Meistermixer aus Bückeburg - DER SPIEGEL
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POP Meistermixer aus Bückeburg

Der deutsche Discjockey Timo Maas bastelte einen Club-Hit und durfte für Madonna arbeiten. Nun präsentiert er sein eigenes Album.
Von Jörg Böckem
• aus DER SPIEGEL 2/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Anfang September, ein paar Tage vor den Anschlägen aufs World Trade Center, trat er im »Centro-Fly« in New York auf. Der Club, einer der angesagtesten der Stadt, war komplett gefüllt, doch draußen auf der Straße warteten noch anderthalbtausend Menschen auf Einlass - keine Chance, die ausgesperrten Tanzfans mussten nach Hause gehen.

In Südafrika haben sie ihn kürzlich drei Tage lang mit einem Privatjet von einem Club zum nächsten geflogen. In Australien sorgte er ebenso für überfüllte Tanzflächen wie in den USA, wo er zudem in einem Amphitheater zusammen mit seinem Soundbastler-Idol Moby Platten auflegte.

»Die letzten zwei Jahre waren völlig absurd«, sagt Timo Maas, 32, »und so was von weit weg von dem, was ich bisher unter normalem Leben verstanden habe - unglaublich krass, unglaublich beeindruckend und unglaublich erschreckend.«

Gerade deshalb sei es ihm wichtig, so Maas, zwischen all den stressigen Reisen in alle Welt in seine Heimatstadt Bückeburg zurückkehren zu können: »Wenn ich nach so einer Wahnsinnstour nach Hause komme, das Ortsschild sehe und meinen Nachbarn, der sich wie immer darüber aufregt, dass ich zu schnell auf den Hof gefahren bin, dann ist das schon ungemein beruhigend«, sagt er. Mit seiner Freundin, einer gelernten Zahnarzthelferin, lebt er bis heute in der 21 000-Einwohner-Stadt, 64 Kilometer südwestlich von Hannover.

Richtig los ging es mit Maas' Karriere erst vor gut zwei Jahren. Damals schuf er eine Remix-Version von Azzido da Bass' »Dooms Night« - und aus dem Song wurde der Dancefloor-Überraschungshit des Jahres 2000: In aller Welt legten DJs das Werk des Deutschen auf, die Platte verkaufte sich eine halbe Million Mal.

In England und Deutschland wurde Maas zum DJ des Jahres gekürt, amerikanische Journalisten verglichen seinen Einfluss auf die elektronische Musik mit dem legendärer Größen wie Kraftwerk oder Giorgio Moroder - vor allem aber meldete sich der amerikanische Pop-Megastar Madonna bei Maas und seinem Partner, dem Produzenten Martin Buttrich: Die beiden durften den Remix der Madonna-Single »Don't Tell Me« besorgen.

»Für Madonna zu arbeiten ist das Größte, was dir als Remixer passieren kann«, berichtet Maas, »sie ist bis heute der wichtigste Trendsetter und der erfolgreichste Popstar der Welt - und das überzeugt Leute in der Musikwelt, denen Erfolge in der Dance-Szene sonst kaum was bedeuten.«

Fast alle Angebote, nun auch die Stücke anderer Stars wie Britney Spears, der Backstreet Boys, von 'N Sync oder Spice Girl Melanie C zu veredeln, lehnten die beiden jungen Deutschen allerdings ab. Stattdessen arbeiteten sie nur für wenige Auserwählte wie Fatboy Slim, Garbage oder die schöne US-Sängerin Kelis und feilten lieber an ihrem ersten eigenen Album: Das Timo-Maas-Werk »Loud«, auf dem auch Kelis und Finley Quaye mitsingen, erscheint Anfang März, die zugehörige Single »To Get Down« in dieser Woche.

Für das britische Magazin »Mixmag«, ein Zentralorgan der Club-Szene, ist die Arbeit des Discjockeys Maas bereits »die größte Sache, die der modernen Tanzmusik seit Erfindung der Beine passiert ist«. Trotz der schweren Bässe, die seine Elektronik-Mixturen vorantreiben, sind die meisten seiner Stücke packend und vor allem melodiös.

Schon als Zehnjähriger hatte er auf die übliche Was-willst- du-mal-werden-Frage erwidert, den Beruf des DJs anzustreben. Ehrgeizig arbeitete er an seiner Karriere: Mit 13 Jahren legte er zum ersten Mal bei Partys auf, mit 15 betrieb er zusammen mit einem Freund eine mobile Disco und beschallte Schulfeste. Ende der achtziger Jahre stieg er von Popmusik auf Techno um und versuchte, sich in Großstadt-Clubs zu etablieren. Vergeblich. Frustriert gab er Anfang der neunziger Jahre wieder auf. »Bückeburg ist eben nicht Hamburg«, sagt Maas, »wenn du aus der Provinz kommst, hast du in der Club-Szene einen schweren Stand.«

Da schien es ihm vernünftiger, nach der Ausbildung zum Kommunikationselektroniker auf Sicherheit zu setzen: Nach der Lehre arbeitete er in einem Telekom-Laden in Hannover, verkaufte Handys und Telefonanschlüsse - und nahm in Hamburg dann doch wieder seine DJ-Karriere in Angriff. Dieses Mal hatte er mehr Glück: Er konnte an den Wochenenden im Hamburger Techno-Club »Tunnel« auflegen.

Vielleicht wäre er ewig Hobby-DJ geblieben, doch die Telekom baute Arbeitsplätze ab, und Maas nutzte die Gelegenheit, von nun an eben Vollzeit-DJ und Remixer zu sein. Tatsächlich engagierten ihn bald auch besonders wählerische britische Clubs, und Maas mixte Stücke zusammen, die immer mehr andere DJs spielten.

Inzwischen ist Maas fast dauernd unterwegs; für seine eigenen Produktionen hat er sich ein Tonstudio in Hannover eingerichtet. An den Tagen, die er noch in der niedersächsischen Provinz verbringt, bereitet der Hobbykoch gern aufwendige Menüs für seine Freunde zu. Seine Leidenschaft für guten Wein und gutes Essen ist ihm mittlerweile durchaus anzusehen - und hilft ihm doch, die langen Nächte hinterm DJ-Pult durchzustehen. JÖRG BÖCKEM

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