Messeschwerpunkt Polen: Die Stille nach dem Sturm
Knapp, 36, lebt als Schriftsteller in Wien. Der gebürtige Pole veröffentlichte zuletzt »Herrn Kukas Empfehlungen« (Piper). -------------------------------------------------------------------
Als 1996 Wislawa Szymborska den Nobelpreis bekam, warnte mich ein befreundeter Lektor: »In spätestens zwei Jahren weiß man nur, dass sie bei Suhrkamp ist und einen unaussprechlichen Namen hat.« Nun, wie viel weiß der deutschsprachige Leser von der polnischen Literatur wirklich? Da war Andrzej Szczypiorski, der Vorzeigeautor mit fabelhaften Deutschkenntnissen und einem Bestseller »Die schöne Frau Seidenman«. Da ist die ins Reich-Ranicki-Reich aufgenommene und literarquartettisch zärtlich umsorgte Hanna Krall. Und da gab es noch Józef Korzeniowski, besser bekannt als Joseph Conrad, und Witold Gombrowicz. Allerdings schrieb der Erste auf Englisch, und der Zweite verlebte die meiste Zeit im Exil und starb im sonnigen Südfrankreich.
Dieses Jahr, Frankfurt sei Dank, könnte einiges anders werden. Polen stattet Deutschland einen literarischen Besuch ab, nach dem so mancher unaussprechliche Name zu einem salonfähigen Zungenbrecher aufsteigen könnte. Wislawa Szymborska hat es bereits geschafft. Deshalb wird die Dichterin, die von sich behauptet, »wenn mehr als fünf Leute um mich herumstehen, verliere ich die Übersicht«, in Frankfurt als Ehrengast auftreten. Ihr zur Seite wird der zweite Nobelpreisträger Czeslaw Milosz stehen, der bereits von der deutschsprachigen Übersetzung seines letzten Werkes ("Hündchen am Wegesrand«, Hanser) schwärmt. Dass beide Nobelpreisträger Poeten sind, ist kein Zufall. Den Polen, klammheimlichen Revoluzzern und Liedermachern, liegt die Poesie nun mal im Blut wie den amerikanischen Profis das Basketballspielen.
Es wird kurzfristig auf deutschem Boden von Dichtern nur so wimmeln, von denen einige, wären sie Deutsche, schon längst den Büchner-Preis bekommen hätten. Allen voran ist die Szymborska-Freundin Ewa Lipska zu nennen, von der gemunkelt wird, dass sie eines Tages ihre Nachfolgerin im Erringen schwedischer Lorbeeren werden könnte. Dann Adam Zagajewski, der neben seiner Arbeit noch Zeit findet, amerikanischen Studenten das Schreiben beizubringen; er wird sich auch für das deutsche Publikum Zeit nehmen müssen.
Zbigniew Herbert, vielleicht der größte polnische Dichter dieses Jahrhunderts, ist im vorletzten Jahr verstorben; was seinen Verehrern bleibt, ist also nur die Lektüre seines Werkes. Dasselbe gilt für die unter dramatischen Umständen frühzeitig verstorbene Halina Poswiatowska. Ihren einzigen Roman »Erzählung für einen Freund« stellte sie erst ein paar Monate vor ihrem Tod fertig, er ist gerade auf Deutsch erschienen (siehe Seite 200).
Es ist ein offenes Geheimnis, dass Polens Literatur in zwei ungleiche Lager geteilt ist. Dem Riesen Lyrik steht eine Hand voll bedeutender Prosaisten gegenüber. Aber ausgerechnet deren erfolgreichster wird nicht anwesend sein. Stanislaw Lem, dessen Bücher weltweit die Auflage von 30 Millionen erreicht haben, bleibt in Krakau, um sich die »Buchmesse im Fernsehen anzuschauen«. Anwesend werden seine Bücher sein. Sein charmantester Klassiker »Robotermärchen« gehört zu jenen Werken, die Generationen von Polen zuerst als Kinder mit der Taschenlampe unter der Bettdecke und dann noch mal als Erwachsene unter dem Schreibtisch im Büro gelesen haben. Die Geschichte von einem Wesen namens »Bleichling«, der verglichen mit den wohlproportionierten und glänzenden Roboterkörpern wie »ein ekelhafter Klumpen aus Lehm und Erde« dasteht, ist eine Metapher, die noch immer keinen Rost angesetzt hat.
Anders als Lem hat Ryszard Kapuscin ski, der Reiseschriftsteller und Journalist, der in Afrika und Lateinamerika schon mehrmals knapp dem Tode und einmal einem Exekutionskommando entgangen war, die Reise nach Frankfurt nicht gescheut (siehe auch das Interview Seite 176). Sein Klassiker »König der Könige« hat ihn in den achtziger Jahren weltberühmt gemacht. Kapuscin ski recherchierte ein Jahr lang unter den Untergebenen des äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Heraus kam das Porträt eines Machtbesessenen, von dem man annehmen könnte, er hätte das Herrscherhandwerk bei Kafka gelernt, wäre nicht der einst mächtigste Mann Afrikas ein Feind alles Geschriebenen gewesen.
Dass jedoch ausgerechnet im Jahr des Polenschwerpunkts solche Aushängeschilder wie die vor kurzem verstorbenen Gustaw Herling und Andrzej Szczypiorski fehlen werden, hängt wie ein böses Fatum über der polnischen Literatur. Polens Prosa blutet aus. Und sie blutet aus mehreren Wunden.
