Metapher für Amerika - DER SPIEGEL
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Metapher für Amerika

Nashville. Spielfilm von Robert Altman. USA 1975; Farbe; 159 Minuten; Original mit deutschen Untertiteln.
• aus DER SPIEGEL 12/1976
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Es beginnt wie Fellinis »Roma« mit einer monströsen Massenkarambolage, und ähnlich wahnwitzig wirkt auch Robert Altmans Versuch, eine Stadt in den Griff zu kriegen, die er als eine Metapher für Amerika bezeichnet.

Die USA, so das gültige Klischee. hat ihr Herz am rechten Fleck, in Nashville, Tennessee, dem »Athen des Südens«, wie es sich stolz nennt. Dort, am Rande der Appalachen, der Heimat der Hillbillies, pulsiert das Leben im Rhythmus von Amerikas weißer Volksmusik, der Country & Western Music, von dort kommt auch Amerikas älteste Radio-Show »Grand Ole Opry«, eine fünfstündige Country & Western Session, die jeden Samstagabend bis nach Kanada hinauf gesendet wird.

Nashville ist mehr als der Name einer Stadt, es wurde zum Synonym für einen Gemütszustand, dessen gefühlsselige Simplizität man allgemein mit den Sehnsüchten und Erfahrungen der schweigenden Mehrheit gleichsetzt. Doch Country & Western, das ist nicht nur der Saloncowboy Will Rogers oder das patente Girl Loretta Lynn, das ist auch Johnny Cash und Roh Dylan, da wird nicht nur Herz auf Schmerz gereimt, da singt man auch von Suff, Ehebruch und Knast. Das permanente Woodstock der ewigen Nobodys, deren Blütenträume längst verwelkt sind, auch das ist Nashville.

Nichts leichter, als eine Satire darüber zu machen. Wo sich Gefühl und Geschäft verbrüdern, liegt Zynismus förmlich in der Luft. Daß Altman dieser Versuchung eisern widerstanden hat, ist eine der erstaunlichsten Qualitäten seines Films, der sich streckenweise wie eine Dokumentation ganz der Faszination dieser Stadt hingibt.

Was anderes daraus hätte werden können, zeigt Altman an der vielleicht mißlungensten, weil auf Karikaturformat verstümmelten Figur einer BBC-Korrespondentin (Geraldine Chaplin>, die ein Hörbild über Nashville für ihren Sender macht. Für sie verkommt alles, was sie sieht, sofort zum Symbol für Amerika: Massenkarambolage, Altman läßt ihr keine Chance, als gedachte Kunstfigur lebendig zu werden unter all den anderen Personen, die den Plastikcharakter ihrer Regungen so weit verinnerlicht haben, daß er zu ihrer wahren Natur geworden ist.

An der Talmifassade der Erfolgreichen wie Haven Hamilton (Henry Gibson), dem kleinen ungekrönten König Nashvilles, lassen sich auch nicht die feinsten Persönlichkeitsrisse ausmachen. Zu Beginn des Films singt Haven einen Song mit dem Refrain »we must be doing something right to last 200 years«; daran glaubt er und danach lebt er, ein im weißen Cowboydreß einherstolzierendes Monument amerikanischen Selbstbewußtseins.

Starrummel, Autofriedhof, Sex und Gewalt. Sie steigt mit dem Countrysänger und Frauenheld Tom Frank (Keith Carradine) ins Bett, als wäre das ein Teil ihrer journalistischen Feldstudien, und reagiert furchtbar fickerig beim Anblick eines schwarzen Gospelchors. Um ihn bemüht sich der Wahlmanager des Präsidentschaftskandidaten einer obskuren, populistischen »Replacement Party« (der Film spielt zur Zeit der Wahlen in diesem Herbst), dessen aus einem Lautsprecherwagen hinausposaunte Sprüche wie »Riecht Weihnachten bei Ihnen auch nach Orangen?« sich wie ein akustisches Menetekel durch den ganzen Film ziehen. Von den Schlitzohren in Washington ist da die

Rede, vom einfachen Leben und vom gesunden Menschenverstand, und bald kann man die Wahlslogans nicht mehr von den Songtexten unterscheiden.

Während oben Politik sind Hits gemacht werden, schlagen sich unten die kleinen Starlets mit ihrem Traum vom großen Erfolg herum, den sie auch nach den schlimmsten Erniedrigungen nicht auszuträumen bereit sind, sammelt ein superheißes Groupie (Shelley Duvall) Bettgeschichten wie andere Autogramme und versucht in einer der ergreifendsten Szenen eine als Gospelsängerin dilettierende Hausfrau und Mutter zweier taubstummer Kinder (Lily Tomlin), sich durch eine Liebesaffäre mit Tom Frank ein wenig aus den Gleisen kippen zu lassen.

Altman verzahnt Episoden und Figuren über zweieinhalb Stunden hinweg mit hinreißender Virtuosität. Bei der abschließenden Wahlveranstaltung finden sich all seine Personen unter einem überdimensionalen Sternenbanner zusammen. Als das Fest durch einen sinnlosen Mord an einer Sängerin zu platzen droht, bekommt ein Mädchen, das den ganzen Film auf seine Chance gewartet hat, unvermittelt das Mikrophon in die Hand gedrückt. In zerschlissenen Netzstrümpfen stolpert sie auf die Bühne und singt »It don"t worry me«. The show must go on.

Wo immer Altman Hysterie, Neurosen, Verlogenheit und falschen Glanz zeigt, tut er dies mit einem liebevollen Verständnis für all jene, die dem amerikanischsten aller Träume, dem vom Erfolg, nachjagen und oft unter ihm zusammenbrechen, wenn sie ihn erreicht haben. Aus dieser von aller intellektuellen Motzerei befreiten Haltung heraus ist ihm das wohl überzeugendste Porträt der amerikanischen Volksseele gelungen. Wolfgang Limmer

Wolfgang Limmer
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