MEINE JAHRE IM ZOO - DER SPIEGEL
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MEINE JAHRE IM ZOO

DER LYRIKER DURS GRÜNBEIN ÜBER DIE WURZELN SEINER POESIE
• aus DER SPIEGEL 3/2008
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wie wird einer zum Dichter? Was muß er tun, um in dieser unwahrscheinlichsten aller Existenzformen anzukommen, dieser »splendid isolation«, die andere einen Elfenbeinturm nennen, einer selbstgewählten, durch und durch mißlichen Lage also, in der es nie Halt gibt, immer nur die prekäre Balance der hin und wieder gelingenden einzelnen Formulierung? Ich kann nur mitteilen, wie es in meinem Fall dazu kam.

Die Dichter sind noch immer vom Himmel gefallen. Sie erscheinen nicht auf Bestellung und können weder vorhergesagt noch in Lehranstalten ausgebildet werden. Niemand wird sie, wenn sie erst einmal da sind, nach ihren Ausweispapieren befragen. Legitimation wächst ihnen im Handstreich zu durch ihre frech in die Öffentlichkeit hinausposaunten Gedichte. Nach ihren Büchern hat niemand verlangt, sie sind über Nacht einfach da, wie die Blumen des Bösen, die Grashalme, die Steine - die tausend wortgewaltigen Einsamkeiten, die plötzlich am Wegesrand auftauchen, aufschießen, dastehen.

»Ich bin Dichter« ist eine Souveränitätserklärung in Form einer Eigenermächtigung, und zuweilen führt sie zu ganz absonderlichen Autoritätsgraden. Die Schande, die ein solches Wagnis für die betroffene Familie zunächst bedeutet, hört erst dann auf, peinlich zu sein, wenn der Erwählte eines Tages selbst Gegenstand akademischer Studien wird. Der Preis solcher Narrenfreiheit aber bleibt bis zuletzt hoch. Auch wenn es sich tatsächlich um eine besonders legendäre, romantisierte Form der Freiheit und Ungebundenheit handelt, ist es nicht übertrieben zu sagen, daß sie nur mit lebenslanger existentieller Unsicherheit zu erkaufen ist.

Aus den hintersten Hintergründen meiner Erinnerung taucht eine Szene auf, in der ein kleiner Junge in Dresden eine der Elbebrücken überquert, stadteinwärts. Er geht an der Hand der Mutter und zieht einen winzigen cremefarbenen Hund auf Rädern hinter sich her, gekleidet in einen gleichfalls cremefarbenen Strickanzug, fein herausgeputzt in Kniestrümpfen und Sandalen.

Auch Dresden, eine sozialistische Großstadt in den sechziger Jahren, war festlich herausgeputzt, viele der Kriegsschäden gut überschminkt, Baulücken gefüllt mit Einheitskästen von zumeist kubischer Architektur. Nur wenn man genau hinsah, hatte die Stadt noch immer etwas von einem Gebiß aus lauter ausgeschlagenen Zähnen. Stellenweise war sie von den Fliegerbomben so

abgeräumt worden, daß da Brachflächen, riesige Parkplätze und breite Aufmarschstraßen gähnten, wo einmal das Herz einer Barockresidenz geschlagen hatte.

Der Junge aber hatte keinen Blick für die historischen Eigentümlichkeiten seiner Umgebung, sonst wären ihm die dunklen Sandsteinfassaden der Gebäude am Ufer aufgefallen, ihre zernarbten Portale und rußschwarzen Fensterhöhlen, auf den Dächern Figuren, die Engeln glichen mit versengten Flügeln und Mänteln. In diesem Moment gab es für ihn nichts Wichtigeres als das kleine flauschige Haustier, das einem ruckartig folgte, wenn man nur kräftig an der Leine zog. Etwas muß ihm aber doch seltsam vorgekommen sein, irgend etwas stimmte da nicht, wollte nicht ganz zueinander passen, wirkte merkwürdig zertrümmert, verkümmert, verhärmt. Natürlich sind Ruinen einprägsamer als die Reihen nichtssagender Betonwürfel, mit denen man damals die Wohnungsbauprogramme der Berliner Zentralregierung erfüllte. Unbeirrt von dem Synkretismus aus sozialistischen Plattenbauten, Wohnhochhäusern und Resten des im Krieg demolierten Barockmobiliars, hielt das Gedächtnis die eine freistehende Front eines alten Palais fest und dahinter das Unkrautfeld oder den Trümmerhaufen einer Kirche, von der ein zum Himmel schreiender Wandpfeiler stehengeblieben war, bewacht von einem dunklen Bronzemann im Predigergewand, der auf dem Sockel lapidar als ein gewisser Luther benannt wurde.

