»Meine Nacktheit ist ein Spiel« - DER SPIEGEL
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STARS »Meine Nacktheit ist ein Spiel«

Die australische Sängerin Kylie Minogue, 35, über ihren Überdruss an Sex-Darstellungen in der Popwelt und ihr neues Werk »Body Language«
• aus DER SPIEGEL 46/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Ms Minogue, Sie sind seit mehr als zwanzig Jahren im Showgeschäft und galten noch vor kurzem als absolut abgemeldet. Erstaunt es Sie selbst, dass Sie nun seit dem Song »Can''t Get You Out of My Head« wieder bestens im Rennen sind?

Minogue: Es war schon ein besonders toller Sieg, weil ich ihn mehr genießen konnte als alle früheren. Als ich meine Karriere begann, galt ich als Pop-Püppchen - und ich war tatsächlich ein Püppchen, das staunend die Musikindustrie bewunderte. Heute weiß ich, was mein Erfolg wert ist: gerade weil mich ein Großteil dieser Industrie endgültig abgeschrieben hatte.

SPIEGEL: Haben Sie gelitten, als Ihre Karriere zu Ende zu gehen schien?

Minogue: Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass es mir gleichgültig war. Die zwei, drei Jahre, als bei mir nicht viel lief, hat es enorm geholfen, einfach auf Tournee zu gehen. Konzerte sind anstrengend, aber auch eine angenehme Art, den Problemen zu entkommen.

SPIEGEL: Nach Ihrem triumphalen Comeback mit dem Album »Fever« erscheint nun nächste Woche Ihr neues Werk »Body Language«. Ist der Titel als eine Art Flucht nach vorn zu verstehen, da Ihnen oft nachgesagt wird, dass ein großer Teil Ihres Erfolgs dem effektiven Einsatz Ihres Körpers zu danken ist?

Minogue: Das könnte man wohl so sagen. In fast jeder Geschichte über mich und in fast jedem Interview geht es irgendwann um meinen Körper. Als wir über den Titel des Albums diskutierten, war ich mir lange nicht sicher, ob das nicht ein Eigentor wird. Schließlich lenkt er noch mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema, das mir zum Hals raushängt.

SPIEGEL: Warum haben Sie sich den Titel dann angetan?

Minogue: Weil ich Profi genug bin, um zu kapieren, dass es auch ein verdammt cooler Titel ist. Und glauben Sie mir, natürlich weiß ich, wie wichtig mein Äußeres für meine öffentliche Wahrnehmung ist. Aber das gilt doch für jeden Menschen. Für Sie oder den Pförtner unten im Haus genauso wie mich.

SPIEGEL: Sie setzen Ihren Körper anders ein als der Pförtner oder ich.

Minogue: Klar, ich bin ganz besonders ausdrucksintensiv, wenn Sie so wollen. Und meine Körpersprache verändert sich ständig. Von dem Videoclip für »Can''t Get You Out of My Head« ...

SPIEGEL: ... wo Sie sehr effektiv mit einem Nichts von Tuch bekleidet auftreten ...

Minogue: ... bis zum Videoclip zu meiner neuen Single »Slow« hat sich doch sehr viel an meinem Körpervokabular verändert.

SPIEGEL: Nicht auf den ersten Blick. Sie räkeln sich in »Slow« im knappen Kleidchen zwischen Männern in Badehosen. Was ist daran neu?

Minogue: Das ist doch ein gewaltiger Schritt zurück! Ich liege da einfach rum und tue nichts besonders Aufreizendes. Ich sehe einfach sehr gut dabei aus, oder etwa nicht? Ich wage sogar zu behaupten, dass ich mit solchen harmlosen Bildern gegen den anschwellenden Strom der Pop-Erotik schwimme.

SPIEGEL: Sind Sie nicht im Gegenteil geradezu mitverantwortlich dafür, dass in vielen Musikvideos der letzten Jahre die Grenze zur Pornografie verwischt wurde?