Seit der gelernte Elektriker Lech Walesa den Kommunismus kurzschloss und Polen den Weg zur Demokratie ebnete, entscheiden sich die Polen, einst berühmte Leseratten, lieber für den Kauf eines Autos als eines Buchs. Während renommierte Altautoren die Krise auf dem Buchmarkt dank ausländischer Übersetzungen unbeschadet überstehen, trifft sie die junge Generation mit voller Wucht. Die Buchpreise sind zu hoch - und Erzähltalente werden so schnell von der Drehbuchbranche geschluckt, dass sie ihre Liebe für den Roman gar nicht erst entwickeln können.
Nur die wenigsten Jungautoren können vom Schreiben leben. Die bekanntesten Autoren wie Andrzej Stasiuk oder Olga Tokarczuk können von Auflagen einer Zoë Jenny oder eines Ingo Schulze nur träumen. »Bei 5000 ist Sense«, sagt Stasiuk und weiß, was er sagt. Nicht nur er, sondern auch Olga Tokarczuk haben einen Selbstverlag gegründet, um über die Runden zu kommen. Für weniger umtriebige Autoren gibt es so gut wie kein Auffangnetz aus Stipendien und Literaturpreisen, und die Bereitschaft der Verlage, Debütanten zu verlegen, ist nicht gerade hoch.
Sogar solche Verkaufsgranaten wie Joanne K. Rowlings »Harry Potter« haben in Polen nicht auf Anhieb einen Verlag gefunden. Doch die materielle Krise ist nur ein Teil des Puzzles. Schließlich entsteht Weltliteratur, wenn es nicht anders geht, in Gefängniszellen oder Armenvierteln.
Die neue Generation scheint von der unerträglichen Leichtigkeit der Freiheit gelähmt zu sein. Themen wie Holocaust oder politische Unterdrückung, von denen die Szczypiorski-Generation zehrte, können nicht aufgegriffen werden, weil die Jungen sie gar nicht erlebt haben. Während in den sechziger Jahren solche buntscheckigen Rebellen wie Marek Hlasko aus dem Boden schossen, nimmt seit 1990 die Zahl interessanter Stimmen in erschreckendem Tempo ab. Hlasko, der seinerzeit in Deutschland lediglich als der Gatte der Schauspielerin Sonja Ziemann bekannt war, pflegte mit einem Pferd durch die Warschauer Kneipen zu ziehen und aus einem Wortschatz von 500 Wörtern Weltliteratur zusammenzustoppeln - er wird lange auf einen Nachfolger warten.
Es herrscht betretene Stille nach dem Sturm, in die solch zweifelhafte Wortschöpfer wie Wojciech Wencel hineinspucken. Der politisch engagierte Jungautor führt seine literarischen Ergüsse mit Vorliebe auf nationalkatholischem Kurs einem trist moralischen Ende entgegen. Am anderen Ufer sprießen wiederum Blüten wie Manuela Gretkowska, die die nationalkatholisch eingelullte Leserschaft mit stark erotisch gefärbten Texten wachstöhnt. Die gut aussehende Autorin schuf gleich zu Anfang ihrer Karriere die Figur einer Frau, die über zwei Vaginen verfügt, was ihr prompt hohe Auflagen und Berühmtheit einbrachte. Aber mit zwei Liebesorganen oder gar mehr hat das Werk der Autorin ebenso wenig eine Fahrkarte nach Frankfurt gewonnen wie das ihres nationalkatholischen Gegenspielers: Im Westen weiß man spätestens seit Henry Miller, dass zu einem guten Text mehr als zwei Venusfallen gehören.
Während die junge polnische Literatur von einer Ecke in die andere taumelt, erkennen einige wenige Autoren schon, dass der beste Platz die Mitte ist. Andrzej Stasiuk hat mit »Der weiße Rabe« erfolgreich an die Erzähltradition der Russen wie Gogol und Platonow angeknüpft. Olga Tokarczuk schreibt etwas langatmige, aber hoch gelobte Romane aus der polnischen Provinz. Der Danziger Pawel Huelle wandelt mit seinem »Weiser Dawidek« und seinen meisterhaft geschriebenen Erzählungen auf den Spuren von Günter Grass. Magdalena Tulli hat in ihrem Roman »In Rot« eine magische Szene nach der anderen in einem Ort angesiedelt, der wohl nur in ihrer Phantasie existiert. Es scheint so, als würde die junge polnische Literatur in einer Zeit und einem Land, wo man Handys und BMW den Vorzug gibt, sich langsam nach universellen Themen umsehen.
Das Frankfurter Publikum kann inzwischen seine Augen auf Autoren richten, die den Pakt mit dem Teufel schon längst geschlossen und eingesehen haben, dass das Schreiben ein zweifelhafter Job ist und der Schriftsteller manchmal eine Geschichte mehr braucht, als sie ihn.
Schließlich fragt Wislawa Szymborska nicht umsonst in einem ihrer Gedichte »Wohin läuft das geschriebene Reh, durch den geschriebenen Wald?« - nur um zum Schluss das Schreiben als »die Rache der sterblichen Hand« zu entlarven. Und wenn man Ewa Lipska nach ihren Gedichten fragt, kann es gar passieren, dass sie zur Gegenfrage ausholt: »Wie wäre es, wenn wir uns stattdessen den Blutdruck messen und über unseren Kreislauf plaudern?«
Auf seine Art gab Stanislaw Lem zu verstehen, was er vom Schreiben hält. Als er vor Jahren von Wien nach Krakau übersiedelte, war ausgerechnet das einzige Möbelstück, das er nicht mitnahm, sein Schreibtisch. Offiziell hieß es: »Auf dem Möbelwagen gab es dafür keinen Platz mehr.«