Später stiegen Mutter und Kind in eine der kastenförmigen Straßenbahnen und fuhren hinüber zu einem Stadtpark, der hieß Großer Garten, dort besuchte man dann den Zoo. Eine Kleinbahn führte dahin, betrieben von uniformierten Kindern, die in ihrem Kollektivstolz etwas von Kobolden und klassenbewußten Zwergen hatten; als kleine Schaffner, Lokomotivführer und Kontrolleure bedienten sie die sogenannte Pioniereisenbahn. Sie verband einen in kurvenreicher Fahrt direkt mit jenem Märchenreich, in dessen Innerem die verschiedenen Tiergehege mit ihren Bewohnern den kleinen Jungen und seinen Hund als einen der ihren begrüßten.

Daß Antilopen in Stallhäusern leben und Bären in Felsenburgen, erfuhr man erst dort. Da gab es Stelzvogelwiesen, Kanäle mit buntem Wassergeflügel, künstliche Hügel, angelegt für die Bergziegen und Gemsen, und die Stahlkonstruktion einer großen Flugvoliere, in der sich Geier tummelten, allerlei Raubvögel und

ein Andenkondor, der alles tat, um nicht mit der Bande abgerissener Kormorane, diesen Proleten auf ihren über und über mit Kot bespritzten Bäumen, verwechselt zu werden. Ein Affenhaus war da, sein Stolz die weltbekannte Orang-Utan-Zucht, und hinter einem ummauerten Graben, eben erst eingetroffen aus Afrika, döste in der sächsischen Sonne ein Paar Breitmaulnashörner. So kam es, daß ein einziger Nachmittag Säugetiere, Reptilien und Vögel von allen fünf Kontinenten versammelte, und dies nur wenige Kilometer entfernt von der eigenen Haustür.

Soviel begriff auch der Junge, daß dies Vertreter waren einer zoologischen Internationale. Schilder, die man ihm vorlas, erklärten ihm viele der Tiere als Geschenk aus den Bruderländern. Sie vermittelten ihm die Illusion eines gewaltigen geographischen Raumes mit mehreren Zeitzonen, der jedem Bürger des Imperiums zugänglich war. In einem der Käfige schlief ein Schneeleopard aus Maos großem Reich, und gleich daneben lief unruhig die Amurkatze auf und ab, ein Raubtier, das aus den Tiefen Sibiriens seinen Weg hierher gefunden hatte. Da war die Saiga-Antilope mit ihrer seltsamen aufblähbaren Staubsaugernase aus den Steppengebieten Vorderasiens, sozusagen als inoffizielles Wappentier der großen Sowjetunion eingeführt. Es gab aber auch die putzigen Hängebauchschweine aus dem fernen Vietnam, fette kurzbeinige Bonzen mit zerknautschten Gesichtern - und wenn die Kinder über sie lachten, wurde ihnen die Geschichte vom tapferen Kampf eines kleinen Bauernvolkes gegen den Riesendrachen Amerika erzählt.

Zerstreut betrachtete der Junge die Gitterzäune und Sperrgräben, das ganze ausgeklügelte System aus Betonmauern, Maschendraht und eisenbewehrten Schleusen. Daß er in einem Land lebte, das mit einer scharf bewachten Grenze und in Berlin mit einer ebensolchen Mauer befestigt war, errichtet im Jahr minus eins (die eigne Geburt als absolutes Datum gesetzt), ahnte er damals noch nicht. Nichts bemerkte er in seinem unbekümmerten Dasein von den Perversionen seiner Zeit. Auch der Anblick der vom Krieg ruinierten Stadt störte ihn kaum, wie ihn überhaupt wenig beunruhigte, denn er hatte ja seinen Hund, den er hinter sich herzog, und seine Mutter, eine junge lebenslustige Frau mit ihrer imposanten Duttfrisur, die sie über alle Frauen und Mütter ringsum turmhoch hinaushob.

Das erste Prickeln im Umgang mit den Wörtern, ihren Brausepulvergeschmack auf der Zunge, habe ich am Wohnzimmertisch meines verstockten Großvaters kennengelernt. Jedes Jahr in den Sommerferien schickte man mich ins thüringische Gotha zum väterlichen Zweig der Familie, wo es dann mit der Großmutter die immergleiche Runde durch die herzogliche Orangerie gab zum Schloß hin und mit dem Großvater den Nachmittag als Spaziergang zum Bahnhof (an dem man mich bei meiner Ankunft aus Dresden bereits abgeholt hatte, aber das gehörte zu den Tautologien eines beschaulichen Kleinstadtlebens). Wenn es nicht der Bahnhof war und ich nicht zwischenzeitlich die Flucht ergriff in das einzige, gutsortierte Briefmarkengeschäft der Stadt, nahm er mich in den Stadtpark mit zu den Musentempeln und Teepavillons, die alle funktionslos dort unter Trauerweiden und hundertjährigen Buchen herumstanden. Als Belohnung folgten dann immer die obligate Bootspartie und das unvermeidliche Füttern der Schwäne.