Minogue: Nein. Ich sehe da markante Unterschiede. Wenn ich mir manche HipHop-Videos anschaue, bin ich so entsetzt wie meine Großmutter und denke: Oh Gott, was treiben die denn da Ekliges? Auch in der Werbung und auf den Titelbildern von Lifestyle-Magazinen stelle ich eine Pornografisierung der Popkultur fest, die mich befremdet. Mein Ideal von Erotik ist eher Brigitte Bardot, wie Sie am Cover meiner neuen Single sehen. Die war in den sechziger Jahren kokett und total Rock''n''Roll. Was mich betrifft, ein perfektes Ideal.

SPIEGEL: Verdrängen Sie da nicht all jene Strip-Bilder Ihrer Karriere, die der in Deutschland gerade erschienene Prachtband »Kylie - la la la« genussvoll ausbreitet*?

Minogue: Darüber kann ich nur lachen. Dass ich mal ein sehr eng sitzendes goldglitzerndes und knappes Höschen trage, ist gegen vieles, was

heute so im Musikfernsehen läuft, Kinderkram.

SPIEGEL: Warum sollte es bei Ihnen harmloser sein, wennSie viel nackte Haut zeigen, als bei Ihren Kollegen, die das ähnlich angehen?

Minogue: Das ist natürlich schwer zu erklären. Aber ich glaube, meine Art von Darbietung ist harmloser, weil meine Nacktheit ein Spiel ist. Sie ist nie bedrohlich. Nie finster. Ich habe bei allem, was ich anfange, eine Leichtigkeit. Ich bin eine freundlich schnurrende Katze in einer Popwelt, in der alles immer verbissener wird.

SPIEGEL: Was finden Sie so verbissen?

Minogue: Schauen Sie sich doch die ganzen Talentshows im Fernsehen an. Ich will hier jetzt nicht vom hohen Ross herab moralisieren, und ich weiß, dass ich selbst über den Umweg der Schauspielerei zur Popmusik gelangt bin, aber mit dieser Form von Unterhaltung habe ich nun wirklich nichts gemein.

SPIEGEL: Wessen Körpersprache hat Sie beeindruckt, als Sie aufwuchsen?

Minogue: Mit zehn hat mich Olivia Newton John in ihrem hautengen Outfit, das sie im Film »Grease« trug, in totale Ekstase versetzt. Mit meiner Schwester Dannii und meinem Bruder in der John-Travolta-Rolle haben wir im Keller stundenlang den »Greased Lightning«-Tanz, die Nummer um das Auto herum, geprobt. Ansonsten war Abba natürlich enorm wichtig.

SPIEGEL: Welches von den Mädchen gaben Sie vorm Schlafzimmer-Spiegel?

Minogue: Agnetha - weil die blond war.

SPIEGEL: Sie haben mit Ihrer letzten Platte erreicht, wovon die meisten Ihrer Kollegen in Europa träumen: den großen Durchbruch in Amerika. Ziehen Sie demnächst nach Los Angeles oder New York um?

Minogue: Nein. Bei allem Respekt vor den USA und ihren Bewohnern: Es genügt mir vollkommen, da im Urlaub hinzufahren. Im Slang der Musikindustrie heißt es ja wortwörtlich, dass man Amerika »knacken« muss. Und knacken heißt, in den Alltag übersetzt, noch viel mehr brutal harte Arbeit - und davon habe ich an meinem jetzigen Wohnort London im Augenblick genug.

SPIEGEL: Neil Tennant von den Pet Shop Boys hat über Sie gesagt, dass Sie bei all Ihrem Ruhm doch »ein Rätsel« geblieben seien und dass man im Gegensatz zu Ihrer Kollegin Madonna eigentlich nichts über Sie wisse. Fühlen Sie sich von den Klatschblättern vernachlässigt?

Minogue: Nein, wirklich nicht. Aber das Schöne an all den Geschichten, die über mich geschrieben werden, ist doch, dass die allerwenigsten stimmen. Und manchmal sind diese Märchen auch sehr lustig. Kürzlich behauptete irgendwer, man höre am Anfang meiner Platte, wie ich ein Stück Toast esse, bevor ich zu singen beginne. Wie kommen die bloß auf solchen Blödsinn? INTERVIEW: CHRISTOPH DALLACH

* William Baker, Kylie Minogue: »Kylie - la la la«. RockbuchVerlag, Schlüchtern; 224 Seiten; 19,80 Euro.

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