KRIMIS Melancholischer Moralist
Ein wenig wirkt der Mann wie ein skandinavischer Bruder von George Clooney: Erik Winter ist groß, kantig, gut aussehend; seine Haare aber sind blond. Er ist Mitte 30, trägt teure Anzüge, liebt Jazzmusik, und selbst bei Action-Einsätzen umweht ihn ein Hauch von Melancholie und Schweigsamkeit.
Erik Winter ist Kriminalkommissar in Schweden. Anders als sein Kollege Kurt Wallander, der Held des Bestsellerautors Henning Mankell, tritt er nicht in einem schwedischen Provinznest zur Verbrecherjagd an, sondern in der Stadt Göteborg. Und dort ist er seinem Erfinder Åke Edwardson, 47, offenbar zu einem guten Vertrauten geworden: »Hier geht Erik Winter gern schwimmen«, sagt Edwardson und zeigt auf eine schöne Bucht südlich der Stadt.
Vier Fälle hat Edwardson seinen attraktiven Kommissar bisher lösen lassen - und brachte es mit seinen Romanen in Schweden zu Auszeichnungen und einer Gesamtauflage von weit über 300 000 Stück, zu Übersetzungen in zehn Sprachen und zum Verkauf der Filmrechte.
Der erste Erik-Winter-Krimi, »Tanz mit dem Engel«, erschien in Deutschland vor einem Jahr noch als Taschenbuch. Nun aber zielt der Verlag mit dem zweiten Edwardson-Werk auf den Hardcover-Markt: In »Die Schattenfrau« geht es um eine erdrosselte Frau, deren Identität nicht zu ermitteln ist*. Die Obduktion des Opfers immerhin ergibt, dass sie ein Kind zur Welt gebracht hat. Niemand scheint die Frau zu vermissen, Winter kommt nicht weiter. Schließlich meldet sich eine alte Nachbarin der Toten und bringt ihn auf eine Spur.
Die Geschichte, mit Rückblenden clever und spannend erzählt, ist verwickelt und zwingt den Leser zur Konzentration. Es vergeht allerhand Zeit, bis der Kommissar und seine Leute entdecken, dass sich ein
außergewöhnliches Schicksal hinter dem Fall verbirgt, dass alte Rechnungen, Familiengeheimnisse und schuldhafte Verstrickungen mit dem Mord verbunden sind.
Edwardsons Held geht voller Mitgefühl und Anteilnahme vor, er leidet an den Menschen, an ihrer Verkommenheit, ihrer Gleichgültigkeit, ihrer Habgier. »Winter ist sensibel, soll aber keine leidenschaftlichen Moralplädoyers abgeben«, sagt Edwardson. Das fände er zu aufdringlich.
Wie Henning Mankell legt Edwardson Wert darauf, dass sein Held eine Entwicklung durchmacht, dass er reifer wird, sich verändert. Das alles möglichst realistisch, nicht im Schweinsgalopp. »Wie im richtigen Leben eben«, sagt Edwardson, wo Entwicklungsschritte ja meistens nach dem Motto liefen »zwei Schritte vor, drei zurück«.
Ein bisschen mehr Geselligkeit und Frohsinn sind dem sympathischen Moralisten Winter zu gönnen: Er hat Probleme mit anderen Menschen. Freunde trifft er nie, er hat kaum Kontakt zu seinen Eltern, die in Marbella leben, er sieht seine Schwester und deren Kinder selten, seine Freundin, eine Ärztin, hält er auf Abstand.
Wortkarg, voller Selbstzweifel, ganz mit dem Fall beschäftig, ist Winter oft unfähig, sich zu entspannen. Dann lauscht er der Musik von John Coltrane, denn sie hilft ihm beim Denken. Seinen Kollegen geht seine Schweigsamkeit manchmal gehörig auf den Wecker, aber, verteidigt Edwardson ihn, »warum muss man immerzu quatschen?«
Winters Freundin passt diese Distanzierungssucht nach einer Weile nicht mehr, im zweiten Roman stellt sie ihn vor die Alternative: entweder eine gemeinsame Wohnung oder Trennung.
Edwardson meint, die innere Haltung seines Kommissars sei typisch für Männer. »Er ist ein anständiger Kerl, er ist engagiert, aber er hat Angst, Verantwortung für sich und sein Dasein zu übernehmen.« Immerhin lernt Winter dazu: Im dritten Band macht ihn seine Freundin sogar zum Vater.
Edwardsons Sprache ist knapp und schnörkellos, die Dialoge sind stimmig und treiben die Handlung voran, in beiden Romanen finden sich atmosphärisch packende Szenen und daneben kritische Schilderungen des sich wandelnden Wohlfahrtsstaats Schweden. Der Krimi ist - einmal mehr - ein Abbild der Gesellschaft.
In diesem Genre, sagt der Autor, könne man viele unterschiedliche Milieus erforschen, denn: »Verbrechen und Mord gibt es in jeder Gesellschaftsklasse.«
ANGELA GATTERBURG
* Åke Edwardson: »Die Schattenfrau«. Aus dem Schwedischen vonWolfdietrich Müller. Claassen Verlag, München; 528 Seiten; 44 Mark.