Dieser erstaunliche Mann, der nach dem Krieg jahrzehntelang als Kellermeister in der ehemaligen Cinzano-Weinfabrik tätig war (so die Familienlegende) und als der heimliche Erfinder des einzig soliden Wermutgetränks des Landes galt, das in verdächtiger Echolalie den Namen »Gotano« trägt, war im Alter schwer lungenkrank. Bei aller Gebrochenheit war er aber doch nicht gebrechlich und pflegte die verschiedensten harmlosen Spleens.

Jeden Nachmittag wurde der große Eßtisch im Wohnzimmer freigeräumt, und dann faltete er zunächst aus losen Bögen von Zellstoffpapier Taschentücher, die er für seine gräßlichen Hustenanfälle benötigte. Nachdem mehrere dieser weißen Stapel errichtet und beiseite geschafft waren, kam der Höhepunkt all seiner Rituale: die Ausbreitung von Kladden und Notizbüchern. Denn mein Großvater war einer dieser namenlosen Geistesarbeiter, denen die Tageszeitungen ihre Kreuzworträtsel verdankten. Sein Material waren Lexikonworte, seine Kunst war die Kombinatorik, und er handhabte sie offenbar so geschickt, daß die Redakteure des ganzen Landes bei ihm ihre frischen Kreuzworträtsel bestellten.

Er, der nach Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft gegen alles eingestellt war, was auch nur entfernt nach Parteichinesisch, sozialistischer Propaganda roch, fand nichts dabei, einer Zeitung, die »Das Volk« hieß, mit Wochenendunterhaltung zu dienen. Es muß ihm ein grimmiger Trost gewesen sein, die Leser anonym, vorbei an den Leitartikeln, Produktionsrekordmeldungen und Bruderkußfotos mit dem einzigen Stoff zu versorgen, der sie wirklich verlockte, weil er ihnen das Selberdenken erlaubte.

Wahrscheinlich war diese simple Knobelei - 5 waagerecht: deutscher Dichter, von Karl Marx verehrt, Verfasser der »Loreley«, 6 senkrecht: blutsaugendes Gespenst im rumänischen Volksglauben - die einzige Freiheit innerhalb einer gleichgeschalteten Presse. Jedes Wurstblatt wurde von einem Stab von Zensoren kontrolliert. Nicht, daß er irgend etwas Verbotenes eingeschmuggelt hätte, es genügte ihm, das eine Prozent frei verschiebbarer Lettern in einer zu 99 Prozent fixierten, verknöcherten Textlandschaft unterzubringen. Auch bei ihm waren die Wörter hinter Gitter gesteckt, doch konnte man sie dort nun in ihrer Isolation wie seltene Tiere betrachten. Überraschend kontextlos, zeigten sie sich von ihrer besten, das heißt exotischsten Seite. So lernte ich sie denn alle kennen, die Komponisten und die Olympiasieger, die Opern und Orchideen, Austerlitz und das Pleistozän, den ganzen Reigen von Absonderlichkeiten aus Fauna und Flora, vielmehr: Ich behielt bis auf weiteres ihre Namen im Gedächtnis. Noch ehe ich darüber nachdenken konnte, hatte mich Großvater in ein universelles Memory-Spiel verwickelt, freilich eines ganz ohne Karten, bei dem man sich den Rest dazudenken mußte, die Bilder und die Symbole. Und wie gesagt, da war sofort dieses elektrisierende Prickeln, ein Sinn für das Appetitliche an den Wörtern. Bis heute signalisiert es mir: Achtung, das Wunder der Erstbenennung ist nah, am Anfang war das Wort, wie die Bibel sagt.

Bis heute macht es mich kribbelig, reißt mich heraus aus dem Tiefschlaf der Sprache. Das einzelne Wort als nervlicher Knotenpunkt im großen Kreuzworträtsel des Unbewußten, das war es, was mich mit einem Schlag aufweckte und neu empfänglich machte für die Welt und ihre tausendfältigen Erscheinungen, soweit Sprache sie zu erfassen vermochte. Es war der Beginn einer namenlosen Erregung, von der ich glaube, daß sie geradewegs in die Dichtung führte.

* Während der 9. Arbeiterfestspiele im Juni 1967.

durs grünbein über seine kindheit, die wurzeln seiner poesie
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