Methode Poe - DER SPIEGEL
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MAYAS Methode Poe

• aus DER SPIEGEL 31/1962
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wer wird der Priester, der Prophet

sein, der den Sinn dieser Zeichen richtig deutet?« fragte der Maya-Priester Ah Kauil Ch'el Abfang des 16. Jahrhunderts, nachdem die spanischen Eroberer eingefallen waren. »Niemand blieb übrig auf Erden, der es vermag.«

Vier Jahrhunderte lang vermochte es niemand. Die Hieroglyphen der Mayas, seltsame Zeichen einer versunkenen Kultur, blieben Geheimnis. Dann fanden sich die Deuter ein: sowjetische Mathematiker.

»Eines der schwierigsten Rätsel, das uns die Geschichte aufgegeben hat«, sei nun gelöst, verkündete unlängst der Moskauer Dozent Felix Schirokow in der Zeitschrift »Unesco-Kurier": Die Maya -Handschriften seien mit Hilfe eines Elektronengehirns dechiffriert worden.

Seit Generationen hatten Ethnologen vieler Länder vergebens versucht, die Maya-Schrift vollständig zu entschlüsseln. Obgleich die Maya-Kultur zu den jüngeren Kulturen der Menschheitsgeschichte zählt, wußten die Forscher von den Urbewohnern Mittelamerikas weniger als von den alten Ägyptern und Babyloniern, die ihre Blütezeit lange vor den Mayas erlebt hatten.

Nicht einmal die Tatsache, daß noch heute in Mittelamerika über eine Million direkter Nachfahren der Mayas leben, konnte den Wissenschaftlern weiterhelfen: Unter diesen Nachkömmlingen gibt es keinerlei mündliche Überlieferung. Und nur drei Originalmanuskripte in Maya-Schrift - Handschriften, die in Madrid, Paris und Dresden aufbewahrt werden - standen den Wissenschaftlern für ihre Forschungsarbeiten zur Verfügung. Diese sogenannten Codices sind die einzigen unversehrten Überbleibsel der gigantischen Bücherverbrennung, die Spaniens Konquistadoren nach der Eroberung des Maya -Landes veranstalteten. Auf Befehl der spanischen Kirchenfürsten wurden damals alle heidnischen Schriften vernichtet.

Nachdem sich die Eroberer wieder zurückgezogen hatten, geriet das Maya -Land in Vergessenheit. Die Tempelstädte der Mayas, zum Teil schon seit Jahrhunderten verlassen, wurden vom Urwald überwuchert.

Erst drei Jahrhunderte später wurde das alte Amerika zum zweitenmal entdeckt: Als der New Yorker Jurist John Lloyd Stephens sich im Jahre 1839 durch einen alten spanischen Reisebericht in das einstige Konquistadorenland locken ließ, hieb er mit seiner Machete unversehens eine Bildsäule der Mayas aus dem Dschungel von Honduras. Die Skulptur hatte ein »Gesicht, das Schrecken einzuflößen vermochte« und war »üppig mit Hieroglyphen verziert« (Stephens).

In den folgenden Jahrzehnten legten die Forscher in den Urwäldern Süd -Mexikos und Guatemalas sowie auf der Halbinsel Yukatan die Ruinen der Maya-Städte frei. Reiche Reste fielen an: Fast jeder Baustein der zahllosen Pyramiden und Tempel war mit Hieroglyphen bedeckt.

Allein, den Ethnologen und Sprachwissenschaftlern fehlte, was einst dem Franzosen Jean-Francois Champollion den Schlüssel zur Deutung der ägyptischen Hieroglyphen geliefert hatte: ein »Stein von Rosette« - ein Pendant zu jenem berühmten Dreisprachenstein also, in den derselbe Text (eine Widmung der Priesterschaft von Memphis aus dem Jahre 196 vor Christi Geburt) sowohl in ägyptischen Hieroglyphen als auch in einer volkstümlich abgewandelten Schriftart als auch in Griechisch eingraviert worden war.

