bäume, denen die Hobbits Beine machen, in eine Lichtung und sehen die gefällten Kameraden. Das bringt selbst die gelassenste Buche auf die Palme. »Ich kannte ihn von der Eichel auf«, lautet einer der großartigen Dialogsätze, und für einen kurzen Moment geht der Film dem Zuschauer wirklich unter die Rinde. Doch bevor die Bäume wieder anfangen, Wurzeln zu schlagen, möchte man ihnen zurufen: »Auf in den Kampf, ihr blöden Astlöcher!«
Das aufkeimende ökologische Bewusstsein in Tolkiens 1954 erschienener Vorlage treibt in diesem Film bizarre Blüten. In Kriegszeiten vollziehen Fauna und Flora den Schulterschluss. Das verwirrt zunächst, doch mit der Zeit drängt sich der Eindruck auf, dass die Menschen von den Pflanzen gelernt haben und sich inzwischen durch Fremdbestäubung vermehren.
Sie sind so sehr mit dem Töten beschäftigt, dass sie völlig vergessen, sich fortzupflanzen. Aragorn ist weit und breit der einzige Mann, der Interesse am anderen Geschlecht zu haben scheint, doch seine Romanze mit einem feschen Burgfräulein bleibt im Getümmel auf der Strecke.
All das wird die Fans kaum schrecken. Seit Monaten chatten sie sich im Internet die Köpfe heiß, wie gelungen der Gollum sei, eine voll digitalisierte Hauptfigur. Für sie drehte Jackson in diesem Jahr noch einige Wochen lang nach und geht nun in die Offensive: Der Gollum, zerrissen zwischen Gut und Böse, ist die erste Computeranimation mit Persönlichkeitsspaltung und führt ständig Selbstgespräche. Wer behauptet, diese Figur habe keine Seele, dem kann Jackson locker entgegnen, sie habe sogar zwei davon.
Die Werbekampagne für den Film läuft auf Hochtouren, und die Merchandising-Genies wollen gar die altmodischen Bilbo-Pfeifen, mit denen sich normale Menschen nicht einmal im tiefsten Wald erwischen lassen möchten, auch hier zu Lande unter das Volk bringen, »gefertigt in der ältesten deutschen Pfeifenmanufaktur«.
LARS-OLAV BEIER