FERNSEHEN / Telemann MENSCH BLEIBEN
Kaum war der erste Filmteil ins deutsche Bewußtsein gesickert, meldete dpa ein Geschehnis aus Brackwede bei Bielefeld: »Nach dem Vorbild der britischen Posträuber baten am Mittwochabend ... zwei 'Gentlemen' zur Kasse. Sie überfielen einen Geldtransport und erbeuteten 40 000 Mark.«
Entrüstung über den Drehbuchautor Henry Kolarz und das Norddeutsche Fernsehen wollte Telemann ergreifen, denn noch einen Tag vor der TV-Premiere hatte Landeskriminaldirektor Wenzky vom nordrhein-westfälischen Innenministerium vor Journalisten erklärt, Fernseh-Krimis verdürben zufolge ihrer »Infektwirkung« den Volkscharakter, regten den sittlich Ungefestigten an zu ausgeklügelter Missetat. Doch der Rest der Agentur-Meldung zügelte seinen und sicherlich auch des Kriminaldirektors Zorn: Die »maskierten Männer« (lächerliche zwei Personen!) hatten Pistolen gezogen und ihre Opfer gezwungen, »die Geldkassetten in das Räuber-Auto einzuladen«.
Jeder Fernsehfreund weiß inzwischen: Ein richtiger Posträuber -Epigone enträt nicht
nur der Schußwaffe, er legt als good sport auch selbst mit Hand an, wenn es Beute fortzuschaffen gilt, und, vor allem, er verschleißt sein Ingenium nicht an Bagatellsummen.
Nein, der Kolarz-Trilogie »Die Gentlemen bitten zur Kasse« (NDR, 8., 10. und 13. Februar) wohnt kein böser Anreiz inne; anders als jener Francis-Durbridge-Beschickung, welche voreinst bewirkte, daß mehrere gemütsame Mitbürger zwecks Entleibung ihrer Liebsten keinen perlonstrumpf, sondern ein Halstuch wählten.
»In Deutschland«, sagte Henry Kolarz zur Münchner »Abendzeitung«, »gibt es keine Gangster dieses (Posträuber-)Formats. Der Plan ist unwiederholbar, schon weil die Geldtransporte in Deutschland ganz anders gehandhabt werden.«
Dergestalt beschwichtigt, darf sich Telemann ganz der Erinnerung an das Geschaute hingeben.
Was waren das für erhebende 240 Minuten! Wie müssen sich unsere Provinz-Ganoven angesichts Planung und Ausführung dieses »ungeheuerlichen Affronts gegen den Generalpostmeister Ihrer Majestät« geschämt haben! Geldgier? Arbeitsscheues Gesindel? Unterweltsgelichter? - Gefehlt.
Kunstsinnige Herren des gehobenen Mittelstandes, ein wenig vorbestraft, nun ja, aber doch erfolgreiche Geschäftsleute, liebevolle Väter und Gatten üben sich in all den Tugenden, die auch in einer pluralistischen Gesellschaft immer noch Gültigkeit haben: Kameradschaft, Freundestreue, Ritterlichkeit, Disziplin, Großmut, Pünktlichkeit.
Wie strahlend verkörpert dieser Major Michael Donegan (Horst Tappert), mit authentischem Namen Reynolds, den zivilen Nutzen gründlicher militärischer Ausbildung, wenn er beherrschten Auges Einsatzbefehle widerruft, Strohwitwen und Waisen Renten zuerkennt, sittliche Wertungen vornimmt ("Wenn nur alle so wären wie du!") oder Obsorge trifft für seiner Miträuber freizeitliches Wohl. Welch entsetzlicher Augenblick für das Publikum, als er durch einen dummen Zufall beinahe dem Kommissar MacLeod (Siegfried Lowitz) ins Netz geht!
Und welche Schmach, mitzuerleben, wie eine gewisse Inge Masterson (Kai Fischer), authentisch: Karin Field, als einzige schlappmacht, sich nicht entblödet, 10 000 Pfund Schweigegeld zurückzuweisen, ja, in ihrer Angst, als Mitwisserin verknackt
zu werden, den einfachsten Gesetzen der Gastfreundschaft hohnspricht. Eine Deutsche, erfährt man ("Diese Deutschen sind unberechenbar"). Hier wird die volkserzieherische Wirkung des Filmdokuments ernstlich in Frage gestellt.
Freilich, solch kleine moralische Entgleisung innerhalb der Illegalität
- verschuldet nicht vom Autor, vielmehr von der historischen Wahrheit
- verdüstert kaum das Hauptanliegen der Trilogie, wie es Telemann versteht: den Appell an die Menschlichkeit.
»Tut mir schrecklich leid, Kamerad!« sagt Posträuber Archibald Arrow (Günther Neutze), dieweil er dem Lokführer eins über den Schädel gibt. Und nach einer Weile: »Geht es Ihnen besser?«
Dies zusammen mit dem Umstand, daß ein Gentleman-Bandit sein Schlaginstrument dick mit Isolierband umwickelt, darf schon im Hinblick auf - eine progressive Humanisierung auch unserer Kriminalität nicht unterschätzt werden.
Sollte der deutsche Gesetzesbrecher aus der Serie gelernt haben, daß man mit Brutalität allenfalls Rentnerinnen-Handtaschen, nicht aber 30 Millionen erwerben kann, und sein künftiges Handeln den Gesetzen des Edelmuts unterwerfen, hätte sich der Norddeutsche Rundfunk um das Vaterland verdient gemacht.
Kolarz