Im Jahre 1863 schien es dennoch, als lasse sich das Maya-Geheimnis mühelos lüften. Der Franzose Brasseur de Bourbourg entdeckte in den königlichen Staatsarchiven von Madrid einen verstaubten »Bericht über die Geschehnisse in Yukatan«, den Diego de Landa, zweiter Bischof von Yukatan, im Jahre 1566 verfaßt hatte. Obwohl selbst beflissener Befürworter der Bücherverbrennung, erläuterte Landa - offenbar einem ketzerischen Gelehrtenspleen folgend - in seinem Bericht die heidnischen Hieroglyphen für Tages- und Monatszeichen. Zudem stellte er einer Reihe von Hieroglyphen spanische Buchstaben gegenüber - eine Art Alphabet.

Dank dieser Orientierungshilfe gelang es den Forschern tatsächlich, einen - wenn auch nur bescheidenen - Teil der Maya-Zeichen zu entziffern: die chronologisch-numerischen Hieroglyphen.

Damit erschlossen sich den Wissenschaftlern nur Zahlen, nicht Zeugnisse. »Der Dschungel«, resümierte C. W. Ceram in »Götter, Gräber und Gelehrte«, »den wir heute von den Pyramiden und Palästen des uralten Amerika entfernen, gibt Bauwerke frei, aber noch nicht Vergangenheit, Daten, aber noch keine Geschichte...«

Was sich als das Kernproblem der Maya-Forschung erwies, ließe sich etwa mit der Situation von Wissenschaftlern in utopisch ferner Zukunft vergleichen, die - auf den Spuren des längst versunkenen Abendlandes - nur Bilanzen, Lochkarten und Nautische Jahrbücher des 20. Jahrhunderts, nicht aber Protokolle, Gesetze und Zeitungen lesen könnten.

Freilich war die Entzifferung der numerisch-kalendarischen Hieroglyphen bedeutsam genug. Denn die Maya -Kultur entpuppte sich als eine Kultur der Zahl; die Priester-Mathematiker und -Astronomen der Mayas erwiesen sich als Kalendermacher von schier unglaublicher Präzision. Ihr Kalender war exakter als der gregorianische, der heute gilt.

Doch die alten Mayas, Koryphäen des abstrakten Wissens (die nicht einmal das Rad kannten), waren zugleich Sklaven ihrer Zeitordnung. Die Zyklen ihres Kalenders bestimmten, wann ein Haus oder Tempel zu bauen, eine-neue Stadt oder gar ein neues Reich zu gründen sei.

So wurde ihre Architektur zu steinerner Mathematik. Fast jede Säule und jeder Stein der Treppenpyramiden, die zu Mond, Sonne und den Gottheiten hinanführen sollten, waren mit Daten-Hieroglyphen bespickt.

Die Archäologen und Ethnographen waren zwar bald imstande, die Aufeinanderfolge historischer Ereignisse, etwa den Bau der Städte Copán oder Chichen Itzá, nach mayanischer Zeitrechnung aufzuzeigen. Jeder Bezug zur abendländischen Zeitrechnung aber fehlte; die Wissenschaftler hatten keinerlei Anhaltspunkte dafür, ob die Maya-Hieroglyphen von Geschehnissen zur Zeit des heiligen Franz von Assisi oder zur Zeit Neros kündeten.

Die Mehrheit der Forscher neigt heute zu der Annahme, daß beispielsweise das »Neue Reich« der Mayas 610 nach Christi Geburt gegründet wurde. Nicht ausschließen läßt sich aber, daß die Reichsgründung im Jahre 350 stattfand - wenn nicht gar im Jahre 90. (Das Intervall

von jeweils 260 Jahren erklärt sich aus den Kalenderzyklen der Mayas.)

Hatten die Maya-Forscher dank der Landa-Aufzeichnungen zumindest Zugang zu den, numerisch-kalendarischen Hieroglyphen gefunden, so erwiesen sich alle Bemühungen als vergebens, anhand des Landa-Alphabets die nichtkalendarischen Maya-Zeichen zu deuten. Nach fünfzigjähriger Arbeit kam der deutsche Maya-Forscher Dr. Paul Schellhas, der um die Jahrhundertwende die Maya-Hieroglyphen als Götter- und mythologische Tiergestalten identifiziert hatte, zu dem Schluß, die Hieroglyphenschrift der Mayas bleibe für die Forscher unlesbar.

