TINGUELY Meta 8
Behutsam tragen Kurgäste durch den schattigen Park von Baden-Baden weiße Bogen Schreibpapier voll wild gezackter Farbmuster. Es sind Produkte der Malmaschine »Meta-Matik Nummer 8«, die der Schweizer Skulpteur Jean Tinguely, 39, in der Kunsthalle Baden-Baden aufgestellt hat.
Gegen eine Gebühr von einer Mark für ein Schwarzweißblatt oder fünfzig Pfennig pro verwendeter Farbe nach Wahl kann sich jeder Ausstellungsbesucher einen kreativen Produktionsrausch verschaffen. Solange der Gast mit dem Fuß einen elektrischen Kontakt herstellt, produziert für ihn die (in Paris seit 1960 unter der Nummer 1 237 934 patentierte) Maschine rasselnd mit Ölkreide oder Fettstiften Farbwerke, die er bunt auf weiß in sein Hotelzimmer tragen kann.
Auch die übrigen dreißig in Baden-Baden montierten Mechaniken Tinguelys können größtenteils vom Betrachter in Bewegung gesetzt werden. Die grotesken Geräte, aus verbogenem Gestänge, Puppenbeinen, Flaschensplittern, Kuhglocken gebastelt, mit Hilfe der Räder von Kinderwagen, Rollschuhen oder Fahrrädern bewegt, wackeln dann in verwegenen Rhythmen, sie rattern, fauchen, pfeifen, imitieren Vogelstimmen oder holen zu gewaltigen Paukenschlägen aus, schwenken rote Stoffreste durch die Luft oder winken mit Stahlspiralen.
Ein Kettenvorhang schlenkert in der Luft; eine scheppernde Maschine von der Ausdehnung einer Rangierlokomotive überträgt die Kraft eines Elektromotors auf ungeheuer komplizierte Art über Gewinde, Zahnräder, Transformator-Riemen am Ende nur zu dem Zweck, einen rostigen Stahlhelm über einer Zither hin und her zu schleifen.
Derlei absurde und absichtsvoll lächerliche Geräte baute der in Paris ansässige Schweizer Maler Tinguely seit 1953, zunächst für die Kinder seiner Freunde, »damit sie ihre Eltern erschrecken konnten« später als geplanten Hohn über das Präzisionsdasein seines uhrenexportierenden Heimatlandes.
Die schweizerische Solidität, mit der die Geräte konstruiert sind, und die Einfälle, die Tinguely auf seine absurden Mechaniken wendet - in Baden -Baden können die Besucher, während sie auf die Pedale treten, im Gotha blättern -, haben den Maschinen-Karikaturen mondialen Gruselruhm eingetragen. Sie stehen heute in mehr als fünfzig Museen und fehlen weder auf der Kasseler »documenta« noch bei der »Expo 64« in Lausanne.
Seinen bisher größten Auftritt hatte Tinguely, als er für das New Yorker Museum of Modern Art eine über acht Meter hohe Maschine baute. »Huldigung an New York« genannt, die nach einer halben Stunde Tätigkeit ein Kinder -Auto gebären und sich dann selbst zerstören sollte. Die Vorführung vor fünfhundert ausgewählten Gästen der amerikanischen Geldaristokratie verlief nicht völlig nach Plan, weil ein Feuerwehrmann die Nerven verlor und die knallende, Rauchschwaden ausstoßende Riesenmaschine mit einem Feuerlöschgerät vorzeitig zum Stehen brachte.
So heiter Tinguely am Werke ist, wenn er seinen gespenstischen Maschinenpark mit Ölkännchen und Schraubenschlüssel pflegt - als reines Gaudi möchte er seine Produkte nicht aufgefaßt wissen. »Ich nehme diese Sachen ernst«, sagt er. »Wenn man Absurdität weit genug treibt, provoziert sie einigen bitter nötigen Zweifel an dieser wundervollen Zeit, in der wir leben.«
Skulpteur Tinguely, Werk Ein Stahlhelm spielt Zither