Um so mehr waren westliche Maya -Experten überrascht, als Anfang 1961 in Moskau verkündet wurde, Sowjetforscher am Mathematischen Institut Nowosibirsk hätten die Maya-Hieroglyphen vollständig entziffert. »Was ausgezeichnete Gelehrte in 130 Jahren nicht zu klären vermochten«, triumphierte die (Ost-)"Berliner Zeitung«, »gelang den Sowjetwissenschaftlern mit Hilfe einer wahrhaft idealen rechnenden Elektronik.«

Welche Methode die Sowjetforscher angewandt hatten, wurde indes erst vor kurzem bekannt. Die Mathematiker Jewreinow, Kossarew und Ustinow hatten sich der häufigkeitsstatistischen Methode bedient, wie sie in zwei Weltkriegen zur Entschlüsselung von Codes perfektioniert wurde. Prinzip: Die Häufigkeit der Zeichen in der zu enträtselnden Schrift wird verglichen mit der Häufigkeit der Sprachelemente (Worte, Silben oder Laute), die für jede Sprache spezifisch ist.

Der sowjetische Wissenschaftler Felix Schirokow apostrophierte dieses Verfahren als eine »Methode nach, Edgar Allan Poe«. William Legrand, der Held in Poes Erzählung »Der Goldkäfer«, hatte die Geheimschrift des Piraten William Kidd entziffern können, weil er wußte, daß der Buchstabe »e« in der englischen Sprache am häufigsten ist; es folgen »a«, »o«, '"i«, »d«. So ersetzte er das häufigste Geheimzeichen durch ein »e« und führte die Prozedur - ergänzt durch Analogschlüsse - fort, bis er den Klartext vor Augen hatte.

Die russischen Mathematiker hatten ein ungleich verwickelteres Problem zu lösen. Denn die Häufigkeit der Sprachelemente in der Maya-Sprache war nicht bekannt.

Die Sowjetforscher entschlossen sich zu einem gigantischen Puzzle-Spiel:

- Sie ordneten die Hieroglyphen (der in Madrid und Dresden aufbewahrten Originalmanuskripte) nach ihrer Häufigkeit.

- Gleichzeitig stellten sie eine Gruppenordnung auf, indem sie die Häufigkeit der Kombination der beiden an erster Stelle stehenden Hieroglyphen, dann die Häufigkeit der drei, dann der vier an erster Stelle stehenden Zeichengruppen ermittelten.

Nach derselben Methode werteten die Sowjets dann die sogenannten Chilam -Balam-Bücher aus, Chroniken aus der Zeit nach der spanischen Invasion, die zwar in Maya-Sprache, aber mit lateinischen Buchstaben geschrieben, worden waren.

Nun erkannten die Wissenschaftler, daß die Häufigkeit der Buchstabenkombinationen in den Chilam-Balam -Büchern fast völlig übereinstimmte mit der Häufigkeit der Hieroglyphensymbole. Die Hälfte aller Wörter in den Chilam-Balam-Texten begann mit einer von 70 besonders häufigen Buchstabenkombinationen, und die Hälfte der Hieroglyphengruppen in den Originalmanuskripten von Madrid und Dresden mit einer von 73 besonders häufigen Hieroglyphenkombinationen.

Damit war das Problem eingeengt: Die Bedeutung der 73 Hieroglyphensymbole mußte sich aus den 70 Buchstabenkombinationen herausdestillieren lassen. Millionen von Rechenoperationen waren dafür erforderlich. Ein Elektronengehirn bewältigte sie in 40 Stunden.

Vor einigen Wochen legten die russischen Mathematiker einen dreibändigen Bericht über ihre Arbeit vor.

Allerdings: Führende westliche Maya -Forscher studieren das Werk mit Skepsis. Sie argwöhnen, daß das sowjetische Elektronengehirn mit fragwürdigem theoretischem Rohmaterial gefüttert wurde.

In der Frage nämlich, inwieweit die Maya-Hieroglyphen als Ideogramme (Begriffszeichen wie die ägyptischen Hieroglyphen) oder als Symbole für Silben oder einzelne Laute zu werten seien, gehen die Ansichten der Wissenschaftler (in Ost wie West) auseinander.

So befürchten einige Experten, die Sowjets könnten ein falsches Problem gelöst haben - nicht das Geheimnis der Mayas, sondern ein Rätsel, das sie selbst formulierten.

Maya-Tempel. Das Geheimnis von Yukatan...

... in Nowosibirsk enträtselt?: Maya-Hieroglyphen

Sowjet-Forscher Jewreinow, Kossarew, Ustinow: Entschlüsselung durch Elektronenhirn

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